Kultur
Reporter to go: Bei dem Spektrosozillo-Künstler Elmar Weigel aus Ludwigshafen
Elmar Weigel malt Bilder, die eingesprochene Buchstaben darstellen. Spektrooszillo-Kunst nennt der Ökonom und Lehrer im Ruhestand seinen eigenwilligen Stil. Ausgestellt hat er seine Bilder noch nie. Das will er jetzt ändern. Was ein Bild kostet, wird dabei danach berechnet, was die Kaufenden verdienen.
Ludwigshafen, die gediegene Gegend. Lisztstraße. Die Pferdeskulptur auf dem Weg zum Entree, weidend, blau. Elmar Weigel steht hagere einen Meter 96 groß im Türrahmen. Bebrillt, grauhaarig, offenen Blicks. Die Stimme sanft. Die Weigels gerade von einer Kreuzfahrt zurückgekehrt. Die Frau, entschuldigt er sich, sei beim Einkaufen. Er also so: „Kaffee?“.
Elmar Weigel hat dem Reporter to go geschrieben. Ob seine Spektrooszillokunst nicht was wäre für die Serie. Ein Reporter-Kollege war so verwirrt, dass er die Mail, statt sie weiterzuleiten, retour an den Absender schickte. Mit Fragezeichen: „Ich versteh’ gar nichts, du?.“ Weigel schrieb amüsiert zurück, als ehemaliger Lehrer könne er ihm das gerne mal erklären. Er glaube, schrieb er noch, er habe etwas wirklich Neues entdeckt.
Recherchen vorab: Keine Ausstellungen, kein Zeitungstext. Elmar Weigel ist als Künstler ein unbeschriebenes Blatt. Auf seiner Homepage sieht man in Sachen Kunst zackige Diagramme in Spektralfarben auf schwarzem Hintergrund. In der Lisztstraße geht es die Treppe hoch in eine Art Atelier. Technische Geräte dominieren dort. Im „Weigel-Office“ steht die Staffelei eher dekorativ platziert herum.
Giraffen aus Agraffen
Weigel sagt jetzt, er verstehe sich nicht so – als Künstler nämlich. „Ganz und gar nicht“, sagt er. Für das Zeichnen und Malen habe er keinerlei Talent. Diplom-Kaufmann ist der kunstschaffende Nicht-Künstler von Hause aus, Lehrer im Ruhestand. Kleinst-Aktionär der BASF, der sich bei Hauptversammlungen dafür einsetzt, Teile der Dividende für soziale Zwecke zu verwenden, wie er erzählt. Er hat auch Lehrbücher über Datenverarbeitung und Software geschrieben, die teilweise offen zugänglich im Netz stehen. Einer der Menschen, die unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle emphatisch schöpferisch unterwegs sind - auf ihre Art. Kunst ist sein Hobby. Aber Weigel glaubt, sein Werkprinzip könnte auch was für andere sein.
Elmar Weigel ist 1943 in Germersheim geboren, belebt seit ewig Ludwigshafen wachen Auges. Seine Netzseite www.weigeloffice.de hat Kategorien wie „Zeitsprung-Spaziergang 1945/2011“, „Zeitreise nach Alt-Lu“ und „Zerstörung geht auch ohne Krieg“. Im Schuldienst war er in Mannheim bei einer Wirtschaftsschule angestellt.
Kreativität, sagt Weigel, er lächelt meistens selbstamüsiert, sei für ihn die Variation bekannter Dinge. Und, dass er seine Entdeckungen gerne teile. Er hat da mehr den pragmatischen Ansatz. Im Regal stehen Giraffenfiguren, die er aus Agraffen, den Drahtgestellen, die die Sektkorken umgeben, zurechtgebogen hat. Einen ganzen Giraffen-Zoo hat er angelegt mit den Kleinstskulpturen. Kunst? Na ja. Eine Privat-Passion. Seine Frau, meint er keineswegs geknickt, gefalle, was er jetzt so treibe, mehr. Im Wohnzimmer hängt ein Bild, auf dem auf ganz spezielle Art „Ich liebe dich“ steht. In zackigen Linien. Spektrooszillokunst.
Am Anfang war die Cafeteria
Angefangen damit, erzählt er, hat Elmar Weigel vor fast 40 Jahren. Aber erst seit einem Jahr, sagt er, beschäftige er sich mit seiner Kunst-Erfindung wieder intensiver. Wie es dazu kam? 1981 stand in der Mannheimer Max-Hachenburg-Schule, an der er damals unterrichtete, ein Tag der Offenen Tür an. Seine ersten Kunstwerke waren Deko für die Cafeteria. Schüler hatten ihn darum gebeten. Er überlegte sich was, das zwischen Kunst und Physik oszillierte.
Herznah liegt das Lehrerhafte bei ihm. Gibt Weigel selbst zu, unumwunden. Anhand seiner Cafeteriabilder habe er seinen Schülern etwas von Schallwellen und Lichtbrechung erzählen können, meint er. Bei einem Kollegen organisierte er sich einen Oszillographen. Ein Aufzeichnungsgerät, das grob gesagt, Verläufe elektrischer Spannungen sichtbar macht und auch in der Tontechnik Verwendung findet. Ob man es genauer wissen wolle, fragt Weigel jetzt, das Gesicht in Pädagogen-Falten gelegt. Gehe so, ich. Er nickt. Jedenfalls, erklärt er sein künstlerisches Baukastenprinzip, habe er damals jeden einzelnen der 26 Buchstaben des Alphabets in ein Mikrofon gesprochen, aufgezeichnet mit dem Oszillographen. Das ABC war plötzlich ein Schattenlinien-Arsenal.
Mit Hilfe optischer Geräte vergrößerte er die Linien fingerdick und hielt sie als Ausschnitte auf Schablonen fest, grundierte eine Leinwand schwarz und trug die Buchstaben, denen er Spektralfarben zuordnete, mit den Schablonen auf, je nachdem welches Wort er darstellen wollte. Friede und Krieg, Liebe, Hass. Rot, gelb, orange, violett und indigo leuchteten die Buchstaben. Deren damals gewonnene Linien-Gestalten dienen heute noch als Vorlagen. Auch das Arbeitsprinzip ist unverändert. Die Sprachbilder sehen immer noch gleich aus, egal ob Weigel selbst, oder jemand anders sie auf die Leinwand überträgt. Höchstens der Farbauftrag, bei Weigel heute sorgfältig wie bei einem um Genauigkeit bemühten Malergesellen, kann sich unterscheiden.
Ein Abbild der Liebe
Das Spektrooszillo-Abbild der Liebe also hat immer massive grüne Ausschläge nach unten, während Hass gleichförmig strömt. Norden und Süden wirken, nach der Methode Weigel versinnbildlicht, identisch. Europa und Afrika sehen sich gar nicht ähnlich. Kapital wird von einem ansteigenden Kursverlauf, der dann stark abfällt, dominiert. Trump und Putin sind beide von einer Linie überwölbt, aber Trumps Überhöhung ist blau, die von Putin rotorange. Christ? Ein ziemliches Linienchaos. Muslim? Ein pedantisch gereihtes Bergmassiv. Hat das was zu bedeuten?
Elmar Weigel arbeitet in seiner Kunst gerne in Gegensatzpaaren. Mannheim hat auf seinen Bildern viel weniger Höhen als Ludwigshafen. Er lacht. Das interessante seiner Arbeiten ist, dass sie auch zeigen, wie unsere Wahrnehmung funktioniert. Und das Denken.
Farben zum Beispiel stellen wir uns ja immer mit Gegenständen vor. Blau wie das Meer und rot wie ein Feuermelder, bei orangefarben ist die Sache sowieso klar. Bei Bildern mit Titeln dagegen setzen sofort die Assoziationsinstinkte ein.
Weigels Werke sind so lediglich Abstraktionen davon, wie seine Stimme Buchstaben spricht. Und davon, wie es aussieht, wenn ein Oszillograph das festhält. Heißt auch, dass das Wort Love ein anderes Bild ergibt als Liebe, obwohl beide Wörter doch das Gleiche bezeichnen. Aber man kann einfach nicht anders, als in Weigels Arbeiten beinahe gegenständliche Sinnbilder zu sehen. Wirkt Mannheim schöner als Ludwigshafen? Hat Hass als malerische Tonspur Aggressionen? Ein weites Feld für Philosophen. „Gabriele“, sagt Weigel jetzt selbst, der Name seiner Frau, sehe als Spektrooszillokunst viel dynamischer aus als Elmar. Und so sei es auch im wahren Leben. Trotzdem will er demnächst mit seiner Kunst doch noch an die Öffentlichkeit treten.
Weigel überlegt, sein Ausgangsmaterial für Nachahmer frei zugänglich ins Netz zu stellen. Außerdem haben ihn die Betreiber des Ludwigshafener Cafés Franz & Lissy, Freunde von ihm, eingeladen, eine Ausstellung bei ihnen zu zeigen. Und er hat zugesagt. Preisvorstellungen für seine Kunst gibt es auch schon. Er rechnet sie ganz unkünstlerisch auf Stundenlohnbasis aus. Zusätzlich kurios ist, dass dabei auch die Einkünfte der Kaufenden zählen.
Erfindung für alle
Für die Grundierung jedenfalls rechnet Weigel vor, brauche er eine halbe Stunde, genauso für jeden Buchstaben. Bezahlt werden soll sein Stundenlohn nach Maßgabe dessen, was die Käufer/innen verdienen. Von Nichts bis Mindestlohn bis unendlich. So kommt es, dass das Wort Rinderkennzeichnungsfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, spektrooszillomäßig dargestellt, für den einen 680, für die andere 6800 Euro kosten würde. Oder nichts – im Prinzip. Sogar den Stundenlohnpreis für den BASF-Vorstandsvorsitzenden Martin Brudermüller, hat Elmar Weigel auf der Grundlage einer 80-Stunden-Woche kalkuliert. Brudermüller als Sammler, Weigel wäre: ein gemachter Mann. Ein Ökonom mit doppelt linksschlagendem Herz, Lehrer aus Berufung, ein Giraffenskulpteur und Spektrooszillo-Maler aus Ludwigshafen, der zu den teureren deutschen Gegenwartskünstlern auf dem Markt zählen würde.
Info
Netzseite: www.weigeloffice.de
Reporter to go
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