Meinung
Rammstein-Reime über Sex und K.O.-Tropfen

Till Lindemann? Kennt man als Melancholie-gepiercten Groß-Macho-Darsteller und -Meister des Martialischen. Kopf der unter anderem für ihre Bewirtschaftung von Nazi-Symbolik weltberühmten Band Rammstein, die krachend die Klaviatur des Provokanten bedient. Die Musik: stampfend. Auf der Bühne fackeln Flammenwerfer, Lichtorgeln schießen in den Himmel wie bei NS-Parteitagen. Till Lindemann reibeist dunkel und mit rollendem Rrrr. Semantisch und ästhetisch ist die Grenzerweiterung des Sag- und Denkbaren Programm, ein Selbst-Skandalisierungsverfahren, das Aufmerksamkeit erzeugt. Erst einmal in der Welt wird dann alles wieder als unsubtile ironische Geste oder krachlaute Kritik durch Klischeeübererfüllung eingefangen. Motto: Rechts ist links, Deutschtum ist undeutsch, hart ist das neue Weich. Etc.
Kotze, Blut, Rotz und Tränen: neoromantisch?
Fast genau vor einem Jahr etwa, traten die Bandmitglieder in einem Video in KZ-Kleidung auf, einen Strick um den Hals. Auf einem Schafott stehend. An der Brust des Gitarristen Paul Landers: ein gelber Judenstern. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sprach von einer „geschmacklosen Ausnutzung der Kunstfreiheit“. Der Werbeeffekt des Ganzen, erheblich. Ganz ähnlich und ganz gut läuft das jetzt mit dem schon vierten Gedichtband des Sängers und Nebenerwerbsdichters Till Lindemann, der bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Eine Fortsetzung der Rammstein-Songs mit lyrischen Mitteln. „100 Gedichte“, heißt das Werk voller Kotze, Blut, Fleisch, Rotz und Tränen. Der Verlag feiert Lindemann als Neo-Romantiker in der Novalis-Nachfolge, wenn wir das richtig verstanden haben.
Von „Rohmaterial“ im doppelten Wortsinn schreibt vorauseilend der Journalist Alexander Gorkow im Vorwort. NZZ-Kritiker Adrian Meyer wird mit den Worten zitiert: „Hier schreibt ein Mensch darüber, worauf es ihm im Leben ankommt.“ Das lyrische Ich in dem Band dann schlachtet schon mal den Haushund, um ihn zu verspeisen.
Der Skandal, jetzt ist er da
Viele Tötungsakte kommen vor, viel Weltschmerz dröhnt, dann wieder folgt eine Hommage an Spaghetti, Sex mit wechselnden Partnern, Familienaufstellungen. Die Männer auf den beigefügten Illustrationen tragen gewaltige Erektionen. Was dem dichterischen Werk indes fehlte, der Skandal, ist jetzt endlich in der Welt.
„Ist das noch Lyrik oder schon strafbar?“, fragt sich SWR-Literaturkritiker Carsten Otto in seiner Besprechung des Lyrikbands. Anlass ist ein Gedicht Lindemanns, das – rein inhaltlich – den Tatbestand einer Vergewaltigung darstellt. Und weil K.O.-Tropfen im Spiel sind, auch eine Tatanleitung.
Und immer noch Verteidiger
„Ich schlafe gerne mit dir wenn du schläfst“, reimt er darin. „Wenn du dich überhaupt nicht regst / Mund ist offen / Augen zu / Der ganze Körper ist in Ruhe / Kann dich überall anfassen / Kann mich völlig gehen lassen“. Und weiter: „Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas) / Kannst dich gar nicht mehr bewegen / Und du schläfst / Es ist ein Segen“. Interpretationsspielraum, null. Null Distanzierung. Trotzdem hat sich ein Erklärbär dafür gefunden.
Nikolai Okunew forscht am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam zu Heavy Metal als DDR-Subkultur. Wie er sagt, verfolge er Rammstein und Lindemann seit ihren Anfängen. „Die Frau“, erklärt er, „ist in den Gedichten meist ein Objekt der Begierde seines lyrischen Ichs. Ich glaube aber, dass das immer auch ein Kommentar zu diesem lyrischen Ich ist, zu der Form von Hypermaskulinität, die halt defizitär ist, die sich selbst überschätzt, die falsche Träume hat.“ Äh. Ach so. Na dann.