Mannheim
So revolutionär kann ein Tanz gegen Trumps Politik sein
Selten äußert sich ein Choreograf so meinungsstark wie Andrew Skeels. Der 44-Jährige feuert mit Fakten, Hintergründen und zutiefst persönlichen Geschichten, die sein neues Stück motivieren, das am 25. April beim Tanzabend „One Love“ fürs Mannheimer Nationaltheater uraufgeführt wird. Aufgewachsen in Boston nimmt Andrew Skeels früh eine kritische Einstellung gegenüber seinem Heimatland ein. Zum einen, weil er zu den ersten Schwulen gehört, die sich in den 90er-Jahren offen dazu bekennen. In jener Zeit, als die Angst vor der Krankheit Aids zu einer repressiven Haltung gegenüber Homosexuellen führt, setzt sich Andrew Skeels mit Arbeitsgruppen an Schulen für den Dialog ein.
Sein politischer Aktivismus ist zum anderen bedingt durch seine sozial engagierte Familie: Sein Vater arbeitete als Pflichtverteidiger. Seine Mutter und Schwester sind beide blind und zugleich „die bewundernswertesten Persönlichkeiten“, erzählt Skeels. Seine Schwester studierte an der Kunsthochschule und wurde Fotografin, bevor sie sich der Entwicklungshilfe zuwandte und zuletzt in Mexiko beim Peace Corps arbeitete. Bis Donald Trump erneut zum US-Präsidenten gewählt wurde.
„Vor wenigen Tagen ist sie gefeuert worden, wie die Hälfte ihrer Kollegen. Die Gelder wurden komplett gestrichen“, sagt der 44-Jährige und verweist auf die gesellschaftlichen Konsequenzen. „Leute in Krisengebieten erhalten nun vom reichsten Land der Welt keine Unterstützung mehr. Beim Erdbeben in Myanmar halfen Russland und China: zwei Diktaturen, die zum Sinnbild für humanitäre Hilfe werden.“ Die US-Regierung werde jetzt von einer wohlhabenden Elite dominiert, die im Interesse der wohlhabenden Elite handele. Skeels ist überzeugt, dass dieser Coup über Jahrzehnte von Republikanern vorbereitet wurde und dass der Oberste Gerichtshof darin eine Schlüsselrolle spielt. Genau dort will er sein Tanzstück „Burning of Jamestown“ ansiedeln und lässt einen Gründervater der Vereinigten Staaten wiederauferstehen.
Richter tanzen auf
Die imposanten Säulen des Gerichtshofs, Stühle und Bänke wurden in den Mannheimer Theater-Werkstätten nachgebaut, auch die eleganten roten Vorhänge. Aber sie sind halb abgebrannt und das Mobiliar zerstört in dieser postapokalyptischen Welt. Georg Washington, der 1789 zum ersten US-Präsidenten gewählt worden ist, wird von einem Tänzer verkörpert und repräsentiert für den Choreografen ein politisches System, das dem Machterhalt der Reichen dienen soll. Richter am Obersten Gerichtshof werden auf Lebenszeit ernannt. Sechs von neun wurden inzwischen von Republikanern eingesetzt und handelten nach Skeels Ansicht „faschistisch“. Diese Richter, die dem US-Präsidenten Donald Trump für seine zweite Amtszeit politische Immunität und damit Handlungsfreiheit gewährt haben, werden ebenso als Charaktere auftanzen wie das Volk: Menschen in angekokelten Trainingsanzügen, die für ein besseres Leben kämpfen und gemeinsam aufbegehren. Nur, wie sieht eine solch politische Botschaft tänzerisch aus? Und kann sie verstanden werden?
Die Kraft der Kultur
„Kunst hat die Kraft etwas zu ändern“, ist Skeels überzeugt, „Sie kann die Perspektive verändern und die Meinung von Hass zu mehr Toleranz verschieben. Deshalb stellt Kultur für Trump und die Eliten, die Zwietracht säen wollen, eine solche Bedrohung dar.“ Seit 1997 choreografiert Skeels und formt in seiner emotionalen Bewegungssprache Gruppen zu organischen Skulpturen, lässt Paare spiralförmig umeinander kreisen und über die Erde winden in Bewegungen, die an Breaking und andere urbane Tanzformen erinnern. Als „eklektisch“ bezeichnet Skeels seinen Stil, da er erst von Jazz, Stepptanz und Hip-Hop geprägt wurde und später besonders von Krump aus den Straßen von Los Angeles, in dem es darum geht, Charaktere darzustellen und Geschichten zu erzählen. Mit 16 Jahren studierte er Choreografie an der Boston University und lernte eine Mentorin kennen, die ihm zu Ballett riet, um sich als Künstler an den großen Theatern zu etablieren. Nach Stationen als Tänzer bei Kompanien wie das Boston Ballet und Colorado Ballet wurde er mit 29 Jahren bei Les Grands Ballets Canadiens im kanadischen Montréal engagiert, wo er seither lebt. Seit 2015 widmet er sich Vollzeit der Choreografie mit seiner eigenen Kompanie Skeels Dance und macht Auftragswerke für die renommiertesten Ensembles weltweit. Wenn er für das Nederlands Dans Theater kreiert, steht sein Name zwischen Größen wie Nacho Duato und Avantgardisten wie Alexander Ekman. Aber er interessiert sich nicht für Ruhm.
Ringen ums Gewehr
„Who cares?“, fragt Andrew Skeels laut lachend. Er hält seine allererste Theatertruppe, die er mit zehn Jahren gründete für genauso relevant: Footlights Theater. Damals brachte er seine Freunde in den Ferien dazu, eine Show auf die Beine zu stellen und räumte das Haus dafür um. „Ich mache das also schon mein ganzes Leben. Das Theater ist meine Berufung. Dass darin Tanz meine Ausdrucksform wurde, ergab sich eher zufällig durch meine Mentorin“, sagt Skeels und erklärt damit auch das Filmische in seinen Inszenierungen, in denen Requisiten entscheidende Rollen spielen - wie ein antiquierter Telefonhörer, der ans Herz gepresst wird und von Verlust und Sehnsucht zeugt. In Mannheim wird es ein Gewehr sein, um das ein Paar ringt. Denn auch mit dem amerikanischen Waffenkult verbindet Skeels eine schlimme Erinnerung.
Nur knapp überlebt
Sein Tänzerkollege beim Colorado Ballet wurde von seiner Freundin aus Versehen angeschossen, weil sie mit der Waffe herumhantierte. Er überlebte laut Skeels knapp, aber verlor seinen ganzen Arm. Kein Einzelfall, wenn man in die Statistik schaut: In den USA gibt es mehr Schusswaffen als Einwohner. 16.000 Menschen starben im vergangenen Jahr durch Schussverletzungen. Das Recht, uneingeschränkt Waffen zu tragen, ist in die Verfassung seit 1791 eingetragen und prägt die amerikanische Identität. Denn mit Waffengewalt erkämpfte man sich die Freiheit von der britischen Krone und kolonisierten die ersten Siedler den „Wilden Westen“. Indigene konnten damit verdrängt und Sklaven beherrscht werden. Aber der Kult hat auch mit dem Glauben der europäischen Auswanderer zu tun, sich mit Waffen notfalls gegen eine Tyrannei „von oben“ wehren zu können.
„Die einzige Lösung“
Das Gewehr repräsentiert für Skeels eine Kultur der Gewalt in den Vereinten Staaten und dass an der falschen Stelle nach Lösungen gesucht werde. „Wir kämpfen gegeneinander statt uns richtig anzusehen“, sagt Skeels. „Waffen gibt es überall, trotzdem helfen sich nicht dabei, für eine bessere Gesundheitsversorgung zu sorgen, für höhere Bildungschancen oder mehr Arbeitsplätze.“ Es ist auch selten, dass ein Choreograf eine Lösung parat hat und sie so klar artikuliert. „Die einzige Möglichkeit, damit sich Mächtige nicht noch mehr bereichern können, ist die Massen zu mobilisieren, um für eine lebenswerte Gesellschaft einzustehen, auch zwar für die Mehrheit der Menschen auf dem Planeten. Das ist auch aus Klimaschutzgründen wichtig“, sagt er. „And if we don't, we are fucked.“
Termin
„One Love“, zweiteiliger Tanzabend des Nationaltheaters Mannheim im Alten Kino Franklin mit Uraufführungen von Andrew Skeels und Martin Harriague, Premiere am 25. April, 19.30 Uhr, ausverkauft. Weitere Termine: 8./10./24./30. Mai jeweils, 19.30 Uhr. Karten zwischen 6,50 und 36 Euro über Telefon 0621 1680 150 oder www.nationaltheater-mannheim.de