Kultur Saxophon-Revolutionär
Archie Shepp ist als Saxofonist einer der Überlebenden der klassischen Moderne des Jazz, eine Legende aus der Zeit, als sich der Jazz mit den politischen Hoffnungen der 60er Jahre verband, mit dem schwarzen Freiheitskampf und der Bürgerrechtsbewegung. Heute feiert dieser Jazz-Revolutionär seinen 80. Geburtstag.
Dabei lehnt Shepp, einer der größten Musiker und wichtigsten Theoretiker der afroamerikanischen Kultur, Autor und Dozent, Schauspieler und Aktivist, den Begriff Jazz kategorisch ab: „Ich rede nicht über Jazz, sondern über afroamerikanische Musik, und innerhalb dieser Musik über einen ganz bestimmten Bereich, nämlich über zeitgenössische afroamerikanische Instrumentalmusik“, erklärt der Musiker, der so gerne den Buhmann mimt. „Jazz ist wie Kleenex, Marlboro oder Coca Cola – eine rein kommerzielle Idee, die von den Medien verkauft wird.“ So war Archie Shepp stets ein Gegner des Easy-Listening-Jazz. Er, der seit vielen Jahren in Europa lebt, dort wo man mit Jazz noch Geld verdienen kann, wollte den diskriminierten Schwarzen in den USA eine eigene Musik geben, mit der sie sich identifizieren können. Hip-Hop und Rap können das für ihn nicht sein, denn deren Protagonisten wissen nichts von ihrer eigenen Geschichte, von den Wurzeln ihrer Musik. Und, so Shepp, würden Musiker wie Jay Z oder Beyoncé ihn kennen, „würden sie mich vermutlich für gefährlich halten“. Die Chefs der Musikindustrie nannte er Gangster, musste aber dennoch mit ihnen arbeiten. Und in seinen Konzerten hat es Shepp meist mit einem weißen bürgerlichen Publikum zu tun. Eine paradoxe Existenz, denn Shepp war ein wütender junger Mann, ein Pionier des Free Jazz, der sein Saxofon als „Maschinengewehr des Vietcong“ bezeichnete und mehr verändern wollte als nur die Welt des Jazz. Inzwischen gehört er selbst zur Upper-Class des Kulturbetriebs. Den kreativen Sonderling stören solche Widersprüche zwischen Wunsch nach Unmittelbarkeit und Wirklichkeit des Business wenig. Er weiß, dass er zahlreiche Spuren hinterlassen hat, die ihm einen Platz in der Ahnengalerie sichern. Mit der Volksmusik der Schwarzen in Amerika, dem Blues und den Gospels im Gepäck, kam Shepp 1960 nach New York, wo er im Quartett von Cecil Taylor unterkam. Der, so Shepp, habe ihm den Blick für die Verbindungen zwischen älteren und jüngeren Stilen der schwarzen Musik geöffnet. Und so wurde Shepp zu einer Speerspitze der von John Coltrane angeführten Bewegung, die an den Grenzpfosten der Musik rüttelte. „Fire Music“, nannte Shepp seine Musik und saß damit zwischen allen Stühlen. Traditionalisten warfen ihm vor, nicht spielen zu können. Avantgardisten störten sich am Blues, der bei ihm immer mitklingt, so dass selbst in den wildesten Momenten, wenn er sein Saxofon schreien und fauchen lässt und der Beat zerbröselt, neben Wut und Rebellion immer auch Leid, und Sehnsucht zum Ausdruck kommt. Mit 80 Jahren, ist Shepp mit seiner Musik selbst zu einem Traditionalisten geworden – aber: ein Traditionalist mit einer großen Liebe zum Experiment.