Kultur
Mythos Alltag: Der Thermomix - Luxuskarosse für die Küche
Der Thermomix ist der Mercedes für die Küche. Chromglänzend wie die Karosse in der Garage. Ein Statussymbol, das seinen stolzen Preis hat. Koch-Puristen jedoch lassen ihn nicht an ihren Herd. Dabei gilt doch, wie die Saarländer sagen: „Hauptsach gudd gess“.
Vor allem in deutschen Küchen ist er das ganz große Ding: der Thermomix. Im Ausland tut sich die edel glänzende Maschine noch etwas schwerer, sei es, weil sie mit über 1000 Euro schlichtweg zu teuer ist, sei es, weil sie für japanische Küchen schlichtweg zu groß ist. Und die älteren Versionen, die nicht braten können, hatten es in den in Steaks und Burger vernarrten USA sehr schwer.
Der Thermomix ist ein absolutes Statussymbol
Keine Frage, der Thermomix ist der Mercedes für die Küche. Ein Statussymbol. Chromeblinkend, poliert, gepflegt umsorgt wie die Nobelkarosse in der Garage. Dem Wuppertaler Unternehmen Vorwerk, das man früher nur für seine Staubsauger kannte, gelang mit dem Küchen-Alleskönner der große Coup. Thermomix-Fans sind eine verschworene Gemeinschaft und können auch schon mal auf die Barrikaden gehen, wenn sie sich schlecht behandelt fühlen. So erntete Vorwerk Anfang des Jahres heftige Kritik, als man das bessere, schnellere, offensichtlich auch zum Braten fähige Modell ohne Vorankündigung auf den Markt brachte. Kunden, die gerade erst für viel Geld den älteren Thermomix gekauft hatten, beschwerten sich, weil sie nicht informiert worden waren. Meine erste Begegnung mit dem Gerät war bei einer Art Thermomix-Party bei Freunden. So ein wenig läuft das nach dem Prinzip der Tupper-Partys. Eine Thermomix-Spezialistin stellt die Küchenwunderwaffe vor, bringt die Zutaten mit – und der Gastgeber sorgt für die Getränke. An den Hauptgang kann ich mich noch erinnern: Hähnchenbrust mit Reis und Gemüse. Irgendwie Schonkost halt. Doch, doch, es schmeckte, aber es fehlte etwas. Die neue Anbratfunktion des Modells TM6 hatte das damalige Gerät noch nicht. In mir loderte das Verlangen: ein Königreich für Röstaromen! Angeblich kann der TM6 diese erzeugen, ein Steak oder ein Burger überfordert aber auch die neueste Maschine aus dem Hause Vorwerk immer noch. Der US-Markt bleibt also schwierig.
Ist das noch Kochen oder eher Zaubertrank-Brauen?
Aber schon der erste Eindruck war eher ernüchternd. War das noch Kochen? Oder nicht doch eher Zaubertrank-Brauen nach Anleitung? Heiner Walberg hat für „Stern“-Online einen Selbstversuch unternommen. Als bekennender Anti-Koch und Tiefkühlpizza-Abhängiger hat er sich eine Woche lang mit Hilfe des Thermomixes selbst versorgt. Offensichtlich gar nicht so schlecht. Jedenfalls kommentierte einer seiner Freunde Walbergs neu errungenen Kochkünste auf Facebook mit dem Satz: „Wenn der Thermomix piept, schmeißt Heiner Zutaten rein – kochen ist das nicht, schmeckt aber mega.“ Doch auch wenn am Ende das Ergebnis zählt, also beim Essen der Geschmack entscheidet: Ist nicht beim Kochen doch auch der Weg das Ziel? Für mich jedenfalls ist an freien Tagen, an denen weder die Redaktion, noch ein Musiktermin ruft, Kochen eine ebenso sinnliche wie entspannende Freizeitbeschäftigung. Das beginnt mit der Auswahl der Zutaten, setzt sich mit deren Zurechtschneiden und Zubereiten fort und gipfelt – nein, eben nicht im gemeinsamen Essen mit der Familie, das ist dann das berühmte I-Tüpfelchen. Es geht vielmehr um das Abschmecken, um den Moment, wo sich entscheidet, ob sich die Zeit am Herd gelohnt hat. Oder ob wir vielleicht doch noch den Pizza-Service bemühen müssen, was glücklicherweise noch nie passiert ist.
Man muss sich sein Gulasch mit Tränen verdienen
Nehmen wir als Beispiel ein Wiener Saftgulasch, für das es ja eigentlich außer perfektem Rindfleisch, viel Zwiebeln, gutem Paprikagewürz und als kleine Pfälzer Variante einen kräftigen Rotwein nicht viel braucht. Doch vor dem (Ess)Vergnügen steht harte Arbeit. Man muss sich sein Gulasch schon verdienen, und sei es mit Tränen. Denn die Zwiebeln schmeiße ich eben nicht in eine Maschine, die sie schonend für meine Augen zerteilt, sondern die werden Stück für Stück in feine Ringe geschnitten, und das kann dauern. Schließlich braucht es für zwei Kilo Rindfleisch auch zwei Kilo Zwiebeln. Während also der Thermomix-Fan längst mit dem Anbraten der Zutaten beginnen kann, kämpfe ich noch mit dem Berg Zwiebeln. Macht aber nichts. Kochen ist auch ein haptisches Vergnügen, man will anfassen, was man später essen wird. Und während die Maschine die genaue Garzeit festlegt, lasse ich mich überraschen, wie lange die Zwiebeln brauchen, bis sie sich quasi aufgelöst haben, um dem Gulasch nicht nur eine sämige Konsistenz, sondern auch eine schön dunkle Farbe zu geben.
Am Ende muss noch Wein rein - in Sauce und Koch
Das dauert. In der Zeit kann man eine Erzählung von Kleist oder E.T. A. Hoffmann lesen. Mindestens eine, wenn nicht gar zwei Bruckner-Sinfonien hören. Vielleicht das Haus saugen. Immer wieder führt der Weg aber auch voller Vorfreude in die Küche. Ein sehnsüchtiger Blick in den Topf (Thermomix-Nutzern bleibt nur der Anblick ihres Küchen-Mercedes, an dem man sich natürlich auch erfreuen kann), umrühren, vielleicht schon etwas nachwürzen. Und unter Umständen fehlt ja auch noch etwas Wein, der Soße wie dem Koch. Und das war jetzt nur die Beschreibung einer Gulasch-Zubereitung. Man stelle sich einmal einen Schweinsbraten vor, dessen Garprozess hinter dem Backofenfenster zu beobachten spannender ist, als jede öffentlich-rechtliche Samstagabendunterhaltung. Den man in regelmäßigen Abständen mit Salzwasser zärtlich streichelnd einpinselt, ihm mit Schwarzbier alle 20 Minuten quasi ein seine knusprige Haut schmeichelndes Wohlfühlbad gönnt. Will man wirklich den Sonntagsbraten allen neugierigen Augen entziehen und ihn in einen Koch- beziehungsweise Garkäfig einsperren? Die Küche als Erlebniswelt, das passt einfach nicht mit einer viel zu perfekten Maschine zusammen, die quasi keine Fehler macht. Gehört doch zu den größten Herausforderungen des Kochvorgangs, ein Missgeschick wie auch immer wieder auszubügeln. Kochen sollte Handwerk bleiben, für den, der die Zeit und Muse dafür hat. Ist dies nicht der Fall, mag ja eine maschinelle Schneid-, Hack-, Gar-, Koch- und Anbrathilfe der passende Küchenjunge sein. Wie sagen unsere geschätzten saarländischen Nachbarn immer: „Hauptsach gudd gess“.