Auktionen RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Kunst für 20 Euro: Ist diese Auktion ein „Skandal“?

Kommt unter den Hammer: „Römisches Gastmahl“ des Künstlers Otfried H. Culmann aus Billigheim-Ingenheim hat einen Schätzpreis von
Kommt unter den Hammer: »Römisches Gastmahl« des Künstlers Otfried H. Culmann aus Billigheim-Ingenheim hat einen Schätzpreis von 750 bis 800 Euro. Untere Grenze: 20 Euro.

Für manche ist die Auktion am Freitag in Heidelberg ein „Skandal“. Unter den Hammer kommen Werke der Sammlung Pachen. Die Folge eines jahrelangen Erbschaftsstreits, der zu Ungunsten der Stadt Rockenhausen ausgefallen ist. Auch das Museum Pachen gibt es so nicht mehr. Büßen müssen vor allem die Künstler, deren Arbeiten jetzt unter Wert verkauft werden. „Verramscht“, befürchten sie. Was ist da los?

Otfried H. Culmann ist einmal mehr nicht amüsiert. Eine „Respektlosigkeit“ nennt er, was am Freitagmorgen in Heidelberg passieren soll. Einen „Skandal“. Der kämpferische Künstler aus Billigheim-Ingenheim bringt die Dinge gerne eskalierend auf den Punkt. Aber auch für den eher stillen Bildhauer Martin Schöneich hört mit der dann anberaumten Versteigerung beim Auktionshaus K&K („Kunst und Kurioses“) der „Spaß“ endgültig auf.

Das ist „bitter“: Martin Schöneichs „Kniende“ wird zum Schätzpreis von 300 bis 350 Euro angeboten.
Das ist »bitter«: Martin Schöneichs »Kniende« wird zum Schätzpreis von 300 bis 350 Euro angeboten.

„Sehr bitter“, findet es Schöneich, der in Vorderweidenthal lebt, dass seine Kleinplastik „Kniende“ aus dem Jahr 1985, wie er sagt, „verramscht“ werden soll. Für 20 Euro, wenn es schlecht läuft. Das ist das Minimum für die Gebote der Lose 0127 bis 0304, die unter den Hammer kommen. Alles ehemalige Pfälzer Museumskunst.

Teuerstes Einzelwerk: Großer stehender Akt mit Lorbeerzweig, signierte Bronze von 1991 von Karl-Heinz Krause.
Teuerstes Einzelwerk: Großer stehender Akt mit Lorbeerzweig, signierte Bronze von 1991 von Karl-Heinz Krause.

20 Euro: Für den Fall, dass niemand mehr bietet, lässt sich damit auch die Bronze „Großer stehender Akt mit Lorbeerzweig“ des 2019 in Mainz verstorbenen Künstlers Karl-Heinz Krause ersteigern, die mit 10.000 bis 12.000 Euro taxiert ist, die teuerste Einzelarbeit. Sie stand einmal im Museum Pachen in Rockenhausen, das als solches jetzt nicht mehr existiert. Das gleiche Minimalgebot gilt auch für die beiden Ölgemälde des Phantastischen Realisten und Purrmann-Preisträgers Culmann, „Römisches Gastmahl“ und „L’isola feminite“. Letzteres hing einst im Museum an prominenter Stelle.

Gutgläubiges „Geschacher“

Culmann sagt, er habe beide Bilder dem Sammlerpaar Heinz und Hella Pachen damals im Hinblick auf ihre Musealisierung günstiger verkauft. Ihr realer Wert liege auch jetzt „mindestens das Doppelte“ über dem Schätzpreis von 750 bis 800 Euro, den das Auktionshaus angibt. Aber ist halt so im Schlussverkauf, wenn alles raus muss: 20 Euro, wenn niemand mehr bietet. Die Arbeiten von Culmann und Schöneich, der ebenfalls davon berichtet, dass die un-reichen Pachens mit ihm „geschachert“ und in Aussicht gestellt hätten, dass sein Werk in ihrem Museum hängen werde, gehören zu einer vorerst letzten Charge. Die Sammlung des Ehepaars muss nach einem jahrelangen, nach seinen Angaben rund 120.000 Euro teuren Rechtsstreit des Pachen-Sohns Siegfried mit der Stadt Rockenhausen vertickt werden. Anteilig zugunsten von insgesamt vier Erben und der vor Gericht unterlegenen Stadt.

Das Pachen-Problem

Der ehrenamtliche Rockenhausener Bürgermeister Michael Vettermann (FDP) wirkt schon leicht genervt, wenn man ihn darauf anspricht. Der Tierarzt hat das Pachen-Problem schließlich mit seinem Amtseintritt 2018 von seinem Vorgänger Karl-Heinz Seebald (SPD) übernommen, in dessen 31 Jahre dauernde Amtsära die Versäumnisse fallen, die der Urgrund des jetzigen Ausverkaufs sind.

Zur Erinnerung: Der Jurist Seebald hat die Sammlung der Pachens für die Stadt gesichert. Ein Coup damals. 1995, Heinz Pachen war 73, sie 67 Jahre alt, zog das kunstenthusiastische, durchaus als schwierig geltende Selfmade-Sammler-Paar, das aus dem brandenburgischen Spremberg stammt, in den Donnersbergkreis. 1954 waren die beiden aus der DDR ausgereist, es folgten Stationen in der Flüchtlingsauffangstation Gießen und in Mainz, wo das Paar lange lebte. Ihr neuer Rockenhausener Wohnsitz über dem für ihre Sammlung zum Museum umgebauten Anwesen in der Speyererstraße war das Ergebnis eines Deals. 1997 wurde das Museum eröffnet, das schnell zu einer festen Adresse der Szene avancierte.

1,4 Millionen Mark hatten die Stadt, der Kreis, der Bezirksverband und die Stiftung für Kultur Rheinland-Pfalz in die Sammlung investiert. Dazu kamen Mittel der EU. Aber bis zu Heinz Pachens Tod 2006 – Frau Hella starb ein Jahr später – brachten die beiden ihre über 2000 Werke umfassende Kunstsammlung nicht in eine entsprechende Stiftung ein. Eine „unverständliche Schlafmützigkeit“, nennt der Künstler Otfried H. Culmann das Versäumnis, unter dem er jetzt leidet. Schlimmer noch aber wiegt: Bei der ursprünglichen Übertragungsvereinbarung mit den Pachens ist der Stadt ein Formfehler unterlaufen. Laienhaft ausgedrückt: Es existiert keine konkrete Auflistung, welche Werke genau zum Nachlass gehören. So konnte nicht juristisch wasserdicht definiert werden, was dieser eigentlich umfasst.

2009 – unter Bürgermeister Seebald – klagte Siegfried Pachen auf Herausgabe. Diverse Listen kursierten. 2018 – jetzt unter Vettermann – kam es zu einem Vergleich, der dem Sohn im Wesentlichen recht gab und die Stadt vom Besitzer der Sammlung zum anteiligen Erben machte. Siegfried Pachen sagt jetzt, er habe mit Angeboten an die Stadt mehrere Versuche unternommen, die Sammlung zusammenzuhalten. Vergeblich, sagt er. Letztlich blieb nur, sie zu verkaufen. Im Gegenzug heißt das Museum ohne die Sammlung jetzt nicht mehr Pachen, sondern Museum für Kunst, sehr lapidar.

Die grimmige Ziege fällt durch

Mit Hilfe der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler, dem Kahnweilerkreis, einer Reihe von avisierten Künstlernachlässen und der Sammlung Mayer aus Landau versuchen die Stadt und Bürgermeister Michael Vettermann einen Neuanfang. Am Wochenende etwa öffnet dort die Schau „Karoshi“ mit Künstlern aus Berlin, Helsinki, Hamburg und Brüssel. Derweil wurden schon 2020 erste Werke der Sammlung Pachen beim renommierten Kölner Kunsthaus Lempertz versteigert.

Gesamterlös der beiden Auktionen dort: 220.000 Euro, abzüglich des Aufgelds, 175.000 Euro netto, obwohl eins von zwei Werken von Otto Dix, „Zigeunerkind mit Ziege“, – im Gegensatz zu Heidelberg waren Mindestgebote angegeben – damals nicht verkauft worden ist. Die Ziege schaut darauf auch recht grimmig. Dafür ließ sich jemand von dem „Klagenden Trümmerhund“ von Renée Sintenis, einer Bronze, zum doppelten Schätzwert herzerweichen: 18.000 Euro.

Vergangenes Jahr, bei Venator & Hanstein, Köln, einem auf Buch- und Grafikauktionen spezialisierten Haus, dann ging der Ausverkauf weiter. 100 „Positionen“, wie sich Mitarbeiter Karl-Heinz Knufpfer damals ausdrückte, haben die Experten aus Rockenhausen mitgenommen. Zur Prüfung. Der verwertbare Rest: Grafiken, Aquarelle, Gemälde. Über die verbliebenen Arbeiten, Aberhunderte, sagte Knupfer, die seien eher von „regionaler Bedeutung“. Für die „Preisregion“ ab 400 Euro, die sein Unternehmen bediene, nicht mehr interessant. Ein fatales Qualitätsurteil über die jetzt bei K&K in Heidelberg quasi ohne Untergrenze auktionierten Werke. Und doppelt bitter für die Künstlerinnen und Künstler, die auf eine Nobilitierung ihrer Werke durch Museumspräsenz gehofft hatten. Darunter – aus Pfälzer Sicht – einige Größen.

Bernd Kastenholz:„Tischleben“, 1995/96, hier zu sehen ein Ausschnitt. :
Bernd Kastenholz:»Tischleben«, 1995/96, hier zu sehen ein Ausschnitt. :

Yasemin Tuna-Nörling, eine wissenschaftliche Beraterin von K&K sagt zwar, die 20-Euro-Grenze sei durchaus üblich bei Auktionen wie diesen, „damit etwas passiert“ und um „zu schauen, was der Markt sagt“. Aber auch das dürfte Künstlern wie dem Jockgrimer Pfalzpreisträger des Jahres 1972, Karl-Heinz Deutsch, kaum gefallen, dessen große Aluminiumplastik „Figuration“ zur Auktion steht (Schätzpreis: 2800 bis 3000 Euro). Neben zwei Gouachen von Pfalz- und Purrmann-Preisträger Bernd Kastenholz aus Speyer, einer „Liegenden“ der Ludwigshafenerin Inge Blum, Zeichnungen des gebürtigen Speyerers Thomas Duttenhoefer oder zwei Mischtechniken des 2018 verstorbenen Klaus-Heinrich Keller aus Rodalben, der 1981 mit dem Kahnweiler-Preis der Stadt Rockenhausen ausgezeichnet worden ist.

Auch dabei: Klaus Heinrich Kellers „Jetzt schon vorbei“, 1970.
Auch dabei: Klaus Heinrich Kellers »Jetzt schon vorbei«, 1970.

Selbst die beiden Terracotta-Porträtköpfe von Heinz und Hella Pachen des Mainzer Kunstprofessors und Regionalstars Eberhard Linke werden angeboten, Schätzpreis 1200 bis 1500 Euro. Und etwas kurios – auch drei Eisenplaketten von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker. Der Last Sale war das dann aber noch immer nicht. Am 18. und 19. November ist ein weiterer Pachen-Termin bei K&K angesetzt. Außerdem dräut noch die neue Mission von Siegfried Pachen.

Der Streit geht weiter

„25 Prozent der Sammlung“, wirft er am Telefon der Stadt Rockenhausen vor, habe diese zurückbehalten oder wisse nicht, wo sie sich befindet. Bürgermeister Michael Vettermann widerspricht. „Wir haben nichts mehr“, sagt er. In seiner Zeit sei auch nichts weggekommen. Lediglich einige Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die einer Veräußerung ihrer der Sammlung Pachen übereigneten Werke ausdrücklich und schriftlich widersprochen hätten, seien noch in Rockenhausen. Einmal mehr geht es jetzt wieder um die Interpretation verschiedener existierender Sammlungslisten. Darum, wer was wann besaß oder wem geschenkt hat. Bürgermeister Vettermann will das jetzt juristisch prüfen lassen. Die Pachen-Sache ist noch nicht zu Ende erzählt.

Termin

Auktion am 2. September, 10 Uhr, bei K&K – Auktionen in Heidelberg, Rischerstraße 3, www.auktionen-in-heidelberg.de

Eberhard Linkes „Porträtköpfe von Heinz und Hella Pachen, Terracotta, signiert und datiert, 1985/89.
Eberhard Linkes "Porträtköpfe von Heinz und Hella Pachen, Terracotta, signiert und datiert, 1985/89.
Eisenplaketten (Buderusguss) von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker.
Eisenplaketten (Buderusguss) von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker.
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