Ludwigshafen
Perlen und Tränen: Theaterstück im Pfalzbau über den Preis der Schönheit
Lacrima ist das lateinische Wort für Träne. Im Stück selbst wird die chinesische Spruchweisheit zitiert: „Jeder Knoten enthält die Tränen seiner Epoche“. Und das Deutsche kennt ja das Sprichwort: „Wer schön sein will, muss leiden“. Nur dass es in „Lacrima“ nicht die Schöne selbst ist, die leiden muss, sondern die Schöne lässt andere leiden, um schön zu sein. Dennoch ist es kein rührseliges Stück, auch wenn die bisweilen an Kitsch grenzende Begleitmusik dies vermuten lassen könnte. „Lacrima“ ist eher ein rebellisches Stück, das Fragen zur Notwendigkeit einer Produktionsweise stellt, die das Produkt höher bewertet als Menschenleben.
Das renommierte Pariser Modeatelier Beliana erhält den Auftrag, das Hochzeitskleid für eine englische Prinzessin anzufertigen. Beliana macht sich an den Entwurf und vergibt Aufträge an Zulieferer. Eine Werkstatt in Alençon wird beauftragt, die Spitze herzustellen, das Haus Shaina im indischen Mumbai, die Schleppe mit 230.000 Perlen zu besticken. Alençon in der Normandie ist seit dem Mittelalter bekannt für seine Spitzenklöpplerinnen, in Indien hat das Metier der Perlenstickerei eine lange Tradition. Die Zeit drängt, bis zur Hochzeit sind es nur noch 80 Tage. Das Stück beginnt, wie es endet: mit dem Zusammenbruch der erschöpften Chefin des Pariser Modehauses.
Drei Frauen stellt Caroline Guiela Nguyen in ihrer Inszenierung heraus. Der Atelierleiterin Marion Nicolas, gespielt von Maud Le Grevellec, sitzt nicht nur die Zeit im Nacken. Sie belastet dazu ein eifersüchtiger, kontrollwütiger Ehemann sowie eine unter den Streitereien der Eltern leidende Tochter. In Alençon hat Thérèse, gespielt von Liliane Lipau, eine hervorgehobene Rolle. Deren in Australien lebende Enkelin zeigt Anzeichen einer seltenen Erbkrankheit, und die Großmutter soll nun herausfinden, woran ihre Schwester Rose gestorben ist. Der dritte Protagonist ist der Perlensticker Abdul im indischen Mumbai, gespielt von Charles Vinoth Irudhayaraj. Die Prinzessin lehnt es ab, statt Perlen ein wenig Plastikderivat zu verwenden und so dessen Arbeit zu erleichtern. Der Perlensticker erblindet.
Caroline Guiela Nguyen erzählt so mehrere Geschichten innerhalb der Rahmengeschichte, auf die sie Berichte über die Heirat der von der Klatschpresse nach ihrem Tod als „Königin der Herzen“ verehrten Lady Di gebracht haben. Ursprünglich hatte die Autorin und Regisseurin vor, ein Stück nur mit Frauen über fast ausgestorbene Handwerkstechniken zu machen. Davon kam sie ab. Bevor die in der Provence aufgewachsene Tochter eines sephardischen Juden aus Algerien und einer Vietnamesin mit einer indischen Großmutter vor drei Jahren die Leitung des Théâtre National de Strasbourg übernahm, gründete sie die Theatertruppe Les Hommes Approximatifs, die vor allem Randgruppen ihre Aufmerksamkeit schenkte. Dies setzte sie in international beachteten Stücken wie „Saigon“ oder auch in „Kindheitsarchive“ an der Berliner Schaubühne und jetzt eben mit „Lacrima“ fort. Die inzwischen 45-jährige arbeitete viele Jahre mit Langzeithäftlingen und mit einer Gruppe von Frauen, die häusliche Gewalt überlebt hatten. Die Erfahrungen, die sie dabei gesammelt hat, sind in „Lacrima“ eingeflossen.
Von alten Handwerkskünsten erzählt die Einblendung einer Podcast-Produktion, in der die Spitzenklöpplerinnen von Alençon vom Ursprung ihrer Kunst in mittelalterlichen Klöstern erzählen. Vorzugsweise taube Nonnen wurden damals mit der Arbeit betraut, die anderen waren, wie die Arbeiterinnen heute, gehalten zu schweigen, um nicht von der Arbeit abzulenken. Erblindung durch die Konzentration auf die haarfeinen Fäden war und ist hier wie bei den indischen Stickern verbreitet. Sie bekamen wie Marion Herzflimmern und litten unter Atembeschwerden. Doch der auf raschen Wechsel und Sensationen bedachte Moderator geht rasch zu einem anderen Thema über. Für den nächsten Podcast kündigt er an: „Was steckt hinter den Heiligen Drei Königen unserer Kindheit?“ Könige sind entmachtet, alte Handwerkstechniken fast ausgestorben, doch inhumane Arbeitsbedingungen leben fort, verschärft noch durch den Zeitdruck in einer auf Geschwindigkeit erpichten Gesellschaft.
Nguyens viele Geschichten bringen eine fragmentierte Erzählweise, eine theatrale Collagetechnik mit sich. Mehrere auf der Bühne, die aus einem großen Atelier besteht, installierte Kameras erlauben einen raschen Wechsel zwischen den Kontinenten Asien, Australien und Europa oder auch zu Telefonaten aus Paris nach London. Und auch das globale Nord-Süd-Gefälle spielt in das Stück hinein. „Ihr Westler wollt immer alles“, wehrt sich der Leiter der Werkstatt in Mumbai gegen Lohnerhöhungen und verbesserte Arbeitsbedingungen. Alles dreht sich um Preise und Fristen. „Es ist nicht so geworden, wie es hätte werden sollen. Aber wir haben unser Bestes getan“, sagt Marion am Ende gleichsam entschuldigend zu ihrer Tochter. Wirklich?