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Serie der Woche: „Underground Railroad“ von Oscarpreisträger Barry Jenkins
Auf Coras (Thuso Mbedu) Dasein lastet ein Fluch. Ihre Mutter floh einst von der Plantage in Georgia, unter den Schwarzen wurde sie zur Legende. Doch das zurückgelassene Kind ist der Willkür ihres Besitzers und dem Hass von Sklavenjäger Ridgeway (Joel Edgerton) ausgesetzt. Ihm war die Mutter einst entwischt, was er noch heute als Schmach empfindet.
Die Chance zur Rache wittert er, als Cora gemeinsam mit den Leidensgenossen Caesar (Aaron Pierre) und Prideful (Lucius Baston) ebenfalls flieht. Auslöser für ihren Entschluss war die grausame öffentliche Verbrennung eines Geflüchteten vor den Augen aller Schwarzen auf der Baumwollplantage, die der Film in drastischen, naturalistischen Bildern zeigt.
Das Trio wird bald getrennt. Cora muss sich alleine durchschlagen und wird von Ridgeway wieder eingefangen. Verraten wurde sie vom halbwüchsigen dunkelhäutigen Jungen Homer (Chase Dillon), der dem Kopfgeldjäger ergeben ist wie ein Hund. Sie wollen Cora auf die Plantage zurückbringen und zwingen, das System der „Underground Railroad“ zu verraten.
Dieses Fluchthilfswerk existierte vom Ende des 18. Jahrhundert bis 1862. Mit Unterstützung von verschwiegenen Helfern schafften es rund 100.000 Sklaven aus den Südstaaten der USA in den Norden und nach Kanada. Zunächst schlugen sich die Mutigen über geheime Pfade von einem Unterschlupf zum nächsten Versteck durch. Später buddelten Tausende ein Tunnelsystem, in dem seit den 1850er Jahren Eisenbahnen fuhren.
Cora zögert ein paar Sekunden, über eine Falltür in den Untergrund abzusteigen, wo Schienen liegen und ein Zug einfährt, der sie in den nächsten Bundesstaat bringt. Obwohl sie hier als freie Frau lebt, spürt sie die Herablassung der Weißen, die ihr Schicksal weiter bestimmen wollen und sie zum Objekt medizinischer Experimente machen. Sie flüchtet erneut und gerät in einen Staat, der sich offiziell als frei von Schwarzen erklärt hat. Wer dieses Gesetz verletzt, hängt an einem Baum.
Der US-amerikanische Autor Colson Whitehead schildert in seinem Roman „Underground Railroad“ sowohl die koloniale Attitüde der Weißen und den Alltagsrassismus, der den Süden der USA bis 1965 prägte und der bis heute nicht verschwunden ist. 2017 wurde sein Werk mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Er fühlte sich der historischen Wahrheit verpflichtet, nahm sich aber viele künstlerische Freiheiten, um die Handlung zuzuspitzen, wie er selbst einräumt. So sind etwa die an deutsche Konzentrationslager erinnernden medizinischen Experimente an Schwarzen historisch nicht überliefert. Sie passen aber in die Ära. Ärzte nahmen im 19. Jahrhundert in Europa Eingriffe an Menschen ohne deren Wissen vor und experimentieren mit deren Gesundheit.
Für die Verfilmung des Bestsellers gewann Amazon Barry Jenkins. Der erhielt 2017 den Oscar für das Drehbuch von „Moonlight“, außerdem räumte das Drama die Statue für den besten Film ab. Jenkins spitzt die Handlung auf einen tiefen Blick in Coras Seele sowie das Duell zwischen der äußerlich schwachen, aber innerlich starken Sklavin und dem skrupellosen Rassisten Ridgeway zu. Dabei zeichnet er ein stimmiges Bild der bigotten, christlichen Gesellschaft des Südens, in der selbst von der Kanzel die Überlegenheit der Weißen gepredigt wurde. Nur wenige widersetzten sich wie Ridgeways Vater (Peter Mullen) dieser Lehre.
Der Auseinandersetzung zwischen dem Alten und seinem verblendeten Sohn widmet Jenkins eine Folge, ansonsten folgt er konsequent Coras Perspektive. Neue Energie tankt sie in ihrer Spiritualität. Und in der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrer Mutter. Ihren mühevollen Weg in die Freiheit zeichnet Jenkins mit großen Kinobildern nach, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Zudem fand er in der Südafrikanerin Thuso Mbedu eine grandiose Hauptdarstellerin, auf deren Gesicht sich jede innere Regung und die Gedanken über das Gesehene widerspiegeln. Sie trägt die inhaltlich fesselnde Serie, die an Serien-Höhepunkte wie „Roots“ oder „Holocaust“ anknüpft.