Musikszene RHEINPFALZ Plus Artikel Raus aus der Deutschrap-Blase: Interview mit Rapper Bushido

Bushido will mit seiner Frau und seinen acht Kindern auf Tour gehen.
Bushido will mit seiner Frau und seinen acht Kindern auf Tour gehen.

Einschlägige Vorstrafen, homophobe und frauenfeindliche Texte, harmonisches Familienleben – das alles und noch viel mehr ist Anis Mohamed Youssef Ferchichi, besser bekannt als Bushido. Seit über drei Jahren befindet der Rapper sich in einem Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Manager, der als Kopf eines kriminellen Berliner Clans gilt. Im März soll Bushidos erste Tournee seit acht Jahren starten, voraussichtlich seine letzte. Im Interview mit Olaf Neumann zeigt sich der 45-jährige Rapper geläutert und spricht über den Gerichtsprozess, seine Therapie und sein neues Album ,

Sie haben erklärt, dass „König für immer„ die letzte Tour Ihres Lebens sei. Wollen Sie Ihre musikalische Karriere jetzt schon beenden?
Ich nehme mich selbst schon als alt wahr und spüre gewisse Unterschiede zu früher. Ich bin seit acht Jahren nicht mehr auf Tour gewesen und konnte durch bestimmte Umstände leider nur noch sehr wenig Zeit mit Musik verbringen. Jetzt bin ich mit meiner Frau und unseren acht Kindern nach Dubai ausgewandert. Es gibt immer mehr Dinge, die sich in den Vordergrund drängen. Die Möglichkeiten, Musik zu machen, werden immer seltener. Aus einer persönlichen Fehde mit Capital Bra heraus habe ich im September noch einmal den erfolgreichsten Diss-Track released und daraufhin kam wieder Interesse an mir auf. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und maße mir an, da auch gut zu sein. Ich bin jemand, der das Publikum unterhalten kann. Also will ich das jetzt noch einmal machen, um vielleicht danach wieder in das „normale“ Leben überzugehen. Wir haben bereits über 100.000 Tickets verkauft. Da ist der Druck natürlich sehr hoch, danach noch einmal auftreten zu wollen. Aber es war zumindest so geplant, dass es die letzte Tour werden wird.

Was haben Sie sich für Ihre Abschiedstour ausgedacht?
Eine tolle Trackliste mit den meiner Meinung nach wichtigsten Songs aus all meinen Epochen. Meine Familie wird auf der Tour dabei sein. Ich werde mein Bestes geben, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer mit einem tollen Gefühl nach Hause gehen können.

Wie stellen Sie Wärme her in einer Halle mit 10.000 Menschen?
Viele denken, in der größten Halle mit den meisten Menschen herrscht immer die beste Stimmung. Das ist nicht immer der Fall. Im Schweizer Club Bierhübli kamen zu mir einmal 600 Leute. Dieses Konzert war extrem gut. In großen Hallen ist es manchmal schwer, Energie zu erzeugen. Ich bin aber gewillt, mein Bestes zu geben und durch meine persönliche Präsenz eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Ich glaube, das schaffe ich.

Was ist das für ein Gefühl, auf der Bühne alles im Griff zu haben?
Na ja, man hat nicht immer alles im Griff. Es ist aber definitiv ein tolles Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Im Rap gibt es Menschen, die können gute Songs schreiben, andere können im Studio sehr gut arbeiten. Und dann gibt es welche, die können gut auf der Bühne performen. Ich liebe es.

Ihre Kinder werden Sie erstmals live auf der Bühne erleben.
Mein Stiefsohn ist 21, er hat das schon mitbekommen. Die nächsten waren drei beziehungsweise zwei Jahre alt bei meinem letzten Konzert. Mein Achtjähriger und die Drillinge waren da noch gar nicht geboren. Ich will bei dieser Tournee bewusst meine ganze Familie und unsere philippinischen Nannys dabei haben. Die Kinder sollen ihren Papa mal als Bushido erleben, das ist ein tolles Kontrastprogramm. Wir werden sogar zusammen im Tourbus schlafen. Natürlich sehen sie jeden Tag meine Tätowierungen und mein Logo auf meinem Hals, aber mein Leben an sich hat nichts mit Bushido zu tun. Ich selber konnte mit meinem Eltern damals nicht viel machen. Meine Mutter hat geputzt und mein Vater war nicht da. Ich konnte mit ihm nicht angeln gehen. Meine Kinder sollen einmal erzählen können, dass sie mit ihrem Vater zusammen auf Tour waren. Ich will sie auch unbedingt auf die Bühne holen während des Konzerts.

Machen Sie sich manchmal bewusst, wie Ihre Kindheit Ihr Leben beeinflusst hat?
Ja. Ich bin unendlich froh, dass ich die Frau kennengelernt habe, die ich vor 13 Jahren geheiratet habe. Sie wurde zum wichtigsten Menschen in meinem Leben. Sie hat auch sehr gelitten unter mir, mich aber in wichtigen Phasen unterstützt und zuweilen in den Hintern getreten. Sie hat sehr viel dazu beigetragen, mich als Mensch in eine bessere Richtung zu bringen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ich bin teilweise noch ein bisschen bescheuert im Kopf, aber als Familie funktionieren wir relativ gut.

In Deutschland wurden Sie und Ihre Familie rund um die Uhr von der Polizei bewacht. Wird das auch bei der Tour der Fall sein?
Darüber darf ich nicht sprechen. Sie können aber davon ausgehen, dass alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, vor allem, was die Sicherheit betrifft. Absolut fähige Menschen werden sich um dieses Thema kümmern.

Es soll auch ein neues Album erscheinen unter dem Titel „Rex in aeternum - König für immer“. Ihr allerletztes Werk?
Das Album wird gegen Mitte/Ende der Tour erscheinen. Momentan habe ich keine große Pläne für die Zukunft, aber ich lasse mich gern überraschen.

Haben Sie die neuen Songs in Dubai produziert?
Nein, Dubai ist nicht für Musikproduktionen geschaffen. Natürlich habe ich hier Ideen gesammelt und ein bisschen gearbeitet, aber ich bin in Dubai nicht ins Studio gegangen. Das will ich auch nicht. Ich finde Dubai gerade so schön, dass ich mir hier keine Bleigewichte an die Füße hängen will. Meine Musik habe ich in Deutschland produziert, das hat gut funktioniert. Ich bin ein eher untypischer Rapper und genieße die Zeit, in der ich nichts mit Musik zu tun habe. Mir ist wichtig, dass meine Kinder ganz normal aufwachsen und nicht zu verwöhnten Snobs werden. Das ist sehr schwierig in Dubai, aber meine Frau und ich geben unser Bestes.

Gibt es in Dubai Rap- und Popmusik?
Ich glaube, die Emiratis machen keinen Rap. Jedenfalls habe ich davon noch nichts mitbekommen. Es gibt hier aber viele Popkonzerte. In der Coca Cola Arena spielen alle großen Künstler von Jay-Z bis Beyoncé.

Der Rechtsstreit zwischen Ihnen und Ihrem Ex-Manager Arafat Abou-Chaker um Einnahmen in Millionenhöhe geht weiter, weil Ihr früherer Geschäftspartner ein Urteil des Landgerichts Berlin nicht akzeptiert und Berufung dagegen eingelegt hat. Hatten Sie damit gerechnet?
Na klar. So ist das deutsche Rechtssystem halt gestrickt. Das hat Vor- und Nachteile. Wenn jemand in der ersten Instanz nicht das bekommt, was er sich erhofft, ist es sehr wahrscheinlich, dass er in Berufung geht. Diese auch zuzulassen ist eine andere Geschichte. Ich bin erstaunt darüber, wie viele Journalisten, von denen ich erwarten würde, dass sie gut informiert sind, falsch berichten. Denn nicht das Kammergericht würde diese Berufung durchführen, sondern es hat lediglich über deren Zulassung zu entscheiden. Wenn es Arafat Abou-Chakers Antrag geprüft hat und ihn ablehnt, ist das Ding durch. Ließe das Gericht ihn zu, geht der Prozess an die nächst höhere Instanz, also an das Oberlandesgericht.

Arafat Abou-Chaker hat sich in der Zeit als Ihr Manager verhalten, als wären Sie sein Eigentum. Wie konnten Sie als erfolgreicher, selbstbewusster Künstler dergleichen überhaupt zulassen?
Diese Frage habe ich mir selber gestellt. Diese Themen bespreche ich in meiner Therapie, weil ich verstehen möchte, was da passiert ist. Ich möchte es abhaken können, um nie wieder denselben Fehler zu begehen. Diesen Widerspruch in sich konnte anfangs auch die Behörde nicht so richtig glauben: Wie konnte Bushido als relativ selbstbewusster Künstler so beherrscht werden von dieser Person? Es ist aber tatsächlich so passiert! Ich bin jetzt dabei, das alles aufzuarbeiten und habe schon einige Ansätze gefunden, aber das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen.

Öffentlich darüber zu sprechen, dass man als Rapper in Therapie ist, kostet sicher Mut.
Viele in der Szene haben sich darüber lustig gemacht, dass ich unter Personenschutz stehe. Dass die „Fick die Polizei“-Attitüde nicht mehr greifen darf, weil ich sozusagen mit dem LKA unterwegs bin. Aber das sind solche Kleingeister! Das sind dieselben Leute, die gesagt haben, meine Karriere sei zu Ende. Aber jetzt spiele ich eine ausverkaufte Arena-Tour. Das ist ein Stück weit Genugtuung. Ich glaube an Karma, ich halte mich mit Kleingeistern nicht auf. Die positive Resonanz, auf Tour zu gehen, viel Geld zu verdienen, das Wetter in Dubai, meine Kinder, meine Frau – das ist alles so schön! Alles andere ist mir egal.

CD und Termin

Bushido: „Rex in aeternum - König für immer“ (Ersguterjunge/iGroove) – VÖ: März oder April. Am 29. April kommt Bushido nach Mannheim in die SAP-Arena.

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