Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Stilles Glück: Stewart O’Nans neuer Roman

Erzählt aus dem Alltag eines alternden Paares: Stewart O’Nan.
Erzählt aus dem Alltag eines alternden Paares: Stewart O’Nan. Foto: Picture alliance/APA/picturedesk.com

Stewart O’Nan hat sich längst in die Riege der besten zeitgenössischen US-amerikanischen Autoren geschrieben. Mit seinem neuen Roman „Henry persönlich“ kehrt der 58-Jährige zu Figuren zurück, die schon aus früheren Roman wie „Abschied von Chautauqua“ und „Emily, allein“ bekannt sind.

O’Nan legt eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit an den Tag, begann er doch als Autor, in dessen Büchern Verbrechen oder exzessiver Drogenkonsum eine große Rolle spielten. Er wurde folglich nicht zu Unrecht als ein Stephen King der Hochkultur bezeichnet. Dann folgte der Roman „Westlich des Sunset“ über die letzten Jahre des großen Schriftstellers Francis Scott Fitzgerald. Seinen vorletzten Roman, „Stadt der Geheimnisse“, wiederum siedelte er in Jerusalem an. Aus der Perspektive des russischen Taxifahrers Brand erleben wir den Untergrundkampf gegen die britische Mandatsmacht im Jahr 1948.

Blende. Nun veröffentlicht O’Nan wieder einen Familienroman. Mit „Henry persönlich“ schreibt er die Geschichte der Maxwells fort, wobei er sich dafür auf eine kleine Zeitreise begibt. Denn es ist ja so: Zunächst gab es 2002 den Roman „Abschied von Chautauqua“, in dem die Familie Maxwell nach dem Tod von Familienvorstand Henry ein letztes Mal zusammenkommt, bevor das geliebte Feriendomizil verkauft wird. 2011 bildete O’Nan das Leben der Witwe Emily ohne ihren Gatten Henry ab. In „Henry persönlich“, der Vorgeschichte quasi zu „Emily, allein“, lebt der 75-jährige Henry nun noch. Natürlich spielt der Tod in seinen Gedanken immer mal wieder eine Rolle, zumal sein Hausarzt an einem Tumor stirbt. Aber der 58-jährige Schriftsteller schildert einen älteren Herrn, der in Pittsburgh unverdrossen seine Alltagsaufgaben zu meistern versucht – und dabei natürlich den einen oder anderen Stolperstein zu überwinden hat.

Ein liebenswerter Senior

Wer Stewart O’Nans Romane kennt, weiß, dass er dies mit einer großen Detailversessenheit tut. Darauf muss man sich einlassen. Wir folgen dem äußerst liebenswerten Senior über ein Jahr lang, erleben ihn beim Hochzeitstag, beim Einkauf im Baumarkt, auf dem Golfplatz mit Freunden, während des Urlaubs mit der Familie im Ferienhaus, am Vatertag und immer wieder an der Werkbank im Keller, wo der alte Ingenieur so gerne tüftelt.

Wegen einiger finanziellen Fehlentscheidungen, die nicht erläutert werden, müssen die Maxwells auch im Alter aufs Geld achten. Der Blick in die Jugend der Hauptfigur ist weit weniger ausschweifend, Henry diente im Zweiten Weltkrieg, er hatte mit Sloan eine leidenschaftliche, aber unglückliche Liebesgeschichte. Die anderen Familienmitglieder sind nur Statisten im Alltagstheater des Henry Maxwell, wobei einige Themen von „Chautauqua“ bereits hier angedeutet werden, nennen wir die Alkoholprobleme von Tochter Margaret, die Sorgen in ihrer Ehe hat, da ihr Mann Jeff ein Verhältnis mit einer Krankenschwester zu haben scheint. Aktiv greift Henry hier nicht ein, er ist ein bisschen feige, auch aus dem schwelenden Konflikt zwischen Emily und Lisa, der Frau seines Sohnes Kenny, hält er sich schön raus.

Über die Zeit, die bleibt

„Henry persönlich“ ist ein Roman über das Alter, es ist ein Roman mit dem Thema Verlust, das sich durch das ganze Buch zieht. „Die Zeit nahm einem alles“, sinniert Henry einmal. Der Mensch seines Lebens ist Ehefrau Emily, mit der Henry fast 50 Jahre verheiratet ist. Sie sind in vielem gegensätzlich – und passen doch gut zusammen, ergänzen sich. Ist sie nicht bei ihm, weil sie eine kranke Freundin unterstützt, fehlt ihm viel. „Er war geduldig, Er konnte warten. ... Es hatte keinen Sinn, Trübsal zu blasen wie ein liebeskranker Teenager.“ Eine langlebige Zuneigung hat das Verlangen ersetzt.

Lesezeichen

Stewart O’Nan: „Henry persönlich“; Roman; aus dem Englischen von Thomas Gunkel; Rowohlt; 480 Seiten; 24 Euro.

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