Serie
Streit um die Bier-Vorherrschaft: Der ARD-Sechsteiler „Oktoberfest – 1900“
Ausgerechnet ein Franke zettelt 1898 einen Machtkampf auf der Münchner Wiesn an. Der Nürnberger Brauer Curt Prank (Mišel Maticevic) ist nicht zimperlich, um Wirts-Parzellen auf dem Gelände zu erwerben. Er sichert sich nicht nur die Dienste des Stadtrats Alfons Urban (Michael Kranz), um ständig informiert zu sein und die Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Er bezahlt auch einen gewissenlosen Auftragsmörder (Martin Feifel).
Pranks Expansionsdrang bedroht jedoch die alteingesessenen Wirte der Biermetropole, für die das traditionelle Volksfest ein Einnahmegarant ist. 30 Prozent des Jahresumsatzes machten die Brauer damals in den 14 Herbsttagen. Um die unliebsame Konkurrenz auszuschalten, drehen sie Prank den Bierhahn daher zu: Künftig soll nur noch in München gebrautes Bier auf dem Oktoberfest ausgeschenkt werden dürfen.
Auch ein bisschen Romeo & Julia
Doch die Serie erzählt nicht nur von Bier und Umsatz, ein bisschen Romeo & Julia ist auch zu erleben: Pranks Tochter Clara (Mercedes Müller) gerät in der pulsierenden Metropole auf Abwege. Ihre Gouvernante Colina (Brigitte Hobmeier) führt sie in die wilde Underground-Partyszene ein. Bald ist sie ungewollt schwanger, ausgerechnet von Roman Hoflinger (Klaus Steinbacher), dem Sohn von Pranks Konkurrentin (Martina Gedeck). Nach dem Fehltritt des Erstgeborenen soll ihr Sohn Ludwig (Markus Krojer) die Geschäfte übernehmen. Doch der träumt von einer Karriere als Künstler und lebt seine Neigungen in der Homosexuellen-Szene aus.
Um den Aufstieg des skrupellosen Emporkömmlings Prank und dem Abstieg der Hoflinger Brauerdynastie rankt sich Hannu Salonens mit hohem Schauwert und einem spielfreudigen Ensemble in Szene gesetzte sechsteilige Event-Serie mit dem nicht gerade prickelnden Titel „Oktoberfest 1900“. Er legt sie als eine Mischung aus Western, Shakespeare-Plot sowie Wirtschaftskrimi an. Der Verdrängungswettbewerb zwischen traditionsreichen Kleinbrauereien, die ihr Bier kaum lagern konnten, und in industriellen Kategorien denkenden Brauern treibt die Handlung voran.
Opulent und spannend
Das Konzept geht auf. Die in Tschechien, Bayern und Nordrhein-Westfalen gedrehte Serie macht das Zeitkolorit durch die opulente, detailgetreue Kulisse lebendig und eine spannende Geschichte somit transparent. Bei den heutigen Wiesnwirten sorgte die Serie dagegen im Frühsommer für Aufregung. Sie beschwerten sich via Boulevardpresse, dass durch die Serie ein falsches Bild von Vergangenheit und Gegenwart der Wiesn entstehe.
Produzent Michael Souvignier von der Produktionsfirma Zeitsprung, seit Jahren Spezialist für historische Großprojekte wie „Der Fall Barschel“ oder „Tagebuch der Anne Frank“, kann die Aufregung indes nicht verstehen. Er verweist auf die Fakten, die seine Autoren genau recherchiert hätten. Der Kampf der Münchner gegen Eindringlinge von außen sei ebenso belegt wie der Streik der Serviererinnen für eine bessere Bezahlung und der Aufenthalt von Menschen aus der Südsee an der Isar, die als darsteller von „Kannibalen“ auf den damaligen Jahrmärkten das Bild der Zeitgenossen von anderen Kulturen prägten.
Kritiker schweigen
Souvignier hat den Kritikern die Serie vorab zugeschickt, seine Gesprächsbereitschaft signalisiert und nie wieder von ihnen gehört. Als Rheinländer weiß er auch, dass die Bayern feiern können. Und das sollte sichtbar werden. Dass der Alkoholgenuss Folgen hat, müsse die Serie auch zeigen, meint er.
Aber vielleicht plagt die Münchner nur die Erkenntnis, dass nun mal ein Franke das Oktoberfest in seiner heutigen Form erfunden hat. Georg Lang, Wirt des Augustiner-Bräu in Nürnberg, war das Vorbild für die Figur des Prank. Er sicherte sich 1898 über Strohmänner fünf zusammenliegende Parzellen auf der Wiesn. Doch statt diese wie gewohnt einzeln zu bewirtschaften, baute er ein riesiges Festzelt für 6000 Menschen. Die Stimmung heizte er mit Musik an.
Produzent Souvignier hofft nun auf eine weitere Staffel. Insbesondere die Geschichten der Frauen, die ihm besonders am Herzen liegen, seien noch nicht auserzählt, findet er. gerade das Schicksal von Maria Hoflinger, das jetzt ein wenig untergeht, berge noch spannenden Stoff für weitere Teile.
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