Elsass RHEINPFALZ Plus Artikel Straßburg-Neuhof: Menschen im Brennpunkt

Seniorenweihnacht, vorbereitet von der Jugendgruppe des Viertels.
Seniorenweihnacht, vorbereitet von der Jugendgruppe des Viertels.

Brennende Autos in der Silvesternacht: Das verbinden noch immer viele Menschen mit dem Straßburger Stadtteil Neuhof: Das Stigma bleibt, obwohl es von hier auch positive Nachrichten gibt. Längst nicht alles ist gut, aber die Menschen geben noch lange nicht auf. Momentaufnahme vor dem Jahreswechsel.

Jamila Haddoums Jugendgruppe hat in der Woche vor Weihnachten eine Winterlandschaft mit glitzernden Bären aufgebaut und den Raum für die Senioren vorbereitet. Eine Handvoll runde Tische mit Stühlen sind in einem Anbau des Stadtteilzentrums über den Raum verteilt. Die ersten rüstigen Damen, 72, 85, 91 Jahre alt, treten ein, die älteren von ihnen in Begleitung.

Vor zwei Jahren seien es immer etwa 60 Senioren und Seniorinnen gewesen, erzählt Haddoum, Ende 30, Koordinatorin für die Jugendarbeit im Stadtteilzentrum Neuhof-Ziegelwasser, aber auch für sehr viel mehr zuständig, wenn es Weihnachten wird und jede Unterstützung gebraucht wird. „Jetzt sind sie nicht einmal die Hälfte im Vergleich zu früher“, sagt sie. Für das Fest ist der Pass sanitaire vorgeschrieben. Wer Impfung oder Test ablehne, ist nicht willkommen. Alle Anwesenden hier seien bereits dreifach geimpft. Aber:„Manche Menschen sind leider etwas verloren“, erklärt die Sozialarbeiterin. Jede Veränderung in der Strategie der Regierung verunsichere. Die Menschen verlören das Vertrauen. In den sozialen Medien würden sie so manches lesen und könnten es nicht einordnen.

Jamila Haddoum hat sich als junge Frau in der französischen Rap-Szene einen Namen gemacht. Seit sie Mutter geworden ist, arbeitet sie im Stadtteilzentrum. Sie ist in Neuhof aufgewachsen, kennt das Quartier und seine 22.000 Menschen also bestens. Gemeinsam mit ihren Zwillingen und ihrer kleinen Tochter rappt sie als „Djiness“ und die „Bibouches“ noch immer: Songs, in denen es um Zusammenhalt und Engagement für andere geht.

Das ist Teil ihrer ganz persönlichen Mission: Menschen stärken, ihnen auch klar machen, dass sie sich selbst einbringen müssen. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2017 hatte sie eine Bürger-Challenge, einen Wettbewerb aller Banlieue-Viertel Frankreichs, auf die Beine gestellt, um die Leute zum Wählen zu bewegen. Bei der Kommunalwahl 2020 holte sie in Neuhof Erstwähler zu Hause ab, damit sie ihre Stimme abgaben.

Ein unbekanntes Verbot

Jamila Haddoums Jugendgruppe hat auch das Senioren-Fest mit vorbereitet. Es ist alles so normal hier. Dabei machen Jugendliche aus Neuhof zu jedem Jahreswechsel vor allem mit einer Sache Schlagzeilen: mit brennenden Autos. Ein Stigma, das sie nicht loswerden. „Wenn sich sie für einen Job bewerben“, sagt Jamila Haddoum, „werden sie allein aufgrund der Adresse aussortiert.“

Früher führte die Route du Polygone aus dem Straßburger Zentrum nach Neuhof. Der Straßenname war synonym für gelebte Ausgrenzung. Mit dem Ausbau der Tram in die südliche Banlieue sollte alles besser werden. Aus Route du Polygone wurde Avenue du Neuhof.

„Es gibt Gewohnheiten, die haben sich in den Köpfen festgesetzt“, sagt Khoutir Khechab, seit 20 Jahren Leiter des Stadtteilzentrums Neuhof mit seinen inzwischen fünf Ablegern. Es reiche schon aus, dass ein paar Jugendliche es lustig finden, Autos anzuzünden, und die Lage eskaliere. Er wolle die Präfektin nicht kritisieren. Manche Eltern bekämen von dem Ausgangsverbot für unbegleitete Jugendliche in der bevorstehenden Silvesternacht womöglich gar nichts mit. „In den Augen der Jugendlichen ist es ein dummes Kinderspiel und doch fatal für unsere Stadt und unser Viertel.“

Das Armenhaus der Stadt

2019 auf 2020 gingen in der Straßburger Banlieue, in Hautepierre, Cronenbourg, Meinau und in Neuhof, mindestens 300 Pkw in Flammen auf. Polizei, Behörden, Feuerwehr, alle waren schockiert, überrascht, sagten mit einer Stimme, so viele waren es schon lange nicht mehr. „In der Präfektur erinnert man sich daran immer kurz vor jedem Jahreswechsel“, sagt Khechab, um dann durchzugreifen.

Seit vielen Jahren veranstalten sie in den Stadtteilzentren Feste, versuchen alles, um die Jugendlichen an diesem Abend von der Straße zu holen. Für manche sei das Spiel mit dem Feuer ungeachtet dessen unwiderstehlich.

Das Weihnachtsfest der Senioren, das Micheline Luis seit vier Jahrzehnten im Stadtteilzentrum organisiert, scheint davon unberührt. Und doch leidet auch die 67-Jährige, die vor 40 Jahren mit ihrem portugiesischen Mann nach Neuhof gezogen ist, unter dem schlechten Ruf. „Neuhof? Wir sind ein Viertel wie jedes andere auch“, versichert sie. Unterdessen macht sie den Tisch für den Traiteur, den Caterer, zurecht, der gleich das Essen bringen wird. Drogen und Kriminalität gebe es auch anderswo. „Wäre ich geblieben, wenn alles so schlecht wäre?“, fragt sie mit prüfendem Blick und gibt die Antwort gleich selbst. „Nein!“ Vor einem Jahr hätten sie wegen Corona statt einer Feier allen ein Weihnachtspaket nach Hause gebracht. „Wir sind hier solidarisch“, sagt sie mit Bestimmtheit.

„Ganz sicher haben alle, die in den vergangenen Jahrzehnten im Straßburger Rathaus Politik gemacht haben, viel investiert“, sagt Khoutir Khechab. Während der ersten Corona-Welle, im Lockdown vom Frühjahr 2020, habe niemand mehr darüber hinwegsehen können, wie ungleich die Lebensverhältnisse sind. In der Pandemie hätten die Familien im Viertel nicht nur wegen der beengten Wohnverhältnisse gelitten. „Wir haben 250 bedürftige Familien mit Computern ausgestattet. Aber das bedeutet nicht“, sagt Khechab, „dass alle anderen gut mit der Situation zurechtgekommen sind.“ Viele Familien hätten sechs, sieben oder acht Kinder. Die Digitalisierung verstärkt die sozialen Bruchstellen in der Gesellschaft. Auch das Département hatte Geld für Computer zur Verfügung gestellt. Viele Familien hätten jedoch nicht einmal gewusst, dass es ein solches Anrecht gab.

Neuhof ist eines der ärmsten Straßburger Quartiere. Fast die Hälfte der Haushalte gilt als bedürftig. Etwa jeder zweite männliche Bewohner hat keinen Job; unter Frauen liegt die Quote noch höher. Wer nach der Herkunft oder den Ursprüngen der Menschen hier fragt, erhält weit mehr als 40 verschiedene Herkunftsländer zur Antwort.

In Neuhof gibt es mitunter dörfliche Ecken mit Häusern, die isoliert scheinen neben den hoch hinaufstrebenden Gebäuden der Cité. Bis Ende der 70er-Jahre errichtete die Stadt tausende Sozialwohnungen. Noch heute macht der unterstützte Wohnungsbau einen hohen Anteil der Wohnungen aus, auch wenn die staatliche Politik der vergangenen Jahre in den Brennpunkten, den Quartiers prioritaires, den Eigentumserwerb mit Null-Zins-Krediten begünstigt und viele baufällige Hochhausriegel saniert hat oder sie abgerissen und ersetzt worden sind. Es sind Inseln inmitten einer noch immer massiven sozialen Benachteiligung.

Vorbild Abd al Malik

„Eine mutige Entscheidung wäre es“, sagt Khechab, „wenn man es schwächeren Familien ermöglichen würde, in der Innenstadt zu leben.“ Doch Frankreichs Waffe gegen das Elend sind seit Jahrzehnten millionen-, aufs ganze Land gerechnet milliardenschwere städtebauliche Projekte. „Verhindert hat das nicht“, sagt Khoutir Khechab, „dass sich in Stadtteilen wie Neuhof die ganze Prekarität einer Stadt konzentriert“.

Jamila Haddoum hört im Vorbeigehen zu, mischt sich in das Gespräch, sagt, die neuen Häuser seien schön anzusehen. Aber was hilft es, wenn die Wohnungen oft kleiner und teurer als vorher sind. „22.000 Menschen können doch nicht einfach umziehen“, sagt sie, „weil sie ein schlechtes Image loswerden wollen.“

Khoutir Khechab würde niemandem unterstellen, dass er nicht das Beste für die Menschen im Viertel wolle. Mehrfach hat er vorgeschlagen, Leute, die sich mit der sozialen Schieflage auskennen, an einen Tisch zu holen. Er ist nicht durchgedrungen, und ist sich doch sicher, man müsse nur den richtigen „nudge“ finden, wie Sozialpsychologen sagen, einen subtilen Anreiz, mit dem sich die Jugendlichen davon abbringen ließen, Dummheiten zu machen.

Anfang 2020, nach der Krawall-Silvesternacht, regte der damalige Präfekt, noch bevor er sich aus Straßburg in den Ruhestand verabschiedete, eine soziologische Untersuchung an. Es gab ein erstes Treffen von Fachleuten, das wohl ohne Fortsetzung geblieben ist. Selbst Gutes, das aus Paris angestoßen wird, die Halbierung der Schülerzahl pro Klasse in den Banlieue-Quartieren, ließe sich, sagt Khechab, zum Stigma umdeuten. Die dort sind nur halb so schlau. Sie haben es nötig.

Micheline Luis serviert den ersten Seniorinnen ihre Vorspeise. Viele hätten es doch geschafft, versichert sie. Abd al Malik zum Beispiel, der französische Vorzeige-Rapper und Slammer, der seine Kindheit in Neuhof verbracht hat. Ein Vorbild. Gewiss einer, der den Graben übersprungen hat.

Keine Weihnachtsfrau, sondern Rapperin, Sozialarbeiterein, Mutter und eine Art guter Geist des Quartiers: Jamila Haddoum.
Keine Weihnachtsfrau, sondern Rapperin, Sozialarbeiterein, Mutter und eine Art guter Geist des Quartiers: Jamila Haddoum.
Zwei überzeugte Neuhofer: Khoutir Khechab kümmert sich seit 20 Jahren um die Jugendlichen des Viertels, Micheline Luis lebt hier
Zwei überzeugte Neuhofer: Khoutir Khechab kümmert sich seit 20 Jahren um die Jugendlichen des Viertels, Micheline Luis lebt hier gerne.
x