Kultur Splash, Boom, Bäng: Die David-Hockney-Schau in Hamburg

Selbstporträt in 3D: Hockney auf „In the Studio“, 2017, dem jüngsten Werk, das in Hamburg ausgestellt wird.
Selbstporträt in 3D: Hockney auf »In the Studio«, 2017, dem jüngsten Werk, das in Hamburg ausgestellt wird.

Der Brite Hockney ist ein Künstler-Pop-Star, der zweitteuerste lebende Maler. Jedes Kind kennt seine selbstvergessenen kalifornischen Swimmingpool-Bilder. Dabei geht oft unter, wie wandelbar er ist. Jetzt zeigt das Hamburger Bucerius Forum sein Werk. Ein Rundgang mit Bildern, die gegen die Taubheit rebellieren, einem Wüstling und der Liebeserklärung an Cliff Richard.

Ein Swimmingpool vor südfranzösischer Landschaft. Ein Mann am Beckenrand, rotes Sakko an. Verloren schaut er auf einen auf ihn zu brustschwimmenden Badehosenträger. „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“, 1972, ist David Hockneys Schlussbild einer intensiven Liaison. Peter Schlesinger heißt der Typ am Rand, sein Ex-Freund. 90,3 Millionen US-Dollar, so viel bezahlte 2018 jemand bei Christie’s für dieses nahe St. Tropez gemalte Requiem. Hockney, Sohn von Methodisten aus dem Arbeitermilieu von Yorkshire, ist der – nach Jeff Koons – zweitteuerste lebende Künstler. Ein schwuler Hipster mit – früher – wasserstoffperoxidblond gefärbten, jetzt grauem Haar, Buntklamotten und Brillen mit eulenaugenartigem Gestell . Eine Zeit lang führte der mittlerweile 81-jährige Künstler-Pop-Star die in Fachkreisen verpönte Geld-Rangliste sogar an. Teilen der Kunstwelt ist der farbverliebte Hockney trotzdem nicht grün.

Hockney, der „Cliff Richard der Kunst“? Na und!

„Das Verhältnis zu mir war immer zwiespältig“, sagt er selbst. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass auf seinen Bildern so oft die Sonne scheint. Weil sie so schön sind – und auf den ersten Blick leicht lesbar. Hockney sagt: „Ich fand immer, dass Kunst für alle da ist.“ Kein Wunder, dass der Liebhaber der Bohème, der selbst ein bessesener Arbeiter ist, seit dem Tod von Lucian Freud (1922 bis 2011) als größter britischer Maler gilt. Wahlweise firmiert er auch als „Cliff Richard der Kunst“. Den militanten Raucher und Vegetarier tangiert das wenig. Warum auch sich grämen? Richard war der erste Popsänger, den die Queen Elisabeth II. zum Ritter schlug. Hockney himmelte ihn in jungen Jahren regelrecht an.

„Doll Boy“, heißt so ein grobes, art-brut-artiges Bild auf einer großflächig roh gelassenen Leinwand. Das Werk ist easy als schmachtende Liebeserklärung entzifferbar. Der Titel schon, eine offene Anspielung auf die schwule Grundierung. Und kühn, wenn man bedenkt, dass Homosexualität in England bis 1967 per Gesetz verboten war. Gezeigt wird eine haifischlächelnde Figur mit tief gebeugtem Kopf, dazu summieren sich die Zeichen. Neben dem Titel ist „Queen“ darauf geschrieben, Königin. Über einem grauen Rechteck krakelig „Valenti“, leicht zu „Valentine“ zu ergänzen, Valentinstag. Dazu steht – als Imitat eines Toiletten-Graffito – „Deine Liebe bedeutet mir mehr“. Und der Adressat ist mit „3.18“ beziffert, der Buchstabenfolge im Alphabet für C. R.. Dazu fliegen Noten auf der Leinwand herum. Kurzum, es ist ein typisches Frühwerk des an der konservativen Bradford School of Art und dem Londoner Royal College of Art ausgebildeten Hockney.

Auf den Bildern seiner Anfänge sind – wie in einer späteren Phase – die Grenzen zur Abstraktion fließend. Schematische Figuren sind zu sehen, Graffiti und Codes sprießen wie die auf „Doll Boy“, das Werk ist 1960/61 entstanden. Jetzt hängt das ehemals brisante Bild im Bucerius Forum in Hamburg an der Wand. Eine Leihe aus der Hamburger Kunsthalle unweit. Die allermeisten der 100 ausgestellten Werke, mit denen das von der „Zeit“-Stiftung getragene Ausstellungshaus Hockneys Ouevre überfliegt, stammen allerdings aus der Tate Britain in London.

Älteste Arbeit, datiert auf 1954, Hockney war 27, ist eine Lithographie. Darauf, seine geliebte Mom, wie sie im hochgeschlossenen Kleid an der Nähmaschine sitzt. Die jüngste empfängt einen gleich am Anfang, die 3D-Fotoarbeit „In the Studio“, aus Hunderten Aufnahmen zusammenfrickelt, Jahrgang 2017, Hockney, mit weißem Hemd, rotem Schal und grün-blau gestreifter Weste, ernst und isoliert steht er im Atelier in der Lamäng eigener Werke. Und zwischen diesen beiden Eckpfeilern haben die Kuratorinnen Helen Little von der Tate und Bucerius-Forum-Chefin Kathrin Baumstark sehenswert das Gesamtwerk ausgebreitet.

Pop Art? Er doch nicht, eher fühlt er sich Picasso nah

Feinfühlige Druckgrafiken frei nach den homoerotischen Gedichten des griechischen Lyrikers Konstantinos Kavafis, Acryl- und Ölbilder, sogar ein Paravent aus vier Paneelen ist ausgestellt, inspiriert von fernöstlicher Kunst. Auf einiges verzichtet die Schau, wie auf seine Kunst mit Fax-Geräten, Kopierern, Computern, oder dem iPad, das Hockney seit Jahren als Utensil bevorzugt, etwa um Freunden früh morgens aus dem Bett heraus Blumenbilder zu schicken. Dackelbilder fehlen, bei ihm ein eigenes Genre. Dennoch liegt der Fokus eindeutig auf einer Wandelbarkeit, die sich Hockney von Picasso abgeschaut hat.

Der Engländer ist ein großer Verehrer des Spaniers. Eine Zeit lang erinnert er mit eigenen Bildern an Picassos kubistische Phase. Getroffen hat er ihn nie. Auf einem Bild aber imaginiert er sich als sein Nacktmodell in ein intimes Nahverhältnis. Beide sind wohl die Top zwei, was die ständigen Stilwechsel betrifft.

Pop Art? Das sei die französische Moderne gewesen, Lichtenstein nur ein Spätausläufer von Léger, meinte Hockney einmal in einem Interview. Aber er? Dafür ist sein Werk, wie in Hamburg zu sehen, viel zu vielgestaltig. Klar, sie passen schon – irgendwie –, die mit Acrylfarben knallblau gemalten Swimmingpools im gleißenden Licht von Kalifornien, wo Hockney seit 1963 mit Unterbrechungen lebt. Die Stillleben des selbstvergessen aus dem Pool spritzenden Wassers. Die Blumen in poppigen Farben. Die Schnappschüsse nackter Jungs unter der Dusche, einer davon hängt in der Flucht eines Ausstellungssaals. Aber statt um das Dargestellte, etwa die bei der Pop Art übliche fotorealistische Überhöhung der Alltagsrealität, geht es Hockney immer schon viel mehr um die Darstellung selbst. Wie man fließendes Wasser malerisch stillstellt und Transparenz sichtbar macht. Darum, wie er, Hockney, die Welt sieht. Und zentralperspektivisch ist das schon mal nicht.

„Das Auge bewegt sich immer, wenn es sich nicht bewegt, bist du tot“, lautet eines seiner Lieblingsbonmots, das er in perspektivisch gestreckten Ansichten von Innen- und Außenräumen des Hotels „Acatlan“ durchdekliniert, wohin es ihn auf der Durchreise in Mexiko verschlagen hatte. Oder auf dem 7,50 Meter breiten Panorama des Grand Canyon, das aus 60 Leinwänden zusammengesetzt und auf einen Blick schon mal gar nicht zu erfassen. Farblich schreit es so laut, dass es als Hockneys Rebellion gegen seine Ertaubung interpretiert worden ist. Es ist ein spektakuläres Bild. Eines der Hauptwerke der Ausstellung wie „Mr and Mrs Clark and Percy“, das großformatige Gemälde entstammt einer Anfang der 1970er-Jahre entstandenen Reihe von tiefenpsychologischen Paarporträts.

Zu sehen ist darauf der Modeschöpfer Ossie Clark, einer der ästhetischen Choreographen der Swinging Sixties, und seine Muse und Mitarbeiterin Celia Birtwell, damals seit Kurzem seine Frau. Hockneys Version der berühmten „Arnolfini-Hochzeit“ von Jan van Eyck, hat ein Kritiker das Gemälde genannt. Es erwies sich als prophetisch, denn die Ehe, deren Trauzeuge Hockney war, hielt nur ein Jahr. Ossie lümmelt sich darauf barfuß auf einem Freischwinger, herausfordernden Blicks fixiert er den Betrachter. Frau Clark steht aufrecht im langen, hochgeschlossem Kleid mit Wasserfallkragen auf dem Flokatiteppich. Und schaut fragend.

Der Wert der Kunst: Hockney hielt 15 Pfund für zu viel

Ein weißer Kater auf Ossies Schoß, Percy, eigentlich ein Glückssymbol, kehrt der Szene den Rücken, dem offenen Fenster zugewandt. Im Vordergrund, auf der Seite von Celia Clark, eine Vase mit weißen Lilien, die die Reinheit der Liebe verkörpert. Für ihn gilt wohl mehr, was das Bild aussagt, das an der Wand hängt. Wie so oft hat Hockney ein eigenes Werk im Werk untergebracht, eine Variante seiner Beschäftigung mit William Hogarths (1697 bis 1764) „A Rake’s Progress“, der moralisierenden Geschichte eines Wüstlings, die der Künstler in einer Reihe von Gemälden und Kupferstichen verewigt hat. Hockney beschäftigte sie mehrere Male.

Für die Aufführung von Igor Strawinskys Bühnenfassung beim Glyndebourne Festival Opera entwarf er die Kostüme und das Bühnenbild. Vor allem schuf er dazu ganze Serien von Druckgrafiken. In Hamburg etwa ist ein 16-teiliger Zyklus von Radierungen präsent. Und auch eine erste Einzelausstellung – 1963 in der Galerie Kasmin, New York – bestritt Hockney maßgeblich mit Hogarth gewidmeten Arbeiten. Sie verkauften sich außerordentlich gut. Fun Fact dazu: Hockney schämte sich damals für den dabei erzielten Preis – 15 Pfund pro Radierung. Er erschien ihm zu hoch. Zwei bis drei Pfund, sagte er damals, hätte er für angemessener gehalten.

Die Ausstellung

Bis 10. Mai. www.buceriuskunstforum.de
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