kunst
Schon immer Influencerin: Die 92-jährige Yoyoi Kusama stellt in Berlin aus
Die vielen Punkte waren schon immer da, schon in den frühen Bleistiftzeichnungen von 1934. Das war sie 15 . Doch sie hat es nicht nur mit den Punkten. Ihre Horrorgemälde mit dunklen spitzen Ästen und wulstigen Wesen aus den frühen 50er-Jahren könnten für Science-Fiction-Filme wie „Alien“ (1979) Pate gestanden haben. Da muss sie schon Halluzinationen gehabt haben.
Die Eltern der jungen Japanerin betreiben eine Samengärtnerei, der Vater geht fremd, was Yayoi schockiert, zu Angst vor Sex führt und später zu weißen Phalli in Damenschuhen und zu einem berühmten, mit hunderten von weißen Phalli überfüllten Boot nebst einem mit hunderten Bootfotos als Tapetenmuster ausgekleideten Raum. Sie wird berühmt. Sie bewegte sich in den Kreisen von Warhol, Oldenburg und anderen Szenegrößen.
Wilder als Warhol
Dass sie Künstlerin werden wollte, wusst Kusama schon früh, sie ging an die Kunsthandwerkschule in Kyoto und lernte traditionelle japanische Malerei. Doch sie wollte mehr: ihre eigene Welt mit avantgardistischen Bildern, Objekten und Räumen. Mit 28 verließ sie Japan, ging in die USA und wurde wilder als Andy Warhol. Ihre Performances in New York mit Nackten, die sich gegenseitig (wie) im Rausch ihre Körper bemalen – mit dicken Punkten, aber nicht nur – filmt sie auch. Kusama beginnt zu tanzen – was zwangsläufig zur Beschäftigung mit Spiegeln führt (man muss ja gucken, wie man sich bewegt) und zu magischen Spiegelräumen mit halluzinatorischen Mustern und Effekten wie in „2001 – Odyssee im Weltraum“.
Unverstanden in den USA und Europa
Warhol, Claes Oldenburg, Kubrick, schwer zu sagen, wer nicht von ihr geklaut hat. Kusama machte das nicht glücklich, sondern depressiv. Sie sprang aus dem Fenster, überlebte und versuchte es in Europa. In den 60er Jahren stellte sie ihre Phalli und Objekte wie die Handtasche und das Jäckchen aus harten Makkaroni, goldfarben bemalt, in Deutschland aus: in Köln. Doch im Prinzip verstand man sie dort ebenso wenig wie in den USA: Sie war nicht einzuordnen, sie machte alles – Malerei, Objekte, Happenings, Kostüme, Bilder, Fotos, Filme und wurde angefeindet wegen ihrer Erotika, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihrem Abweichen von allen Normen.
Ein halbes Leben in der Heilanstalt
Bei der Biennale von Venedig 1966 stellte sie sich inmitten ihres Kunstwerks – 1500 silberne Spiegelbälle, etwa 20 Zentimeter groß – und verkaufte die Kugeln für zwei Dollar, bis man es ihr untersagte. Ein paar Jahre lang inszenierte sie noch sich selbst und ihre ungewöhnliche Kunst in Europa und den USA, bis sie 1977 aufgab, zurückging nach Japan um fortan freiwillig in einer Nervenheilanstalt zu leben – bis heute. Nach wie vor ist sie irre produktiv. Es entstehen neue Kunstobjekte, Kleider und Möbel. Ein riesiges Werk. Es ist nicht zu fassen.
Unter Aufsicht in Kusamas Werk baden
Aber Stephanie Rosenthal, die Chefin des Gropius-Baus, hat einen Weg gefunden, es begreifbar zu machen: Für die erste Retrospektive von Kusama in Deutschland mit 300 Arbeiten stellt sie Ausstellungsräume anderer Galerien und Museen nach – von der ersten Ausstellung in den 40er Jahren bis heute – und wirft die Besucher ins Wasser: Sie stehen im Spiegelraum mit tausenden weißen phallischen Würsten mit roten Punkten und Spiegeln in der Wand (aber nur 45 Sekunden, dann wirft die Aufsicht einen raus, als befürchtet sie bleibende Schäden, denn der Andrang ist dank Corona ja nicht so hoch).
Und überall die Polka Dots
Sie laufen durch das Venedig-Spiegelball-Feld und kicken schüchtern die Kugeln an. Sie steigen aufs Treppchen und schauen voyeuristisch in die Performance-Räume mit gepunkteten Schaufensterpuppen vor Punktewänden, die sich im Schwarzlicht zu bewegen scheinen. Sie schauen durch ein Fenster in einen Spiegelraum in eine unendliche Tiefe mit schillernden rasant wechselnden geometrischen Mustern und bekommen so hoffentlich ein bisschen mehr mit von dieser seltsamen Kunstwelt, die so viel mehr ist als Kusamas berühmte Polka Dots (so nennt sie ihre Punkte, mit denen sie alles überzieht).
Wer das als lächerlich und unnötig abtut, sollte ins Berliner Illusionsmuseum beim Alexanderplatz gehen: Dort gibt es Räume mit sich halluzinatorisch bewegenden Punkten und Spiegelräume mit Blicken in die Tiefe, die von Kusama kopiert zu sein scheinen – als Lebensschule für neugierige Kinder. Die finden es cool.
Info
„Yayoi Kusama – eine Retrospektive“; Berlin, Gropius Bau; bis 15. August, Mittwoch bis Montag 9-21 Uhr, Karten: gropiusbau.de