Pop RHEINPFALZ Plus Artikel Nach dem Exzess: Dave Gahan von Depeche Mode zum 60. Geburtstag

Will stets „etwas aus dem Moment herausholen“: der englische, in den USA lebende Musiker Dave Gahan.
Will stets »etwas aus dem Moment herausholen«: der englische, in den USA lebende Musiker Dave Gahan.

Dave Gahan ist das Gesicht von Depeche Mode. Er ist bekannt für seine Bühnenpräsenz und seine tiefe Baritonstimme, aber auch für ein Leben zwischen Exzess, Ruhm und Transzendenzerfahrungen. Es gab Zeiten, da hätte wirklich niemand zu hoffen gewagt, dass Gahan einmal 60 Jahre alt wird. Am 9. Mai ist es soweit.

Eine Nahtoderfahrung, bei der sein Herz für ein paar Minuten still stand, öffnete ihm die Augen. Der Frontmann von Depeche Mode hielt sich am 28. Mai 1996 in Los Angeles im Sunset Marquis Hotel auf, als er eine Überdosis Speedball, eine Kombination aus Heroin und Kokain, nahm. Künstlern wie John Belushi, Chet Baker, Jean-Michel Basquiat und Philip Seymor Hoffman wurde dieses gefährliche Gemisch zum Verhängnis. Für Gahan blieb es „nur“ eine Grenzerfahrung, weniger als ein Jahr nach einem Suizidversuch. Nach der Überdosis wurde er verhaftet, ins Gefängnis gesteckt und zu regelmäßiger Drogenberatung und Drogentests verdonnert. Seitdem ist der Sänger clean.

Ein Idyll war sein Leben nie. David „Dave“ Gahan wurde am 9. Mai 1962 in Epping bei London geboren. Sein biologischer Vater mit malaysischen Vorfahren verließ die Familie, als er und seine zwei Jahre ältere Schwester Susan Christine noch sehr jung waren. Seine Mutter, Sylvia Ruth, heiratete erneut und zog nach Basildon, eine „neue Welt, wo es grüner ist und es bessere Schulen gibt. Aber es war miserabel“, erinnerte er sich einmal in einem Gespräch. Im Grundschulalter erlebte Dave das nächste Trauma: Der Stiefvater verstarb plötzlich. Angst setzte sich in seinem Kopf fest.

Der erste Auftritt

Der Junge flüchtete sich in die Musik, die ihm Halt gab. „Als ich noch sehr jung war, kamen die Tanten zu Besuch, und ich unterhielt meine Mutter, indem ich meine beste Mick Jagger- oder Gary Glitter-Imitation quer durch den Raum machte und alle zum Lachen brachte. Ich war in nichts anderem wirklich gut, aber ich habe gesehen, dass das eine Reaktion hervorruft.“ Seine ersten öffentlichen Auftritte absolvierte er als Sänger von Weihnachtsliedern bei der Heilsarmee, der seine Mutter angehörte.

Als Teenager in Basildon war er fasziniert von Punk und entwickelte destruktive und zerstörerische Verhaltensweisen. So fand er heraus, dass die Barbiturate, die seine an Epilepsie leidende Mutter einnehmen musste, eine narkotische Wirkung haben. Er verweigerte den Schulunterricht, gab sich mit zwielichtigen Leuten ab, klaute Autos und floh mit 17 Jahren nach London. Dort lebte er in einem besetzten Haus in King's Cross und spritzte sich das erste Mal Heroin.

Der schnelle Erfolg

1979 lernte Dave Gahan schließlich die Nachwuchsmusiker Vince Clarke, Martin Gore und Andrew Fletcher kennen und arbeitete für sie zunächst als Roadie, später engagierten sie ihn als Sänger. Die Idee zum Bandnamen hatte Gahan, inspiriert durch das französische Modemagazin „Dépêche Mode“. Bereits ihr Debütalbum „Speak & Spell“ (1981) leitete eine ungeahnte Erfolgswelle ein. Bis heute haben die Synthie-Popper weltweit über 100 Millionen Tonträger verkauft. Hits wie „People Are People“, „Everything Counts“, „Personal Jesus“ oder „Policy Of Truth“ machten sie zu einer der erfolgreichsten Band der Welt. Das musste Gahan erst einmal verdauen, und mit der Zeit forderte dieser maßlose Lebensstil seinen Tribut.

Seine Heroinsucht uferte während Depeche Modes „Songs Of Faith And Devotion“-Tour so sehr aus, dass der damals 31-Jährige während eines Konzerts einen Herzinfarkt erlitt. Er trieb das Spiel mit Alkohol und Drogen so weit, wie er konnte – bis er dann doch die Reißleine zog. Er konvertierte zur griechisch-orthodoxen Kirche und begann, endlich eigene Songs zu schreiben. Zum Beispiel darüber, wie er sich dumm gesoffen und eine Menge Zeit sinnlos verschwendet hatte.

Die Solo-Arbeit

2003 veröffentlichte der abstinente Rockstar mit „Paper Monsters“ sein erstes Soloalbum. Die düsteren bis fröhlichen Songs auf seinem aktuellen Album „Imposter“ (2021) stammen zwar von Bob Dylan, Neil Young oder PJ Harvey, aber Dave Gahan hat ihnen genau zugehört, sie akribisch studiert und ihnen mit Hilfe der Soulsavers und seines markanten Organs neues Leben eingehaucht.

Nach zwei gescheiterten Ehen lebt Gahan seit Ende der 1990er Jahre mit seiner heutigen Frau Jennifer, deren Sohn Jimmy und der gemeinsamen Tochter Stella Rose in New York City. Während der Depeche-Mode-Welttournee von 2009 wurde ihm erfolgreich ein bösartiger Tumor in der Blase entfernt. „Erfahrung macht das Leben reicher und leichter“, weiß Gahan. Er lerne auch immer noch etwas dazu, speziell bei der Arbeit mit den Soulsavers.

Musik als Reise

Wie fällt sein persönliches Resümee nach vier Jahrzehnten in seinem Beruf aus? „Musik nimmt dich mit auf eine seltsame Reise. Sie zu hören ist sehr informativ. Sie hilft mir, meinen Weg durch mein Leben zu finden“, sagte er kürzlich im Interview zum aktuellen Album. „Wenn man sich zum Beispiel ,The Imposter’ anhört, hört man nicht nur die Songs, sondern auch meine Stimme und das Zusammenspiel der Band. Man ist Zeuge, wie wir darum kämpfen, etwas aus dem Moment herauszuholen.“

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