Kultur Sprache als Weltanschauung

Blick in die Zentralbibliothek der Berliner Humboldt-Universität.
Blick in die Zentralbibliothek der Berliner Humboldt-Universität.

Wilhelm von Humboldt ist heute noch im Namen der von ihm gegründeten Berliner Humboldt-Universität gegenwärtig. Auch als Förderer humanistischer Bildung, einer auf den alten Sprachen Griechisch und Latein beruhenden Erziehung, mag er noch in Erinnerung sein. Darüber hinaus war er nicht nur preußischer Minister und Diplomat, sondern auch ein mit Goethe und Schiller befreundeter Dichter, Übersetzer und Ästhetiker. Bedeutung kommt ihm jedoch vor allem als Sprachwissenschaftler zu. Heute vor 250 Jahren, am 22. Juni 1767, wurde er in Potsdam geboren.

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ist Europa, zumindest was seine Intellektuellen betrifft, auf dem Weg zu dem, was heute Globalisierung heißt, weit fortgeschritten. Kant beansprucht für seine kopernikanische Wende einen philosophischen „Weltbegriff“, Goethe sieht eine „Weltliteratur“ im Entstehen, und Schiller nimmt eine „Universalgeschichte“ in den Blick. In diese illustre Riege reiht sich Wilhelm von Humboldt mit einem ehrgeizigen Unterfangen ein. 1813 notiert sich Goethe in seinen Tag- und Jahresheften, wie er zusammen mit Humboldt geographische Karten bearbeitet, um sich die Verteilung der Sprachen über die Welt anschaulich zu machen. Die Anstrengung des Wissenschaftlers Humboldt zielt auf nicht mehr und nicht weniger als die Grundlegung einer allgemeinen vergleichenden Sprachwissenschaft. Angespornt wurde ein solch umfängliches Programm durch eine Entdeckung, die noch in das Ende des 18. Jahrhunderts fiel. William Jones, ein britischer Kolonialrichter in Indien, war auf verblüffende Ähnlichkeiten des Sanskrit, der alten Literatursprache Indiens, mit dem Altgriechischen und Lateinischen gestoßen. Nach der anfangs irrtümlich vertretenen Annahme, das Altgriechische und andere europäische Sprachen seien Abkömmlinge des Sanskrit, korrigierte diese These bald der Sprachwissenschaftler Franz Bopp. Er trug überzeugende Argumente dafür vor, dass alle diese Sprachen, das Sanskrit eingeschlossen, auf eine einzige nur noch rekonstruierbare Sprache, die lediglich in ihren Abkömmlingen fortlebt, zurückgehen. Diese zunächst auf den Namen des Indogermanischen, dann des Indoeuropäischen getaufte Sprachfamilie ist über ganz Europa verbreitet und erstreckt sich über Persien bis nach Indien. Wörter in diesen Sprachen – vor allem Zahlwörter, Wörter für Gliedmaßen und Verwandtschaftsverhältnisse – unterscheiden sich oft nur geringfügig. Es kann ein Wortstamm abstrahiert werden, und es lassen sich Lautverschiebungen beobachten, die sich in Gesetze gießen lassen. Die naheliegende Annahme einer allen Sprachfamilien der Welt gemeinsamen Ursprache weist Humboldt zwar zurück, wohl wegen ihrer theologischen Implikationen. Seine Auffassung tendiert aber durchaus in eine metaphysische Richtung, wenn er in den vielen Sprachen nur unterschiedliche „Offenbarungen“ einer einzigen Sprache sieht. Und er zieht ähnliche Schlüsse, wie sie sich aus der Entdeckung der indoeuropäischen Sprachfamilie ergeben haben, durch Vergleiche zwischen den Indianersprachen Amerikas, mit dem entsprechenden Material versorgt von seinem jüngeren Bruder Alexander von Humboldt, dem Naturforscher und Weltreisenden. Am Anfang seiner Sprachstudien steht jedoch die Begegnung mit dem Baskischen. In der Beschäftigung mit dieser Sprache, die mit keiner anderen verwandt ist, geht ihm seine zentrale These auf, dass ein Zusammenhang zwischen dem Charakter einer Nation und ihrer Sprache besteht. In jeder Sprache komme „eine Weltansicht“ zum Ausdruck. Mit anderen Worten: Jede Nation ist ein Individuum. Sprache ist nicht bloßer Schall und Rauch oder ein bloßes Kommunikationsmittel, die Bedeutung der Wörter und Zeichen beruht nicht auf bloßer Übereinkunft einer Gemeinschaft, wie dies die philosophische Richtung des Nominalismus annimmt. Für Humboldt eignet jeder Sprache ein substanzieller Kern, der im Charakter eines Individuums besteht, das seine Sprache zum „Spiegel seiner Welt“ macht. Daraus ergibt sich ein Problem. Eine Sprache als allgemeines Verständigungsmittel eines Volkes oder einer Nation prägt jedes einzelne seiner Glieder. In letzter Konsequenz ist also der Einzelne, nicht so sehr das Volk, der entscheidende Faktor in der Sprachentwicklung. Humboldt löst das Problem, indem er von einer Wechselwirkung zwischen Allgemeinem und Besonderem ausgeht und dem Einzelnen einen Freiheitsspielraum einräumt. Daraus ergibt sich auch seine Auffassung von der ständigen Veränderung, in der Sprachen begriffen sind: Die Sprache „ist kein Werk, sondern eine Tätigkeit.“ Zu Humboldts Ehre sei gesagt, dass er der bald nach seinem Tod 1835 einsetzenden, sich auf biologische und sprachwissenschaftliche Theorien berufenden Rassenlehre nicht bewusst vorgearbeitet hat. Eine an Rassenunterschieden orientierte Sprachwissenschaft lehnt er ab, darin Erbe der Aufklärung und ihrer Annahme einer allgemeinen und gleichen Menschennatur und Vernunft. Die Hierarchie, in die Humboldt die Sprachen bringt, ist so denn auch nicht von einem rassistischen Vorurteil, sondern von dem klassizistischen Vorurteil der Vorbildlichkeit der alten Sprachen Latein und Griechisch geleitet. Mit seinem Klassizismus und Nationalismus ist Humboldt ein Kind seiner Zeit. Heute weitgehend vergessen ist sein humanistisches Bildungsideal. Das Englische schickt sich an, als internationales Kommunikationsmittel zur Weltsprache zu werden, während sich – parallel zum Artensterben – weitgehend unbemerkt, aber in nicht minder rasantem Tempo ein Sprachensterben vollzieht, wie es noch außerhalb von Humboldts Horizont lag. Nationale Unterschiede werden mit einem vereinheitlichten Europa und durch zunehmende Globalisierung eingeebnet. Woran es jedoch liegt, dass die (deutsche) Sprache immer mehr in standardisierten Phrasen erstarrt und kreative Sprachschöpfungen, die weite Verbreitung finden, heute am ehesten von Reklamesprüchen der Werbewirtschaft ausgehen, mag jeder sich selbst überlegen. Denn für die (Sprach-)Entwicklung verantwortlich ist ja jeder Einzelne.

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