Kino
Oscar-verdächtig: Maria Schraders Film „She Said“ über den Weinstein-Skandal
Es ist, als hätte man in den USA immer noch Angst vor Harvey Weinstein, dem einst mächtigen Hollywood-Produzenten, der Frauen sexuell belästigte und Schlimmeres tat – oder vor der eigenen Courage. Die US-Produktionsfirma Plan B (von Brad Pitt und Dede Gardner) heuerte eine britische Drehbuchautorin, eine argentinische Kamerafrau und eine deutsche Regisseurin für die Verfilmung der Recherchen an, die sein Tun aufdeckten. Das war vor zwei Jahren.
Maria Schrader hatte mit der meisterhaften Netflix-Serie „Unorthodox“ über Juden in New York, wo vieles auch lange Zeit ungesagt bleibt, gerade Furore gemacht und den Fernsehpreis Emmy gewonnen. Doch dabei ging es um Hintergründe, um die kaum ein Zuschauer wusste. Heute, fünf Jahre nach den bahnbrechenden Recherchen von Jodi Kantor und Megan Twohey in der „New York Times“, kennt man die Tatsachen. Weinstein wurde verurteilt, der nächste Prozess wartet schon auf ihn.
„She Said“ (sie sagte, im Sinne von „sie sagte, er sagte“ – aber um ihn geht es hier nicht) nach dem gleichnamigen Buch von Kantor und Twohey von 2019 zeigt den mühsamen Weg des investigativen Journalismus in einer neuen Herangehensweise. Trieben sich Dustin Hofmann und Robert Redford als Reportergespann Bernstein/Woodard, das den Watergate-Skandal aufdeckte, in „Die Unbestechlichen“ (1976 von Alan J. Pakula) in Mafia-Manier und Superman-Gehabe mit konspirativen Treffen in Garagen und an geheimen Orten mit einem durchaus aussagewilligen Informanten herum, ist diesmal alles anders.
Weibliche Solidarität
Twohey hatte schon über Donald Trumps sexuelle Verfehlungen recherchiert und publiziert – man hört, wie er am Telefon Twohey droht, sie umzubringen. Sie ist nicht so abgebrüht, wie man denkt und leidet gerade an einer Depression nach der Geburt ihrer Tochter. So fliegt die kinderlose Kantor von heute auf morgen aus den USA nach Wales (in Deutschland würde das keine Tageszeitung für eine so weite Recherchereise mit ungewissem Ausgang anordnen, geschweige denn bezahlen), um dort mit einer Frau zu sprechen, die einst für Weinstein arbeitete. In dem Gespräch der beiden Frauen schafft es Schrader, das einzufangen, was man als unterschwellig immer vorhandene weibliche Solidarität bezeichnen könnte: Es liegt im Blick, in den Gesten, in der Art, wie die Kamera die Gesichter der Frauen einfängt. Es ist emotional, distanziert und ein bisschen irritierend.
Mit einem guten Dutzend Frauen, die von Weinstein bedrängt wurden, sprechen die Reporterinnen, nicht gemeinsam, jede für sich. Die Interviewten haben selbst nach Jahrzehnten immer noch Angst, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie verdrängen, was geschah, haben gegen Geld eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben und fürchten Weinsteins Rache. Bis endlich die einzige, die nichts unterschrieben hat, einwilligt, dass ihre Aussage veröffentlicht wird – weil sie hofft, dass es hilft, weil sie nicht mehr in der Branche arbeitet, weil sie vor einer Brustkrebs-Operation steht, die sie vielleicht nicht übersteht, weil sie nichts zu verlieren hat. Es ist schlimm, aber auch typisch, dass es nur in einem solchen Fall klappt, die Anschuldigungen mit Zitaten zu untermauern, um Weinsteins Taten zu beweisen.
Schweigen und vertuschen
Kantor und Twohey arbeiten stringent und nüchtern, nicht so sensationsgierig wie Bernstein/Woodard bei Pakula. Schraders Film ist daher nicht hollywoodtypisch hektisch, sondern eher europäisches Autorenkino mit einem Schuss Blockbuster. Kantor (Zoe Kazan) wird als Investigativ-Neuling mit Rehaugen und fragenden Blicken anfangs als die Schüchterne dargestellt, der die erfahrene Twohey (Cary Mulligan) unter die Arme greift. Aber Kantor wächst im Verlauf der anderthalb Jahre, die von den ersten Gerüchten bis zur fertigen Zeitungsstory im Film vergehen, über sich hinaus. Trotz Zeuginnen, die sich mitunter verleugnen lassen, nur rumdrucksen, nichts sagen wollen, aber einen Tipp haben, wer noch betroffen ist. Dies zeigt die Filmbranche als typischen Gesellschaftsbereich, in dem vieles verschwiegen und vertuscht wird.
Schrader inszeniert spannend mit permanenten Cliffhangern und zwei Clous: Sie schaffte es, dass die Schauspielerin Ashley Judd, eine der bekanntesten Darstellerinnen, die Weinsteins Übergriffe öffentlich machte, sich im Film selbst spielt – und sie lässt Weinstein auftreten wie einst Gott in „Ben Hur“ (1959): nur von hinten als mächtiger Schatten. So taucht er einmal in der Redaktion auf, als Chefs der „New York Times“ ihm den Text über sich vorab zu lesen geben, und Weinstein droht, alle zu vernichten. Es hilft nichts, denn nach dem wiederholten Gegenchecken aller Fakten wird der magische Knopf gedrückt, den jeder Zeitungsmensch kennt.
Beste deutsche Regisseurin
Spätestens seit „Vor der Morgenröte“ (2016), wo Schrader, die in den 80ern als Schauspielerin begann und Regie-Autodidaktin ist, sich mit einer einzigen zwölfminütigen Einstellung inklusive Schwenks und Spiegelprojektionen, wie sie nicht mal Max Ophüls gelangen, in die Filmgeschichte schrieb, weiß man, dass sie die beste und derzeit einzige international beachtete deutsche Filmregisseurin ist. Eine Oscar-Nominierung dürfte ihr für „She Said“ sicher sein, nicht nur wegen des wichtigsten Filmthemas Hollywoods der letzten Jahrzehnte.