Pop
Starke Frauen und „Musik aus Müll“ beim Maifeld Derby
„Willkommen in der Sauna“, begrüßt Uche Yara grinsend all jene, die um 14 Uhr im immerhin recht luftigen „Palastzelt“, das diese Woche auch noch als Spielort fürs 7. Zeltfestival dienen wird, zu ihrem Konzert gekommen sind – und wohl am Ende recht baff sind. Die in Berlin lebende Oberösterreicherin mit nigerianischen Wurzeln kennt bislang nahezu niemand – das Maifeld Derby begeistert immer wieder mit spannenden Entdeckungen –, hat aber das Potenzial zum Star.
Die gerade mal 20-Jährige wechselt mühelos von 90er-Pop zu Rap und Elektrodance, auf englisches Agitprop-Geschrammel folgen 70er-Psychedelic – und Tango. Als Gitarristin huldigt sie mitunter Jimi Hendrix und klingt dazu auch noch, als würden mindestens drei Sängerinnen in ihr stecken. Charismatisch-sympathisch ist sie obendrein. „Lazy Sunday“, gemütlicher Sonntag, heißt passend zum Tag eine Nummer, schier jede(r) im Publikum ist sofort verliebt: ein Bühnenmoment, der typisch für das von Musiker Timo Kumpf veranstaltete Festival ist: Die meisten der täglich bis 5000 Gäste kaufen die Tickets bereits, wenn noch gar nicht feststeht, wer auftritt – im Wissen, dass das Team um Kumpf wieder Künstlerinnen und Künstler buchen wird, die staunen lassen.
Diesmal auch ein Kollektiv aus der Demokratischen Republik Kongo: Fulu Miziki kommen aus Kinshasa und treten in selbst gebastelten Masken und mit selbst gebauten Instrumenten auf, recycelt aus Zivilisationsmüll ihrer Millionenmetropole. „Musik aus Müll“ bedeutet denn auch der Bandname übersetzt aus Lingala. Da werden Kanister umfunktioniert, ebenso Autoteile, alte Flipflops oder Plastikschläuche. Ihre Musik ist tanzbar und anarchisch, mal fröhlich, mal wütend, und vereint heimischen Soukous mit Elektronik. „Afro-Futurismus“ nennen die dem Punk und dem Umweltschutz verschriebenen Musiker ihren Stil. Und selbst in der Mittagshitze beeindrucken Fulu Miziki nachhaltig.
Masken und andere Verhüllungen sind ohnehin ein Trend des Tages. Glass Beams aus Australien setzen auf Gesichtsvorhänge aus Glasperlen, die Musik dazu klingt nach psychedelischen Sixties.
Die Briten Sorry um Sängerin und Gitarristin Asha Lorenz, die mit Pelzmütze auftritt, wiederum spielen rotzigen Indiepop im 90er-Sound: Schließlich ist es schwer, in der Popmusik noch ganz neue Wege zu gehen. Florist aus den USA wiederum bieten ein erfolgreiches, zartes Folk-Update mit weiblicher Bandleaderin – der nachdenklichen Emily Sprague.
Auch die Solistinnen Augusta (Frankreich), Indigo Sparke (USA) und die Wahl-Mannheimerin Listentojules setzen auf reduzierte Klänge, die ihre starken Stimmen zur Geltung bringen. Auf der Parcous D’Amour-Bühne im Reitstadion treffen sie auf ein besonders liebevolles Publikum treffen, das entschleunigt, ruhig und konzentriert zuhört.
Hierhin passt auch der melancholische Orchesterpop von Fabian Altstötter aus Landau-Godramstein bestens. Mit seinem Projekt Jungstötter wirkt der 32-Jährige tief versunken in seine Musik. Und so bemerkt er gar nicht, dass er seinen 50-Minuten-Slot schon fünf Minuten überzogen hat, als ihm das Derby-Team signalisiert: Der eingeplante letzte Song muss ausfallen.
Die wilderen Bands aber spielen im Hüttenzelt, auch hier geben starke Frauen den Ton an, etwa im ironischen Goldcape Gitarristin Caroline d’Orville im Peter Muffin Trio, das mit deutschsprachigem agitatorischen Punk begeistert, als Erben von Ton, Steine, Scherben. Gegen zu viele Autos in Innenstädten richtet sich ein Song der Stuttgarter, passend zum gescheiterten städtischen Versuch, dies in Mannheim anzugehen.
Die weißen, mittelalten Männer haben es an diesem Abend dagegen schwerer mitzuhalten: Baxter Dury bringt immerhin eine witzige Tai-Chi-Show zu seinem ultrabritischen Sprechgesang mit. Die Headliner Interpol wirken dagegen unnahbar, das Licht bleibt nahezu aus, die Stimmung kühl, die Stimme ist zu leise abgemischt. Die große Zeit der Ende der 1990er in New York gegründeten Postpunkband um Paul Banks, der sich permanent hinter seiner Sonnenbrille versteckt, scheint vorbei.
Da wechselt so mancher Festivalgast lieber ein letztes Mal zum Parcours D’Amour, wo die Combo Nichtseattle um Katharina Kollmann trotz des auf einen Song von Tocotronic anspielenden Bandnamen und Verweisen auf Wir sind Helden sowie Kettcar doch eine ganz eigene Handschrift zeigt. Kollmann kann damit eine derzeit klaffende Lücke im deutschsprachigen Pop füllen: Sie schreibt kluge, witzige Texte jenseits des typischen Befindlichkeitspops – und die großen Melodien sorgen dafür, dass Nichtseattle auch an die Radiopforte anklopfen könnten.