Kultur Schreiben an der Schattengrenze

Dieter Wellershoff
Dieter Wellershoff

Er war einer der vielseitigsten deutschen Schriftsteller. In seiner Erzählung „Augenblicke der Benommenheit“ aus dem Jahr 1985 heißt es: „Das Leben gibt niemals auf. Das ist dieselbe Unvernunft, mit der das Meer gegen die Felsen rennt.“ Jetzt ist Dieter Wellershoff im Alter von 92 Jahren gestorben.

Das Meer erscheint als die große Unbekannte, als lockende Unwägbarkeit in Wellershoffs epischem Werk. Im Angesicht der rauschenden Brandung fühlt sich das Personal seiner ansonsten eher inländischen, vorzugsweise in Köln-Rodenkirchen angesiedelten Romane und Erzählungen häufig zu existenziellen Entscheidungen gedrängt – und das seit 1969. Damals erschien sein nach dem Debüt „Ein schöner Tag“ zweiter Roman: „Die Schattengrenze“. Darin endet die gesellschaftliche Talfahrt eines Möbelhändlers in einem winzigen Hotelzimmer an der belgischen Nordseeküste. Anja wiederum, die unglückliche Hauptfigur in Wellershoffs letztem großen Roman „Der Liebeswunsch“ aus dem Jahr 2000, der sich zum Bestseller entwickelte, stürzt sich in einem Appartementhaus an der Nordsee zu Tode. Wellershoffs reiches belletristisches und essayistisches Œuvre umfasst wunderbare Hör- und Fernsehspiele wie „Die Sirene“ oder „Der schöne Mann“ und drei Bände mit Erzählungen: „Doppelt belichtetes Seestück“, „Der Körper und die Träume“ sowie „Das normale Leben“ von 2009. „Gottfried Benn – Phänotyp dieser Stunde“ heißt das Standardwerk der Benn-Philologie, das Wellershoff 1958 aus seiner Dissertation entwickelte. Im Jahr darauf trat er als Lektor für Wissenschaft und deutsche Literatur in den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch ein, in dem alle seine Bücher erscheinen. Dort begründete er die gelegentlich missverstandene „Kölner Schule des Neuen Realismus“ und förderte Temperamente wie Nicolas Born, Günter Seuren, Rolf Dieter Brinkmann oder Günter Herburger. Erst mit Mitte 50 wagte der Ehemann der Schriftstellerin Maria von Thadden den Schritt in die freie Schriftstellerexistenz. Sie trug ihm zahlreiche Auszeichnungen wie den Hörspielpreis der Kriegsblinden oder den Heinrich-Böll-Preis ein. Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss als Sohn eines Kreisbaumeisters geboren. Als 17-jähriger Gymnasiast meldete er sich freiwillig zur Panzerdivision „Hermann Göring“. 1944 überlebte er in Litauen als einer der wenigen seiner Kompanie einen russischen Angriff. 2006 wurde bekannt, dass er ab 20. Juli 1944 unwissentlich als NSDAP-Mitglied geführt wurde; der gefragte Zeitzeuge brach darauf eine Lanze für Generationsgenossen, denen es ähnlich gegangen sei. Dieter Wellershoffs schnörkellose Sprache ist den Denkweisen von Anthropologen wie Arnold Gehlen und Niklas Luhmann geschuldet. In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen sprach er von einer „... Gespensterparade der Personen, die ich auf den Weg brachte, um an ihnen die Unglücksmöglichkeiten des falschen und scheiternden Lebens darzustellen.“ Nun hat sich Dieter Wellershoffs langes, gelingendes Leben vollendet.

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