Kultur Poetische Gerechtigkeit
„Gott, hilf dem Kind“ ist der elfte Roman der Nobelpreisträgerin Toni Morrison und der bisher kürzeste. Wie immer konzentriert sie sich auf die Situation der Schwarzen in den USA, verarbeitet dieses Mal aber auch dezidiert eigene Kindheitserfahrungen.
Lula Ann Bridewell ist ein Baby von so intensiver „sudanesisch“ blauschwarzer Hautfarbe, dass ihre etwas hellhäutigere Mutter fast zu Tode erschrickt und der Vater die junge Familie auf der Stelle verlässt, weil er nicht glauben kann, dass das Kind von ihm stammt. Auch die Autorin fühlte sich von ihrer Großmutter, bei der sie aufwuchs, abgelehnt. Ob die aus Ohio stammende Toni Morrison jedoch ähnlich widerspenstig reagierte wie ihre Heldin, außer dass sie mit ihren Büchern so vehement wie genial Position gegen Rassismus und Rassentrennung bezog und bezieht, ist nicht überliefert. Bride jedenfalls, wie sich die Romanheldin nennt, nachdem sie die Highschool verlassen hat, sträubt sich mit allen Mitteln gegen die Anpassung, die ihr ihre Mutter verordnen will. Gehorsam und Unterwürdigkeit sind nichts für sie. Sie kleidet sich in provokant strahlendes Weiß, macht Karriere bei einer Kosmetikfirma, zieht in ein „weißes“ Viertel, kauft sich eine Eigentumswohnung und befreit sich radikal von ihrer Vergangenheit. Erst als sich Booker Stabern, ein Intellektueller, der als Student Walter Benjamin und Karl Marx gelesen hat und in der Gegenwart der Erzählung die Bücher des afroamerikanischen Sozialreformers Frederick Douglass durchackert, von ihr trennt, gerät ihr Gleichgewicht ins Wanken. Toni Morrison hat viele Geschichten in ihren neuen, für sie untypisch schmalen Roman gepackt und miteinander verknüpft. Eine jede Figur bekommt ihre eigenen Erinnerungen, einige treten als Ich-Erzählerinnen in Erscheinung, werden manchmal aber auch von einer auktorialen Ebene aus betrachtet. Das macht die Handlung komplex und rätselhaft, trotz aller Strukturiertheit. Tatsache ist freilich auch, dass gerade durch ihre strikt gewahrte poetische Gerechtigkeit so mancher Erzählstrang einfach gekappt oder nur spärlich weiterentwickelt wird, man manchmal also lieber besser informiert wäre: über die Lehrerin, die am Anfang des Romans nach 15-jähriger Haft – wegen Missbrauchs ihrer Schülerinnen – aus dem Gefängnis entlassen wird, oder auch über Booker, Brides Liebhaber, und dessen spezielle, ihn zu Boden drückende Lebenslast. Natürlich ist Toni Morrison souverän, ihre Figuren sind von einer vibrierenden, sich bisweilen drastisch äußernden Lebendigkeit. Warum die Schriftstellerin sie dieses Mal so sehr zurechtgestutzt hat oder – umgekehrt – sie sich kaum ausleben oder austoben lässt, bleibt das Geheimnis der mittlerweile 86-Jährigen. Die körperliche Rückentwicklung der Romanheldin Bride, die ihre Schamhaare und ihre Brüste „verliert“ und sich wieder in das angstvolle kleine Mädchen verwandelt, das sie einmal war, bemerkt außer ihr selbst jedenfalls keiner. Was schade ist und für alle Beteiligten eine Chance gewesen wäre: auch für die Leser. Lesezeichen Toni Morrison: „Gott, hilf dem Kind“; aus dem Englischen von Thomas Piltz; Rowohlt, Reinbek; 208 Seiten; 19,95 Euro.