Kulturgeschichte
Moral und Markt: Zum 300. Geburtstag von Adam Smith
Nach der üblichen arbeitsteiligen Spezialisierung wird Adam Smith heute der Sparte „Ökonomie“ zugeordnet. Dabei war er in Europa zunächst berühmt durch seine moralphilosophische Abhandlung „Theorie der ethischen Gefühle“ („Theory of Moral Sentiments“). 1759 erschienen, erlebte die Schrift des Professors in Edinburgh zu dessen Lebzeiten zahlreiche Auflagen. „Der Wohlstand der Nationen“ („An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“), das Buch, das dann seinen Weltruhm begründen sollte, erschien erst 1776, im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Sein Gesamtwerk trägt so freilich die Spannung zwischen Moral und Wirtschaftsleben aus.
In frühen Vorlesungen hatte der Professor für Logik und Moralphilosophie, damals an der Universität Glasgow, die Ökonomie wie auch Staats- und Rechtslehre noch als Untergebiet der Ethik abgehandelt. In dieser Einteilung wirkte die lange Tradition der aristotelischen Philosophie nach. Der antike Philosoph hatte „Ethik“ und „Politik“, seine Vorstellungen vom rechten Handeln und von der besten Staatsverfassung, eng miteinander verknüpft, insofern er in beiden Disziplinen das Ziel eines glücklichen Lebens verfolgte. Die „Oikonomia“, die Lehre von der Hausverwaltung, bildete nach seiner Einteilung einen Teil der Politik.
Europa hatte jedoch seit der Zeit des Aristoteles bedeutsame Wandlungen und revolutionäre Umbrüche erlebt. Insbesondere das Großbritannien der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte nicht mehr viel gemeinsam mit der recht überschaubaren, begrenzten Welt der Antike. Das Inselkönigreich war durch seine Kolonien in Übersee und den Handel reich geworden, also durch die Kunst des Erwerbs, die Aristoteles ausdrücklich als nicht naturgemäß der Hauswirtschaft untergeordnet hatte. Die von dem alten Griechen ausdrücklich verurteilte Geldwirtschaft hatte die enge, auf Landwirtschaft basierende, mit Sklaven betriebene und streng hierarchisch strukturierte antike Lebens-, Produktions- und Konsumtionsgemeinschaft des Hauses gesprengt.
Noch grenzüberschreitender hatten sich die Entdeckungen und Entwicklungen der Naturwissenschaften ausgewirkt. Insbesondere die mathematisch-quantifizierende Methode Galileis hatte über die Physik hinaus auch die anderen Wissenschaftsdisziplinen ergriffen. Ethik und Politik, denen Aristoteles wegen ihrer räumlichen und zeitlichen Veränderlichkeit und Relativität, also aufgrund ihrer unzureichenden Verallgemeinerbarkeit – im Unterschied zu Logik, Physik und Metaphysik – den Charakter strenger Wissenschaft abgesprochen hatte, wurden methodisch den Naturwissenschaften angenähert. Im Unterschied zu diesen erhoben sie allerdings den bescheideneren Anspruch bloßer Wahrscheinlichkeit.
In diese Situation wird der 1723 bei Edinburgh zur Welt gekommene Adam Smith geboren. Der Geburtstag ist nicht verbürgt, da es sich bei dem 16. Juni auch um den Tauftag handeln könnte und das protestantische England erst 1752, nach 170 Jahren die auf Papst Gregor zurückgehende Kalenderreform vorgenommen hat. Adam Smith verbindet jedenfalls bald eine enge Freundschaft mit dem wegen seiner Religionskritik stark angefeindeten David Hume. Als Begleiter auf der Bildungsreise des Herzogs von Buccleuch begegnet er in Frankreich unter anderen Turgot und Quesnay aus der ökonomischen Schule der Physiokraten, die den Reichtum eines Landes in dessen natürlichen Ressourcen und in der Landwirtschaft begründet sehen. Nach seiner Rückkehr nach Schottland schreibt er sein Buch zur Nationalökonomie und stirbt 1790 in Edinburgh.
In seiner Moralphilosophie setzt Adam Smith sich sowohl von Hume, dessen Ehrgeiz es war, der „Newton der Geisteswissenschaften“ zu werden, wie von seinem Lehrer Francis Hutcheson ab. Wie Hutcheson geht er zwar vom Gefühl und nicht, wie der Rationalismus, von Begriffen aus, bestreitet aber dessen Annahme, dass es einen angeborenen eigenständigen Sinn für Altruismus und Wohlwollen gibt. Stattdessen gründet er die Moral auf „sympathy“, die Nachempfindung der Gefühle anderer. Aus solcher Einfühlung entspringen ihm zufolge Mitleid und Mitgefühl.
Das subjektive Gefühl des Nachempfindens der Gefühle eines anderen kann freilich keine Objektivität und Allgemeingültigkeit beanspruchen. Beides verbürgt erst der von Smith angenommene „unparteiische Beobachter“ (impartial spectator), der frei von Vorurteilen und Interessen wie ein idealer Richter die Handlungen auch hinsichtlich ihrer möglichen Auswirkungen billigt beziehungsweise missbilligt. Diese eher rationale, gottähnliche Prüfinstanz trägt unverkennbar Züge des Gewissens, von dem wir spätestens seit Sigmund Freud wissen, dass es anerzogen und nicht angeboren ist und abhängig von den jeweiligen historischen und sozialen Umständen.
Der Titel seiner Schrift „Untersuchungen zu den Ursachen für den Reichtum der Nationen“ gibt schon deren Absicht an. Nicht Ratschläge, wie der Einzelne zu Reichtum kommen kann, auch nicht der Reichtum einer Klasse stehen bei dem Begründer der Ökonomie als Wissenschaft in Frage, sondern der Reichtum einer Nation. Deshalb behandelt sein immer noch sehr lesenswertes, an Detailanalysen und historischen Vergleichen reiches Buch nicht nur Fragen zur Volkswirtschaft, sondern auch zum Staatshaushalt, so etwa zum Zoll, zur Besteuerung und zu unbedingt notwendigen Ausgaben wie solchen für Militär und Bildung.
Die Untersuchungen des Schotten hätten auch den Titel tragen können: Warum Großbritannien so reich geworden ist. Das Königreich, das im 18. Jahrhundert auf dem Weg zum Weltreich war, hatte die Kolonialmächte Spanien und Portugal ausgestochen und stand nun in Konkurrenz zu Frankreich. Smith führte diesen Erfolg unter anderem auf den Handel zurück, den es mit anderen Nationen unterhielt. Seine für die Geschichte der Nationalökonomie weittragende Erkenntnis besteht jedoch in einer Neubestimmung des Reichtums. Aristoteles hatte den Reichtum des Hauses nach der Anzahl des Gesindes bemessen, die Physiokraten sahen ihn für einen Staat in der Landwirtschaft, und der Merkantilismus bestimmte als Maß des Reichtums Geld, also die Größe des Staatsschatzes. Adam Smith führte ein neues Kriterium ein: die Arbeit. Der Tauschwert oder Geldwert jeden Dings bemisst sich nach der für seine Produktion erforderlichen gesamtgesellschaftlichen Arbeit. Sie wird damit relativ berechenbar und absolut, also unabhängig von Ort und Zeit. Über die Ökonomie hinaus hat diese Neuausrichtung einen existenziellen Aspekt. „Er bringt die Arbeit ans Licht, das heißt: die Mühe und die Zeit, jenen Tag, der das Leben eines Menschen zerteilt und verbraucht“, betont der Philosoph Michel Foucault. An der zunehmenden Arbeitsteilung in den Manufakturen gegenüber den alten Handwerksbetrieben beobachtet Smith die Effizienzsteigerung durch Konzentration auf eine Teilarbeit. Er bemerkt aber auch schon, noch bevor das Maschinenwesen der industriellen Revolution, die im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts einsetzt, die Arbeit weiter zersplittern und mechanisieren wird, die damit einhergehende Stupidität der Arbeit.
Ein weiteres Moment für den Reichtum einer Nation sieht der Urvater des Liberalismus im Freihandel, dem sich die parlamentarisch-konstitutionelle Monarchie des Königreichs allerdings erst 1846 uneingeschränkt öffnen wird. Überhaupt plädiert er für einen weitreichenden Verzicht des Staates auf dirigistische Eingriffe in das Wirtschaftsleben, denn, wie Smith betont: Jeder einzelne wisse selbst am besten, was für ihn von Vorteil sei. Einer Kommandowirtschaft, wie sie ausgeprägt die merkantilistische Wirtschaftspolitik des französischen Absolutismus praktizierte, setzt er das Eigeninteresse, „the pursuit of happiness“, die Verfolgung des persönlichen Glücks, wie es die amerikanische Verfassung verbrieft garantieren wird, entgegen. Der enge Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und politischer Freiheit liegt auf der Hand. „Der Handel, der die Bürger Englands reich gemacht hat“, meint der mit Smith befreundete französische Philosoph Voltaire, „hat dazu beigetragen sie frei zu machen, und diese Freiheit hat ihrerseits den Handel erweitert.“
Der Staat als Ordnungsmacht hat für Rechtssicherheit in den Eigentumsverhältnissen zu sorgen, den Wohlstand schafft eine von Smith so genannte „unsichtbare Hand“ („invisible hand“). Sie sorgt über das Eigeninteresse des einzelnen hinaus für Volkswohlstand, stellt in der Gesellschaft einen Ausgleich zwischen Arm und Reich und in der Ökonomie über den Marktpreis einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage her. „Als die Vorsehung die Erde unter eine geringe Zahl von Herren und Besitzern teilte“, heißt es bereits in der „Theorie der Gefühle“, „da hat sie diejenigen, die sie scheinbar bei ihrer Teilung übergangen hat, doch nicht vergessen und nicht ganz verlassen.“
Die Vorstellung von einer „prästabilierten Harmonie“ in der Welt und einer quasi-religiösen ausgleichenden Gerechtigkeit gehört zu den Gemeinplätzen des 18. Jahrhunderts. Moral und Ökonomie sind so in Einklang gebracht. Dass Smith seine schöne Weltsicht angesichts des Elends der Proletarier in der Zeit der industriellen Revolution aufrechterhalten hätte, darf bezweifelt werden. Überliefert ist seine „sympathy“ mit den „labouring poor“, den Bergarbeitern in seiner schottischen Heimat. Auch hat der Kämpfer für Freihandel die Einflussnahme von Händlern und Unternehmern auf Parlamentsbeschlüsse verurteilt ebenso wie Monopole, wohl ohne bereits abschätzen zu können, dass es gerade der Freihandel ist, der die Riesenkonzerne der Zukunft entstehen lässt. Und schließlich entgeht dem aufmerksamen Beobachter der Entwicklung in den Kolonien und dem Analytiker der Lohnarbeit Adam Smith völlig, dass es zu einem nicht unbeträchtlichen Teil die unentgeltliche Sklavenarbeit war, die zu dem Wohlstand vieler europäischer Nationen geführt hat.