Kultur Sehnsucht nach Entschleunigung
Er hat sich nach Berlin aufgemacht, der „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich: Das berühmte Gemälde mit der einsamen Figur auf dem Gipfel gilt als das Symbol der Romantik. Aus der Hamburger Kunsthalle reiste es zur „Wanderlust“-Schau in die Alte Nationalgalerie. Man besitzt in Berlin zwar auch Bilder zum Thema, aber eben nicht diese passende Ikone fürs Plakat.
Mit rund 120 Gemälden, Zeichnungen und einigen Skulpturen, davon etwa die Hälfte aus den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, will die Ausstellung ein großes Publikum ansprechen: Kunst- und Naturanbeter gleichermaßen. Schließlich wirkt die Rousseau-Parole „Zurück zur Natur“ bis heute nach. Steigende Verkaufszahlen der Hersteller von Stöcken, Wanderschuhen oder Navigationssystemen deuten auf einen globalen Bewegungsdrang. Studien sprechen allein von rund 40 Millionen wandernden Deutschen. Mit Goethes Sturm-und-Drang-Dichtung wurde das Wandern bereits um 1800 populär. Die ersten Fußmarschierer – wie zuvor schon Rousseau, der bewusst die Kutsche mied, – wollten einer komplexer werdenden Welt entfliehen. Sich selbst und der Natur nahe zu sein, avancierte zum Ausdruck modernen Lebensgefühls. Nicht nur hierzulande. „In seinen Ursprüngen ist es ein internationales Thema“, sagt Museumsleiter Ralph Gleis. Das zeigen auch internationale Leihgaben aus Paris oder Moskau. Angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche seit der Französischen Revolution erfreute sich diese neue Form der Entschleunigung regen Zulaufs. Zu Fuß unterwegs waren nicht nur die Hauptdarsteller auf den Gemälden von Auguste Renoir, Carl Spitzweg, Hans Thoma oder Richard Riemerschmid, sondern ihre Schöpfer selbst. Sie reisten nach Italien, dem Ziel der Sehnsucht nicht nur vieler Künstler wie Karl Friedrich Schinkel, in die Berge wie Karl Eduard Biermann oder nach Montpellier. Dort, im Musée Fabre, beeindruckte den Kunst-Pilger Paul Gauguin das realistische Gemälde „Bonjour Monsieur Courbet“ (1854) von Gustave Courbet, der sich selbst als Wandersmann darstellt, so sehr, dass er eine eigene Version davon malte. Kuratorin Birgit Verwiebe präsentiert aber auch weniger namhafte Maler aus eigenen Beständen. So begegnet man neben Friedrich-Höhepunkten wie dem „Mönch am Meer“, dem majestätischen „Watzmann“ oder seinem „Riesengebirge“, um die die Sonderschau herum gruppiert wurde, Künstlern aus der zweiten Reihe wie Oskar Wisnieski oder Otto Heinrich Engel, einst Gründungsmitglied der Berliner Secession. Nicht immer ein Gewinn, aber manchmal eine Entdeckung. Die meisten Arbeiten stammen aus dem 19. Jahrhundert. Doch reicht der Bogen über Emil Noldes „Winter“-Wanderer (1907) und Ernst-Ludwig Kirchners Schweizer „Sertigtal“ (1926) bis zu Ernst Barlachs „Wanderer im Wind“, einem Selbstbildnis des Bildhauers von 1934. Ausdruck für die Widerstände, gegen die der Künstler angesichts der politischen Lage angehen musste. (Kultur-)Politisch allerdings wird die Schau nicht. Es handelt sich, laut Birgit Verwiebe, um „die erste Kunstausstellung“ zum freien, selbstbestimmten Gehen durch die Natur. Sieben Kapitel von der „Entdeckung der Natur“ über die „Künstlerwanderung“, „Spaziergänge“ bis zur „Lebensreise“ verdeutlichen die große Spannbreite vom bloßen Aufenthalt im Freien bis zum Gleichnischarakter. Herausragend platziert am Anfang der Choreografie hat sie eine Ikone der dänischen Malerei: Jens Ferdinand Willumsens „Bergsteigerin“. Der Maler porträtierte seine Frau Edith anno 1912, als das Wandern noch weitgehend Männersache war. Mit ihr schließt sich der Kreis zu Friedrichs Gipfelmann, der nach dem Platz des Menschen in der Welt zu fragen scheint, vor allem aber nach der Zukunft, die im Nebel liegt. Die Ausstellung —„Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“, Alte Nationalgalerie, Berlin; bis 16. September; dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. —Infos im Netz: www.wanderlustberlin.de