Kulturkampf
Punkprotest und Kammermusik: In Sylt prallen wieder Welten aufeinander
Rap, Hip-Hop und Street-Punk: Es sind ungewohnte Klänge für Sylt, die Jonas Hötger da auf einer frisch gemähten Wiese am Rande des Tinnumer Gewerbegebiets für das Wochenende ankündigt. Bands wie FaulenzA, RE:Wollte und Mark Masakazu holt der 23-jährige Student aus Frankfurt auf die Insel. „Ursprünglich wollten wir ins Sylt-Stadion, aber das hat die Gemeinde nicht akzeptiert.“
Verwaltung und Kommunalpolitik hätten am liebsten jeden Auftritt von Hötger und seinen Freunden auf der Deutschen liebsten Nordseeinsel verhindert. Doch der Kreis Nordfriesland hat der Gruppe „Aktion Sylt“ ein Camp genehmigt, aus dem heraus rund 40 Teilnehmer aus ganz Deutschland einen Monat lang protestieren wollen: gegen die „Spaltung der Gesellschaft“, den „Verfall denkmalgeschützter Bauten für Immobilienspekulationen“ und für „bezahlbaren Wohnraum statt Ferienwohnungen“. Wenn auch weitab vom Ferientrubel und den Fußgängerzonen der Westerländer Innenstadt.
Lichtkunst statt Protest im Park
Der besagte Park vor dem Rathaus ist besetzt. Hier hat die Gemeinde im Frühjahr in einer Eilentscheidung eine grauenvoll hässliche, mehrteilige „Lichtkunstinstallation“ mit dem Titel „Meeresrauschen“ platzieren und das Betreten verbieten lassen – ein Schelm, der Böses dabei denkt …
Auch Claude Frochaux und sein Kammermusikfest Sylt waren willkommener auf dem viel zitierten Eiland der Reichen und Schönen, das in diesen Sommerwochen in der Tat wie das Mekka breitreifiger SUV-Fahrer und schönheitsoperierter mittelalter Damen wirkt, zwischen denen auch ein Klassik-Festival eher deplatziert wirkt. Doch die vor elf Jahren aus einer Laune heraus entstandene Idee des italienischen Cellisten und seines Frankfurter Architekten-Freunds Malte Ruths ist aufgegangen: Kirchen, Museen und Kontorhäuser zwischen Morsum und List sind voll, wenn das gute Dutzend Musiker seine auf Sylt einstudierten Programme präsentiert. Zweifellos auch, weil Frochaux mehr bietet als eine Zusammenstellung von spannenden Konzerten. Wo sonst gibt es schon die Gelegenheit, einen ausgedehnten Streifzug durch die Kammermusik Skandinaviens jenseits von Grieg und Sibelius zu unternehmen?
Stargast war Olli Mustonen
„Nordlichter“ war das Programm in diesem Jahr übertitelt, deren ganz besonderer Schein den Bogen über die Musik eines jeden Konzerts zu den begleitenden Gedichten, Geschichten und Erzählungen der nordischen Literatur spannte: seien es die grün schimmernden Polarlichter, die wohlige Helligkeit der dänischen „Hygge“-Empfindens, die grellen Blitze aus der nordischen Mythologie. Oder eben auch dieser unvergleichliche helle Schimmer, der sommers an der Spitze Sylts zu erleben ist und dem Urlauber eine Ahnung von den weißen Nächten Skandinaviens gibt, wo es in diesen Monaten nie wirklich dunkel wird.
Eine wohlvertraute Stimmung auch für den heimlichen Stargast des Sylter Kammermusikfests: Olli Mustonen – einer der großen Namen in der Klassikwelt und wegen seiner Vielseitigkeit als Pianist, Dirigent und Komponist ein gefragter Exot zwischen Berlin und Chicago, Helsinki und Sydney. Als „Composer in Residence“ auf Sylt präsentierte er in jedem Konzert eines seiner Werke und ließ sogar zwei Uraufführungen aus der Taufe heben.
Hardcore der anderen Art
„Man denkt, ohne Schumann und Brahms wird das Hardcore“, hatte Frochaux bei der Eröffnung Ende Juli augenzwinkernd gesagt. „Doch wir möchten Ihnen Stücke näherbringen, die noch niemand von uns zuvor gehört hat.“ Was zweifellos nicht zu viel versprochen war, denn wer im Publikum war bis dato Kammermusiken der schwedischen Komponisten Franz Berwald und Gunnar de Frumerie begegnet? Bei Mustonens Toccata gar tobte die Westerländer Kirche St. Nicolai: Sein Ansatz, kontrapunktisch Verwobenes mit früheren Epochen zu verbinden, mag musiktheoretisch klingen – in der Praxis indes erwächst daraus eine Intensität und Dichte.
Solche kammermusikalische Kleinode gab es einige zu erkunden. Und so erfüllte Frochaux mit seinem Festival die Hoffnungen von Geschäftsführer Ruths, das Image Sylts als Kulturstandort zu pflegen. „Denn es wird nicht mehr Kultur auf Sylt, sondern leider weniger.“ Befürchtungen, mit denen der Klassik-Liebhaber am Ende gar nicht so weit weg ist von der Kritik der Punks auf der Tinnumer Wiese.