Kultur
„Sei glücklich“: Bobby McFerrin wird 70
Es war Mitte der 80er Jahre. An der Saarbrücker Uni hingen Plakate. Bobby McFerrin würde im Audimax auftreten. Ich hatte, wie viele andere, den Namen bis dahin noch nie gehört. Und so war der Hörsaal recht überschaubar besetzt. Auf der Bühne nur ein Stuhl, ein paar kleine Scheinwerfer und ein Mikrofon. Und dann Bobby McFerrin – Rasta-Locken, T-Shirt, Jeans und eine Stimme von einem unglaublichen Tonumfang. Doch mehr noch fasziniert die klangliche Bandbreite, die er mit seiner Stimme erzielt. Mal ertönt eine Amsel, mal röhrt ein Saxofon, mal jault eine verzerrte E-Gitarre, mal schreit ein kleines Kind, mal wummert ein E-Bass, mal schmettert eine Bebop-Trompete – und das alles aus einer einzigen Kehle.
Wie Jimi Hendrix mit seiner Gitarre 20 Jahre zuvor hat Bobby McFerrin die Grenzen dessen gesprengt, was man im Gesang für möglich hielt. Seine Auftritte sind reine One-Man-Shows, bestehend ausschließlich aus seiner Stimme. Und, seinem Vorbild Keith Jarrett nacheifernd, improvisiert er ganze Konzerte. Als Liebhaber jeglicher Art von Musik und nicht zuletzt auch gerne in der Rolle des Clowns, verbindet er immer wieder diverse Stile und lädt seine Zuhörer ein mitzumachen.
Weiche Knie beim Auftritt als McFerrins „Backgroundchor“
So auch damals in Saarbrücken. Nach einigen a cappella gesungenen Liedern wie „Sweet Home Chicago“, bei denen er sich durch Körpersounds begleitet, bittet McFerrin zehn Zuhörer auf die Bühne. Als Background-Chor – und ich bin dabei. Meine Knie werden weich. Singen. Das war nie mein Fach. Auf Vorsingen gab es in der Schule nur eine Gnadennote. Doch McFerrin nimmt allen die Angst. Er verteilt die Rollen, hier ein „Dada“, der nächste ein „Dudidu“, dort ein „Tututu“, der nächste zischt ein „Sch“, und wieder einer schnippt mit den Fingern oder klopft sich auf die Brust. Und über alles setzt McFerrin seine Stimme. Fertig. So einfach kann Musik sein.
Eine Erfahrung, die mich bis heute prägt und mir auch über den Satz meines dreijährigen Sohnes, „Papa, hör auf zu singen, du kannst das nicht“, hinweg geholfen hat. Wie heißt es doch in „Don’t Worry Be Happy“: „Ich habe ein kleines Liedchen geschrieben, vielleicht magst du ja mitsingen. Es heißt: Mach dir keine Sorgen, sei glücklich. In jedem Leben läuft mal was schief, aber wenn du dich darüber sorgst, machst du es nur schlimmer.“
Musik als „Reise in die Tiefen der Seele“
Ursprünglich war „Don’t Worry Be Happy“ für den Film „Cocktail“ eingespielt. McFerrin singt alle „Instrumente“ und Stimmen im Playback-Verfahren, vom großen „E“ im Bass bis zum zweigestrichenen „f“ im Sopran. Letztlich aber ist der Song deshalb so stimmig, weil sich sein Inhalt mit der Ausführung deckt. Das Stück verbreitet eine unerschütterliche Heiterkeit, der man sich nicht entziehen kann.
„Musik ist für mich wie eine spirituelle Reise in die Tiefen meiner Seele“, sagt Bobby McFerrin. Angefangen mit seiner Kunst hat der Sohn des Opernbaritons Robert McFerrin – der erste schwarze Sänger, der an der Metropolitan Opera auftreten durfte, – allerdings recht spät. Seine außergewöhnlichen stimmlichen Fähigkeiten entdeckte er erst mit 27. Und bis heute ist er auf der Suche zwischen Jazz-Fusion, Country, Blues, Gospel, Klassik und Weltmusik. Dabei hat er mit Größen zusammengearbeitet wie Herbie Hancock, Chick Corea, Wynton Marsalis oder Joe Zawinul, mit Yo-Yo Ma, Dizzy Gillespie und Laurie Anderson. Und Bobby McFerrin hat viele große Orchester dirigiert – aber auch das stets im eigenen Stil.