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Gute Gesellschaft: die Himmelsscheibe von Nebra und drei „Goldhüte“, der rechte stammt aus Schifferstadt.
Gute Gesellschaft: die Himmelsscheibe von Nebra und drei »Goldhüte«, der rechte stammt aus Schifferstadt.

„Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ ist einerseits eine Leistungsschau zum Europäischen Kulturerbejahr mit über 1000 Exponaten aus 300 Fundstellen bundesweit. Andererseits möchten die Ausstellungsmacher auch Geschichten erzählen und große Linien aufzeigen. Etwa auf den Zusammenhang zwischen Mobilität und Innovation.

Sie strahlt, auch hinter Panzerglas. Die „Himmelsscheibe von Nebra“ zieht wie kein zweiter archäologischer Fund der jüngeren Zeit die Blicke im Berliner Martin-Gropius-Bau auf sich. Als Vollmond (oder Sonne), zunehmender Mond und Sternenhimmel werden die Goldauflagen der grünlichen Bronzescheibe gedeutet. Der astronomische Kalender leuchtet mit prächtig glänzenden, zeremoniellen „Goldhüten“ – auch dem Schifferstadter Hut –, die ebenfalls für Kalendarien gehalten werden, um die Wette. Seit 2013 gehört der Fund aus Halle zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Für die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ steuerten 70 Leihgeber Glanzstücke bei. Rheinland-Pfalz ist außer mit dem Goldhut und Stücken aus Herxheim, die auf mögliche blutige Rituale verweisen, mit dem Hortfund von Rülzheim vertreten. Der von einem Raubgräber ausgebuddelte Schatz versammelt goldene Kleidungsbesätze in reiternomadischer, vielleicht hunnischer Tradition und einen fragilen, römisch inspirierten Klappstuhl aus Silber. Letzterer wirft die Frage auf, wer darauf wohl gesessen haben mag und wie das Stück aus dem Osten in die Südpfalz kam. Das Europäische Kulturerbejahr richtet den Blick auf die Beziehungen innerhalb Europas. Die Schau verdeutlicht, dass es Austausch und Mobilität seit jeher gab. „Menschen sind immer unterwegs“, so Matthias Wemhoff, Leiter des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, der die Ausstellung in Kooperation mit dem Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland erarbeitet hat. Die Zeiten seien früher nicht statischer gewesen. Es habe Klima-Flüchtlinge gegeben, Menschenhandel und Welthandel. „Die Wege, auf denen wir uns heute bewegen, sind ganz alt“, sagt Wemhoff. Und so beginnt der Parcours, der nicht etwa chronologisch gegliedert ist, mit dem Thema Mobilität. In Animationsfilmen sieht man Wanderungsbewegungen, dazu die vielleicht ersten Räder. Im oberschwäbischen Olzreuter Ried wurden sie in Pfahlbausiedlungen entdeckt. Sie datieren um 2900 vor Christus. Diese ältesten Räder Europas werden in Verbindung mit Wegespuren, Brückenresten, Straßenbelägen aus allen Epochen gezeigt. Zu jeder Zeit haben Menschen nach neuen Siedlungsplätzen gesucht, als Händler und Eroberer, aber auch als Neugierige, Pilger und Entdecker. Das führte natürlich zu Konflikten, dem zweiten großen Thema der Schau, die hier unter anderem das älteste europäische Schlachtfeld präsentiert. Es liegt im Tollensetal nahe dem heutigen Neubrandenburg, wo 1250 vor Christus an die 6000 Krieger kämpften. 1996 wurde dieses Schlachtfeld zufällig entdeckt. Und auch das bewusste Zerstören von Symbolen (aus religiösen Gründen) – wie heute im Irak, Syrien oder Afghanistan – gab es schon immer, zeigt die Schau. Auf der Schwäbischen Alb hingegen fand sich das älteste Kunstwerk der Menschheit: die Venus vom Hohle Fels, um 40.000 Jahre alt, aus Mammut-Elfenbein geschnitzt, mit Mini-Kopf und üppigen Brüsten. Ihre Präsenz leitet das Kapitel Innovation ein. Kreative Ideen brachten Veränderungen. Zu den spannendsten Zeugnissen zählt etwa ein Überrest der Warmluftheizung aus dem gesprengten Berliner Stadtschloss, welche einst die Kohleheizung ersetzte. Es geht also nicht nur um die Stein-, Bronze-, oder Eisenzeit in dieser Fundgrube an Fundstücken, sondern auch um jüngere Objekte, zutage gebracht in den vergangenen 20 Jahren. Im Zentrum der Schau liegt der Lichthof, um den die Räume des Rundganges zu Mobilität, Austausch, Konflikt und Innovation gruppiert sind: Hier ist ein Teil der Hafenmauer des römischen Köln zu besichtigen. Sie wurde beim Erweiterungsbau der U-Bahn freigelegt. Die mächtigen Überreste einer dreieinhalb Meter hohen Spundwand aus Eichenbohlen sind fast 2000 Jahre alt. Kombiniert mit einem Berg an Scherben aus dem alten Hafenbecken hat diese „vielleicht größte Grabung in Deutschland“ viel ans Licht gebracht: Köln war um 90 nach Christus eine pulsierende Metropole am Schnittpunkt vieler Handelswege. „Alle Kölner sind zugereist zu jener Zeit“, so Wemhoff. Auch Warenströme lassen sich in der überbordenden Fülle der Inszenierung nachvollziehen. Hunderte unscheinbare Amphorenscherben, die allerdings wichtige Aufschriften tragen, belegen, was an der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert nach Christi in Köln gehandelt wurde: Olivenöl aus Spanien und Nordafrika, grüne Oliven aus Südfrankreich, Wein aus Italien. Austausch sei der Beginn aller Entwicklung. Die Botschaft der Schau: Herkunft teilen. Vielleicht wird mancher über aktuelle Fragen wie Migration und Globalisierung nach Besuch dieser Schau anders denken. Die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“; Martin-Gropius-Bau, Berlin; bis 6. Januar (Himmelsscheibe nur bis 5. November) täglich außer dienstags 10 bis 19 Uhr.

Fast 2000 Jahre alt: Kölner Hafenmauer. „Alle Kölner sind zugereist zu jener Zeit“, sagt Kurator Matthias Wemhoff.
Fast 2000 Jahre alt: Kölner Hafenmauer. »Alle Kölner sind zugereist zu jener Zeit«, sagt Kurator Matthias Wemhoff.
Der Anfang: die Venus vom Hohle Fels, um 40.000 Jahre alt.
Der Anfang: die Venus vom Hohle Fels, um 40.000 Jahre alt.
Silberstatuetten des Rülzheimer Klappstuhls.
Silberstatuetten des Rülzheimer Klappstuhls.
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