Kultur Seine letzte Rolle?

Will den Hut nehmen: Der große Robert Redford spielt in „Ein Gauner & Gentleman“ einen charmanten Bankräuber mit Stil.
Will den Hut nehmen: Der große Robert Redford spielt in »Ein Gauner & Gentleman« einen charmanten Bankräuber mit Stil.

Oscar-Ehren und unzählige Auszeichnungen in wirklich aller Welt: Robert Redford hat als Regisseur, Produzent und nicht zuletzt Gründer des Sundance Film Festivals Filmgeschichte geschrieben. Vor allem aber liebt ihn das große Publikum als charismatischen Schauspieler in unvergessenen Filmen wie „Zwei Banditen“, „Der Clou“, „Der große Gatsby“, „Jenseits von Afrika“, „Der Pferdeflüsterer“ oder „All Is Lost“. Jetzt will sich der inzwischen 82-Jährige als „Gauner & Gentleman“ angeblich von der Leinwand verabschieden.

„Wissen Sie, was ich mache, wenn ’ne Tür zuschlägt? Ich spring’ aus’m Fenster“, umreißt die Hauptfigur dieser melancholischen Komödie ihre Lebensphilosophie. So, wie Robert Redford das als notorischer Bankräubers Forrest Tucker sagt, glaubt man gern, er habe dieselbe Haltung wie der von ihm verkörperte Charmeur mit krimineller Energie. Da wundert es nicht, dass Redford nach Beteuerungen, dies sei nun wirklich der letzte Kinofilm, in dem er eine Rolle übernommen habe, jüngst in einem Interview im US-Fernsehen eingeräumt hat, er wäre mit diesen Äußerungen vielleicht ein wenig zu weit vorgeprescht. Inzwischen hat er bereits bei einem weiteren Film als Erzähler fungiert. Und er produziert natürlich weiter Filme. Freilich ist es fraglich, ob er noch einmal eine Rolle angeboten bekommt, die derart perfekt wie die jetzige in „Ein Gauner & Gentleman“ als Abschiedsgeschenk an seine riesige treue Zuschauergemeinde funktioniert. Drehbuchautor und Regisseur David Lowery („A Ghost Story“) hat Robert Redford den Film auf den Leib geschneidert – „basierend auf einer fast wahren Geschichte“, wie es heißt. Tatsächlich hat sich Lowery von einigen Fakten aus dem Leben des in den USA als „escape artist“ (Fluchtexperte, eigentlich Entfesselungskünstler) bekannten Verbrechers Forrest Tucker (1920 – 2004) anregen lassen: ein Mann, dem es unzählige Male gelungen sein soll, aus der Haft zu fliehen, sogar von der berühmt-berüchtigten Gefängnisinsel Alcatraz in der Bucht von San Francisco. „Fast wahr“ heißt: Vom wirklichen Forrest Tucker ist im Film im Grunde nicht mehr als der Name geblieben. Zu sehen ist er in den 1980er Jahren als wohl situiert anmutender älterer Herr mit einem schon ein wenig schleppenden Gang, nicht mehr ganz gut funktionierendem Gehör und einem Gesicht, dessen viele tiefen Falten vor allem von einem künden – unbändiger Lebenslust. So überrascht es auch nicht, dass Tucker einmal auf den Einwand, warum er seinen Unterhalt denn als Gauner verdiene, erwidert: „Hierbei geht es doch nicht darum, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Hier geht es einfach nur ums Leben.“ Und das genießt Forrest Tucker vor allem dann, wenn er einen Bankraub minutiös plant und voller Elan ausführt. Blut fließt dabei natürlich nicht. Forrest ist kein Gewalttäter. Ihm genügt ein Lächeln, um das jeweilige Gegenüber zur Herausgabe höherer Summen zu bewegen. Ein Ganove mit Stil, alte Schule. Der Clou ist, dass dieses Lächeln auch eins voller Zuneigung, ja, Liebe sein kann. Das ist zu erleben, wenn Forrest der ebenfalls nicht mehr jungen Farmerin Jewel (Sissy Spacek) begegnet. Die glaubt ihm erst einmal kein Wort, als er ihr wahrheitsgemäß erzählt, was ihn umtreibt. Doch dass sie in Forrest, in späten Jahren, endlich einem Mann begegnet ist, mit dem sie glücklich werden könnte, daran möchte sie nur zu gern glauben. Und die Herzen sämtlicher Kinobesucher schlagen sofort mit den ihrigen in einem Takt. Klingt kitschig. Ist kitschig. Aber dank der leisen, unprätentiösen Inszenierung und der Klasse von Robert Redford und seiner ebenfalls Oscar-gekrönten Partnerin Sissy Spacek („Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, „Nashville Lady“) ist es ein ungetrübtes Vergnügen, sich diesem Liebesmärchen in Moll hinzugeben: Wenn gut gemacht, dann fesselt auch Kitsch. Und dieser Film ist wirklich sehr gut gemacht. Zur Wirkung trägt zusätzlich bei, dass ungemein geschickt Erinnerungen an die nun mehr als ein halbes Jahrhundert andauernde Karriere von Robert Redford eingeflochten wurden: Eine in die Handlung integrierte Nachrichtensendung berichtet über Forrest Tuckers Taten und vor allem einige seiner spektakulären Fluchten aus diversen Haftanstalten. Dabei werden passende Momentaufnahmen aus Kino-Hits mit Robert Redford genutzt. Das ist so clever wie amüsant. Und es ist eine feine Verbeugung vor fast sechs Jahrzehnten Ruhm dank Können. Neben Robert Redford und Sissy Spacek agieren Tom Waits und Danny Glover als Freunde der Hauptfigur sowie Casey Affleck in der Rolle des Ermittlers auf Forrest Tuckers Spuren. Affleck gehören die offensichtlich komischsten Sequenzen des Films, erweist sich der von ihm verkörperte Gesetzeshüter doch als arger Pechvogel. Wobei aber auch Casey Affleck mit Eleganz agiert und der Figur eine schöne Würde bewahrt, was die Komik umso stärker aufblitzen lässt. In Erinnerung aber bleibt vor allem das mal schlitzohrige, dann wieder lausbübische und gelegentlich auch wehmütige Lächeln von Robert Redford. In einer Schlüsselszene sitzt er mit Sissy Spacek im Kino und schaut versonnen auf die Leinwand. Da ist kein Filmfan wie Du und ich zu sehen. Da sitzt ein Star. Man meint, er blicke amüsiert dem eigenen Leben zu. Er wirkt zufrieden mit dem Geleisteten. Zu Recht!

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