Essay
Schöner Urlaub? Wie wir Deutschen so auftreten im Ausland
Wir Deutschen sind die Urlaubs-Europameister. Sobald die Ferienzeit beginnt, wollen wir offenbar so schnell wie möglich die Heimat hinter uns lassen, um neue, schönere, aufregendere oder was auch immer Welten erleben zu können. Nicht selten nörgeln und mosern wir aber dann am Urlaubsort am Essen, dem Service, der Sauberkeit des Wassers rum und vermiesen uns so selbst die schönste Zeit des Jahres.
Irgendwie hat der Deutsche ein eher ambivalentes Verhältnis zu seinem Urlaub. Wir wollen zwar am liebsten unser Schnitzel so wie zu Hause verspeisen, sind aber entsetzt, wenn in dem Lokal noch -zig andere Deutsche sitzen, denen wir doch gerade nicht im Urlaub begegnen wollen. Wir geben stolz bei Facebook oder auf anderen Plattformen Geheimtipps für Restaurants, Strände oder gleich ganze Städte, wo man fast nur Einheimische antreffen könne und sich deshalb fast wie einer der ihren fühlen dürfe. Und dann wundern wir uns, dass beim nächsten Besuch der Geheimtipp gar nicht mehr so geheim ist.
Nach der Corona-Delle sind die Deutschen im Jahr 2023 wieder in Scharen ausgeschwärmt. 87 Milliarden Euro haben sie für ihren Urlaub ausgegeben, pro Kopf 130. Der Wunsch nach Urlaub scheint resistent gegen alle Krisen dieser Welt, frei nach dem Motto in holprigem Reim: „Und mag die Welt auch untergehen, so will ich doch noch etwas Neues seh’n.“ Ok, jetzt besser wieder in Prosa.
Und wie sieht er denn nun aus, der typische deutsche Urlauber? Wir kennen die Vorurteile und Klischees, von den hochgezogenen weißen Socken in den Sandalen, den Sonnenhüten und der zentimeterdick auf weißer Haut aufgetragenen Sonnencreme. Und natürlich den Frühaufsteher, der morgens um sieben Uhr seine Liegen am Pool mit Handtüchern reserviert.
Es gibt nicht den einen deutschen Urlauber, sondern unterschiedliche Typen, die dann natürlich auch wieder nur nach Klischees gezeichnet sind. Wir wollen es einfach mal versuchen.
Der Bildungsbürger
Er ist bestimmt der angenehmste und zurückhaltendste unter den deutschen Urlaubern. Und er kann sich auf Goethe – und viele andere Künstler – berufen, wenn er beispielsweise Italien bereist. Schließlich hat der Geheimrat aus Weimar die Italiensehnsucht, die irgendwie historisch bedingt Teil der deutschen DNA ist, heftig befeuert. Und zwar mit seinem Gedicht „Mignon“, das in seinen „Wilhelm-Meister“-Romanen erschienen ist: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,/Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,/Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,/Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,/Kennst du es wohl?/Dahin! Dahin/Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!“
Und heute sind trifft man den deutschen Italienreisenden im Dom zu Florenz oder auf dem Forum Romanum in der italienischen Hauptstadt mit einem Baedeker-Reiseführer bewaffnet an, den er Seite für Seite abarbeitet. Schließlich war ja auch einst Goethe mit einem Bildungsauftrag nach Italien gereist, den er aber im eigenen Interesse in einen Genussauftrag umgewandelt hat. Doch der Genuss kommt bei unserem deutschen Bildungsreisenden eher etwas zu kurz und beschränkt sich auf das Glas Rotwein zum Abendessen. Er geht alles mit der Ernsthaftigkeit eines Studienrates an und gibt sich erst zufrieden, wenn er im letzten Winkel einer Kirche jenes eine Kunstwerk gefunden hat, das ihm noch fehlte.
Weil er so sehr mit den Kunstwerken aus der Welt von gestern beschäftigt ist, verliert er das Leben von heute um ihn herum etwas aus den Augen. Er wirkt etwas verloren an seinem Urlaubsort, obwohl er pflichtbewusst zur Vorbereitung des Urlaubs die Landessprache erlernt hat. Deshalb schließt er sich auch gern mit Gleichgesinnten zusammen und bucht eine Studiosus-Reise.
Der Ballermann-Pilger
Was dem Bildungsreisenden sein Goethe, sind dem Ballermann-Pilger so Ausnahmekünstler wie Jürgen Drews, Ikke Hüftgold oder Mickie Krause. Er will Spaß haben – und sonst nichts. Und Spaß heißt für ihn: Trinken, also eigentlich Saufen. Neben Deutschland bringt vor allem England diesen Typus von Touristen hervor, der zwar am Urlaubsort für ordentlich Umsatz sorgt, weil er ja quasi ständig trinken muss, um erst gar nicht auf den Gedanken zu kommen, das Land und die Menschen einmal anzuschauen. Er bleibt unter seinesgleichen, hat daher auch gar keine Probleme, ständig von anderen Deutschen umgeben zu sein.
Eigentlich kennt er – wie sein Name schon sagt – auch nur ein Reiseziel: Mallorca, das für ihn das 17. deutsche Bundesland ist. Und wenn man sich Fotos von Deutschen am Ballermann oder am Strand von Mallorca anschaut, dann versteht man die Mallorquiner nur zu gut, die gegen den Massentourismus auf ihrer Insel demonstrieren. Solche Gäste wünscht sich kein Gastgeber!
Der Spießer
Erkennungszeichen des deutschen Spießer-Touristen sind ganz klar die weißen Socken, die er zu offenen Sandalen und kurzen, etwas zu engen Hosen trägt. Und nicht nur das. Er zieht sie auch so hoch, dass er problemlos, würde er Fußball spielen, dahinter auch noch Schienbeinschoner verbergen könnte. Aber für sportliche Aktivitäten ist er eigentlich zu dick, obwohl in der Thekenmannschaft, für die er jährlich einmal aufläuft, alle so aussehen.
Ein weiteres beliebtes Accessoire: ein Brustbeutel für die wichtigsten Papiere, vielleicht auch noch eine Herrenhandtasche für den Mann von Welt aus, sagen wir einfach mal, Wuppertal-Elberfeld. Auch gern getragen: der Pepita-Hut und über der kurzen Hose entweder ein absurd buntes Hemd oder ein viel zu enges Poloshirt.
Das alles hat natürlich für die Mitmenschen, seien es Einheimische oder andere Touristen, einen gewaltigen Vorteil: Man erkennt den deutschen Spießer-Touristen schon aus ziemlich großer Entfernung und kann Sicherheitsvorkehrungen treffen: als einheimischer Laden- oder Restaurantbesitzer kann man einfach ein „Geschlossen“-Schild an die Tür hängen und diese verschließen. Als Deutscher sollte man dem Spießer am besten aus dem Weg gehen, denn wenn er einen einmal in den Krallen hat, lässt er einen so schnell nicht wieder los. Und das kann den ganzen Urlaub ruinieren.
Denn der Spießer ist nicht selten auch ein Nörgler und ein Geizkragen, der auf den Märkten um jeden Cent feilscht, dem grundsätzlich alles zu teuer ist und der deshalb auch konsequent gar kein oder zu wenig Trinkgeld gibt. Das Essen passt ihm ohnehin nicht, der Pool ist ihm zu schmutzig und die Einheimischen sind ohnehin alle nur faul und kriminell, weil sie ihn ständig übers Ohr hauen wollen. Aber da haben sie natürlich die Rechnung ohne den deutschen Spießer gemacht, der sich bereits während des Urlaubs an seinen Stammtisch zurücksehnt, um all seine schlechten Erfahrungen mitzuteilen. Unser Rat an den Spießer: Einfach zu Hause bleiben, da hat man sich an seinen Anblick ja auch bereits gewöhnt.
Der Großkotz
Die beiden letzten Touristen-Typen, die wir uns noch anschauen wollen, sind eng miteinander verwandt, wobei der Großkotz alles andere als eine deutsche Spezialität ist. Vor allem russische Oligarchen waren für ihr protziges Auftreten im Ausland bekannt und berüchtigt. Derzeit sieht man sie ja aus bekannten Gründen nicht mehr so häufig.
Aber die Mentalität im Stile von „Was kostet die Welt“ ist auch unter Deutschen im Ausland verbreitet. Robert Geiss lebt es vor. Solche Großkotze haben grundsätzlich das Gefühl, in Entwicklungsländer zu reisen, selbst dann noch, wenn das besuchte Land der deutschen Wirtschaft haushoch überlegen ist. Geld spielt für sie keine Rolle, weshalb sich auch das Problem mit dem Trinkgeld erledigt hat. Aber als Gegenleistung erwarten sie Demut, Unterwürfigkeit, Dienstfertigkeit und Bewunderung. Widerspruch dulden sie nicht, und mit allzu viel Kultur und Landeskunde wollen sie sich auch nicht beschäftigen. Hauptsache der Champagner auf der Jacht im Mittelmeer fließt in Strömen.
Der Großdeutsche
Jener Touristentypus, der wie als großdeutsch bezeichnen, zeichnet sich durch eine gewisse Geschichtsvergessenheit aus. Die AfD würde vielleicht von Geschichtsbewusstsein sprechen. Jedenfalls lebt er in Gedanken in einem Deutschland in den Grenzen von 1939, vielleicht sogar von 1941. Mit fatalen Konsequenzen.
Zu den harmlosesten gehört noch, dass er konsequent nur Deutsch spricht, egal, wo in der Welt er sich gerade befindet. Ärger wird es, wenn er – was er besonders gerne tut – in die ehemaligen Ostprovinzen des Deutschen Reiches reist, weil er partout nicht akzeptieren kann, dass dafür ein Grenzübertritt notwendig ist.
Breslau ist somit zum Beispiel für ihn ganz selbstverständlich eine deutsche Stadt, was er auch den Polen ungefragt immer wieder unter diese Nase reibt. In den ehemaligen Provinzen Schlesien oder Ostpreußen tritt er auf wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Und wenn man am Tisch neben ihm miterleben muss, wie er einen italienischen Kellner im „deutschen“ Bozen anraunzt, weil dieser es gewagt hat, ihn auf Italienisch anzusprechen, dann weiß man gar nicht, wohin man sich verkriechen möchte. So groß ist das Fremdschämen.