Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Seltene Freude: Canalettos Venedig-Veduten in Darmstadt

Ausschnitt aus Canalettos Ansicht vom Tor zum Arsenal in Venedig (um 1735).
Ausschnitt aus Canalettos Ansicht vom Tor zum Arsenal in Venedig (um 1735).

Alle reden von Canaletto, aber eigentlich heißt der Maler Bellotto. Seinen 300. Geburtstag feierte man mit großen Ausstellungen in Dresden und Warschau. Das Landesmuseum Darmstadt zeigt jetzt frühe Zeichnungen.

Es war ein Schnäppchen. 1829 wird in Darmstadt für Großherzog Ludwig I. ein Konvolut von frühen Zeichnungen aus dem Nachlass des bekannten venezianischen Vedutenmalers Bernardo Bellotto (1722-1780) ersteigert. Seither verfügt das Hessische Landesmuseum über knapp die Hälfte des überlieferten Bestandes von ursprünglich mehreren tausend Blättern. Der Rest ging 1760 im Siebenjährigen Krieg bei der Zerstörung von Bellottos Dresdner Wohnhaus mit dem gesamten Atelierbestand zugrunde.

 Canaletto: Ausschnitt aus einer Ansicht Venedigs mit der Kirche Giovanni e Paolo und der Scuola di San Marco (1740).
Canaletto: Ausschnitt aus einer Ansicht Venedigs mit der Kirche Giovanni e Paolo und der Scuola di San Marco (1740).

Warum aber haben die (heute) 61 Zeichnungen überlebt? Hatte sie der Maler, der damals in Wien und München arbeitete, etwa als Arbeits- und Referenzmaterial im Gepäck, wie die Grafikspezialistin und Sammlungsleiterin Mechthild Haas mutmaßt? Dafür spricht einiges. Tatsächlich handelt es sich um nur ausnahmsweise datiertes, durch Faltungen, Ölflecken und Zirkeleinstiche belegtes Werkstattmaterial aus den Jahren 1735 bis 1746. Von erstklassigen Erhaltungszuständen zu sprechen, wäre eine leichte Übertreibung. Und doch. Nirgendwo lässt sich – dank der in Darmstadt vorgenommenen Feinsortierung – das Werden eines Meisters der Vedute besser nachvollziehen als an diesen ebenso zarten wie präzisen Gespinsten.

Venedig rauf und runter

Vedutenmaler waren vor allem Auftragsarbeiter. Geliefert wurde, was die Kundschaft verlangte. Für den jungen Bellotto hieß das erst einmal die legendären Stadtansichten Venedigs zeichnend rauf und runter zu beten: vor allem der Canal Grande und den Blick vom Bacino di San Marco auf Mole und Dogenpalast, gerne mit dem Bucintoro, der venezianischen Staatsgaleere im Vordergrund. Es folgen Wanderjahre, die den Maler nach Rom, Florenz, Turin, ins nahe Padua und an die Ufer der Brenta führen. Ein reizvolles Nebenthema sind sogenannte Capricci, in denen der Zeichner reale Architekturen mit frei erfundenen zu fantastischen Bühnenbildern mischt.

Ausgebildet wird Bellotto in der Werkstatt seines berühmten Onkels Antonio Canal, dem „echten“ Canaletto. Dort lernt er diesen kopierend das Handwerk. Der 13-Jährige begreift schnell. Das penible Nachbuchstabieren der Vorlagen ist bald abgelegt. Unsicherheiten und kleine Mogeleien verschwinden. Eigenes mischt sich ein. Der Schüler lernt, wie man die Zeichenfeder so ansetzt, dass ein flüssiger Zeichenstil möglich ist, lernt den korrekten Umgang mit der Perspektive, respektive was man damit machen kann. Verinnerlicht, wie man die dunstige Atmosphäre der Lagunenstadt in Schwarzweiß einfängt. Und so – denn das ist das Ziel – das zu malende Bild vorbereitet . Am Ende der Lehr- und Mitarbeiterzeit ist Bernardo Bellotto 23 und ein fertiger Künstler. 1745 sagt er Italien Ade und geht nach Dresden.

Canaletto: Ausschnitt eines Capriccio der Lagune von Venedig mit einem Haus und dem Turm von Marghera (um 1740).
Canaletto: Ausschnitt eines Capriccio der Lagune von Venedig mit einem Haus und dem Turm von Marghera (um 1740).

Dass der Darmstädter Bestand erst 1981 zum ersten Mal überhaupt ausgestellt wurde, verwundert. Damals war der Katalog ein dünnes Heft in Schwarzweiß, heute ist es nach gehabter wissenschaftlicher und restauratorischer Untersuchung ein schönes gebundene Buch. Für die rare Spezies der Grafik-Liebhaber ist die mit repräsentativer Druckgrafik aus der Dresdner Zeit ergänzte Ausstellung der wohl auf lange Zeit letzte öffentliche Auftritt der vom Tintenfraß bedrohten Blätter. Die Mitnahme einer Lupe ist zu empfehlen.

Ausstellung

„Remember Venice! Bernardo Bellotto zeichnet“ bis 15. Januar im Hessischen Landesmuseum Darmstadt: dienstags, donnerstags, freitags 10-18 Uhr, mittwochs 10-20 Uhr, samstags, sonn- und feiertags 11-17 Uhr.

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