Premiere
„Nathan der Weise“ am Theater im Pfalzbau Ludwigshafen
Lessing hat ja mit allem Recht. Wir möchten seinem weisen Juden Nathan genauso zustimmen wie dem besonnenen muslimischen Sultan Saladin, verstehen die Gewissensnöte des Tempelherrn und die Gefühlswirren von Nathans Tochter Recha. Alle wollen sie vernünftige, gute Menschen sein und sind doch gefangen in ideologischen Vorurteilen und politischen Grabenkämpfen.
Und weil der radikale Aufklärer Lessing mit seinem im Jerusalem des 12. Jahrhunderts angesiedelten „dramatischen Gedicht“ zeigen wollte, wie ein friedliches Miteinander der Menschen und Religionen möglich sein könnte, widmet er sich kaum den psychologischen Abgründen seiner Figuren, steckt sie stattdessen ins Korsett einer arg konstruierten Familienverstrickung.
Eine wundersame Geschichte
Nathans Ziehtochter Recha entpuppt sich als Schwester des christlichen Tempelherrn, der sie zu Beginn aus den Flammen gerettet hat. Und beide sind die Kinder des vor 20 Jahren verstorbenen Saladin-Bruders. Muslime, Christen und Juden – alles eine große Menschenfamilie. Wie erzählt man das auf einer Theaterbühne?
Tilman Gersch konnte all dies offenbar nicht abschrecken, er lässt sich ein auf diesen Text und die wundersame Geschichte, die er erzählt. Die politische Debatte um Religion und Radikalismus lässt er weitgehend im Hintergrund, blickt stattdessen den Figuren tief in ihre wunden Seelen. Da entdeckt er einen melancholisch ernsten Nathan, der immer noch um seine in einem Pogrom ermordete Familie trauert und nun erneut eine Tochter zu verlieren droht.
Nah an den Figuren
Sultan Saladin, der zum Staatenlenker und Kriegsherrn wenig geeignete Machthaber im mittelalterlichen Jerusalem, fühlt immer noch den Verlust des geliebten Bruders. Der in Gefangenschaft geratene, vom Sultan überraschend begnadigte, nun auch noch verliebte Kreuzritter ist ohnehin völlig neben der Spur. Und Recha kriegt ihre Teenagergefühle zwischen einem Vater, der sich als nicht legitimer Ziehvater entpuppt, und einem Angehimmelten, aus dem plötzlich ein Bruder wird, überhaupt nicht mehr auf die Reihe.
Gersch hat in dem von der Dramaturgin Barbara Wendland klug eingestrichenen Text all dies in einfühlsamen Dialogen entwickelt. Wir kommen Lessings Figuren nah wie selten, dürfen Zeuge sein, wie die persönliche Begegnung eine Chance hat gegen Fremdenhass, Antisemitismus und Ressentiment. Manchmal jedenfalls.
Nur vier Darsteller
Dass der Regisseur mit nur drei professionellen Schauspielern und einer Laiendarstellerin arbeitet, ist kaum ein Problem. Thomas Halle spielt nicht nur den Kreuzritter, sondern auch Al-Hafi, den umtriebig-verzweifelten Geldbeschaffer des kurz vor der Pleite stehenden Sultans. Ingrid Domann ist die kreuzbrave Erzieherin der Recha und die mondän-schlaue Sultan-Schwester Sittah und stopft sich als Klosterbruder, der den Familienthriller am Ende zur Lösung bringt, noch schnell ein Kleiderbündel als Wanst unters Gewand.
Dass der großartige Rainer Kühn Nathan und Saladin in Personalunion übernimmt, hat zur Folge, dass beide dieselbe vernunftgesteuerte Coolness ausstrahlen. Besser machen wollen beide die Welt, der eine mit Geld und Güte, der andere mit Macht und Cleverness. Ihren Dialog meistert Kühn mit minimalistischem Aufwand, indem er einfach die Strickmützchen der beiden tauscht und einen Schritt zur Seite macht.
Rose Abbas, deren Eltern als Flüchtlinge aus dem Irak nach Ludwigshafen kamen und die seit Jahren im Bürgerensemble des Pfalzbaus mitmischt, spielt ihre Recha mit einem Überschwang an Empfindsamkeit. Dass sie Teile ihres Textes in ihrer arabischen Muttersprache spricht, scheint eher eine Geste an die multikulturelle Stadtgesellschaft zu sein, als dass es inhaltlich viel Sinn ergibt: Von wem sollte das als Baby in Nathans jüdischen Haushalt gekommene Mädchen die Sprache erlernt haben?
Ratlose Gesichter
Zweimal verlässt aber auch Gerschs mit offener Bühne und einfachen bildhaften Mitteln arbeitende Inszenierung den privaten Raum. Die „Ringparabel“, mit der Nathan sich dem Sultan gegenüber um die Frage herummogelt, welche Religion denn nun die wahre sei, lässt der Regisseur den vier Darstellern in einer Art Gespräch vortragen. Die Weisheit hat der alte Jude nicht mehr allein gepachtet, sie ist zum Allgemeingut geworden. Und beim großen Finale, bei dem sich Lessing wünschte, dass „unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen“ der Vorhang fällt, lässt Gersch statt glücklicher nur ratlos-regungslose Menschen zurück.
Auch der Ludwigshafener Beethovenchor, der zusammen mit den Bühnenmusikern Frank Rosenberg und Matthias Lang für den Soundtrack des Theaterabends aus Geräuschen, abstrakten Vokalisen und sakralem Gesang gesorgt hatte, stimmt nun Beethovens Schiller-Vertonung der Ode „An die Freude“ an. Aber statt Jubelgesang bleibt es beim zögerlichen Versuch, halbherzig abgebrochen. Bis alle Menschen tatsächlich Brüder (und Schwerstern) werden, muss wohl noch viel Zeit vergehen.
Termine
Nächste Aufführung am 8. November, dann wieder ab 1. Februar, Infos unter www.theater-im-pfalzbau.de