Interview
„Mein Ziel ist eine nachhaltige Karriere“: Im Gespräch mit der Sängerin Katie Melua
Katie Melua, lassen Sie uns zu Anfang ein bisschen Deutsch sprechen: Was fällt Ihnen ein, wenn ich sage: „Ich wollte nie erwachsen sein, hab’ immer mich zur Wehr gesetzt“?
Dann denke ich natürlich an Peter Maffay und sein wundervolles Lied von „Tabaluga“, das ich gern mit ihm gesungen habe. Die Idee, um die es darin geht, ist so schön – der Wunsch, sich seinen jugendlichen Geist zu bewahren. Zudem war es eine meiner liebsten Kollaborationen, weil ich gesehen habe, wie ein anderer Künstler arbeitet und welche Wertschätzung er Musikalität entgegenbringt. Peter schafft eine wirklich schöne Atmosphäre um sich herum. Deshalb traute ich mich auch, zum ersten Mal auf Deutsch zu singen – und ich habe es geliebt.
Wie viel von dem Traum, ein Kind zu bleiben, trifft auf Sie zu?
Das hat zwei Seiten: Zum einen glaube ich an die Perspektive, aus der ein Kind die Welt betrachtet und in der alles neu ist. Alles erscheint, als würde es sich nie mehr wiederholen. Im Gegensatz zu uns Erwachsenen, die gelernt haben, dass bestimmte Muster häufiger vorkommen können, leben Kinder mehr für jeden einzelnen Tag. Das schätze ich wirklich. Auf der anderen Seite finde ich es aber auch fantastisch, älter zu werden. Man wird zuversichtlicher und weiser, weil man Erfahrungen gesammelt und mehr gesehen hat. In diesem Bewusstsein erscheint einem die eigene Biografie zunehmend wie aufeinander liegende Schichten.
Der Hintergrund meiner Frage: Für mich hat es den Anschein, als durften Sie, was nicht allzu vielen jungen Sängern vergönnt ist, im Musikgeschäft erwachsen werden. Empfinden Sie selbst das auch so?
Darüber habe ich in den vergangenen Jahren viel nachgedacht. Sängerinnen wie Joni Mitchell und Kate Bush, die ich bewundere, scheinen an einem bestimmten Punkt praktisch mit der Arbeit aufgehört zu haben oder zumindest nicht mehr auf Tournee zu gehen. Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Zwar kenne ich nicht die genauen Hintergründe, aber ich kann mir vorstellen, wie es für sie in den 60er- und 70er-Jahren gewesen ist. Insofern überrascht es mich nicht, dass diese Frauen nicht die Chance hatten, innerhalb des Musikgeschäfts erwachsen zu werden. Wir dagegen leben in einer aufgeklärteren Welt. Ich selbst mache immer noch gern Platten und tauche in eine Produktion ein, um zu sehen, welche Neuerungen es so gibt. Dabei habe ich ein Team, das diese Neugier und Abenteuerlust unterstützt.
Mussten Sie hart dafür kämpfen – wenn es vielleicht von einer Plattenfirma hieß: „Katie, wo bleibt der nächste Hit“?
Interessant, dass Sie das sagen. Das habe ich oft in den ersten paar Jahren meiner Laufbahn erlebt. Damals hatte ich ein Team, das sehr an Single-Hits ausgerichtet war. In den Charts hochzuklettern, galt als Inbegriff des Erfolgs. Mit den Leuten, mit denen ich nun seit meinen frühen 30ern zusammenarbeite, sprach ich dagegen von Anfang an sehr ausführlich darüber, wie wir für uns Erfolg definieren wollen. Dabei kam uns die Veränderung in der Musikindustrie entgegen: Single- oder Albumcharts, die die ganze Welt kennt, gibt es so nicht mehr. Heute kann man in vielen unterschiedlichen Bereichen erfolgreich sein. Deshalb lautet meine Antwort für die vergangenen Jahre: Nein, dafür muss ich nicht mehr hart kämpfen, weil das Musikgeschäft heute subtiler ist als der reine Aufstieg in den Hitparaden. Mein Ziel ist eine nachhaltige Karriere.
Die neue akustische Fassung Ihres „Album No. 8“ unterstreicht mit seiner Entschleunigung und Konzentration auf den Kern der Lieder dieses gewisse Ausmaß an künstlerischer Freiheit. War das Ihre Absicht bei der Überarbeitung der Songs?
Das ergab sich aus meiner Lebenssituation – ohne Tourneen, in der Nähe meiner Familie und in dem Studio meines Bruders, der ein phänomenaler Produzent ist. Ich will nicht sagen, es ging einfach so – aber es war alles in Reichweite. So konnte ich diese Lieder neu gestalten, die das verdienen. Wir wollten, dass es sich wie ein intimes Konzert anfühlt.
Wäre diese Platte möglich gewesen, wenn die Welt sich nicht gerade in einer Pandemie befände?
Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wäre ich unterwegs gewesen. Wir hatten für Herbst und Winter vergangenen Jahres eine große Tournee in Nordamerika, Australien und Afrika geplant. Vielleicht hätte das Album auch unterwegs entstehen können, aber dann wäre es etwas anderes geworden – womöglich eine Liveaufnahme. Stattdessen konnte ich daheim in London an den Stücken arbeiten und Kollegen wie den in Berlin lebenden Violinisten Simon Goff für ein paar neue musikalische Elemente gewinnen.
Das Album gilt auch als eine Art Familienangelegenheit durch die Beteiligung Ihres Bruders. Welche Rolle spielte er dabei?
Mein Bruder Zurab ist sieben Jahre jünger als ich. Als ich mein erstes Album veröffentlichte, war er ungefähr 13. In den folgenden Jahren lernte er Gitarrespielen und widmete sich sehr ernsthaft Thrash Metal. Meine Art von Musik dagegen interessierte ihn kein bisschen. Irgendwann entdeckte er die Klassik für sich und wurde dadurch zunehmend offener dafür, etwas mit mir zusammen zu machen. Vor etwa vier Jahren schloss er sich meiner Band an. Mit seiner unglaublichen Hingabe zeigt er mir, wie schwierig es ist, sein Leben komplett einem Instrument zu widmen, um ein großer Musiker zu werden. Während ich immer Platten aufnehmen wollte, ist er dazu bereit, acht Stunden am Tag Gitarre und Komponieren zu üben.
Wenn sich schon die Gelegenheit ergibt, mit einer Preisträgerin des Europäischen Kulturpreises in diesem Jahr zu sprechen – wie sehen Sie denn den aktuellen Zustand der europäischen Kultur?
Ich finde, es ist eine aufregende Zeit für die europäische Kultur. Natürlich stellen Covid und die Reisebeschränkungen große Schwierigkeiten dar. Mit Blick speziell auf die Musik glaube ich aber, dass dadurch so viele lokale Künstler wie nie zuvor eine Chance erhalten, aufzutreten und ihre Fähigkeit zu entwickeln, vor Publikum auf einer Bühne zu stehen. Es gibt viele europäische Künstler, die ich bewundere: Philipp Poisel zum Beispiel ist fantastisch, Simon Goff, den ich schon erwähnte, dann die ganzen zeitlosen französischen Künstler. Darüber hinaus ist da die Literatur, deren großer Fan ich stets war: Ich denke zum Beispiel an den Roman „Das achte Leben“ der georgischen Autorin Nino Haratischwili. Georgien gehört zwar nicht zur Europäischen Union. Aber dass Europa diese Staaten an der Grenze zu Asien annimmt, eröffnet ihren Kulturen einen Zugang. Das sorgt für eine interessante Mischung.
Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal acht Jahre zurückblicken. Damals unterhielten wir uns an einem sonnigen Sommernachmittag vor Ihrem Konzert im Schwetzinger Schlosspark. Dabei erzählte ich Ihnen von einem jungen Mann, der leider seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Doch durch Ihr Lied „Closest Thing To Crazy“, das er sehr geliebt hatte, fand seine Mutter nicht nur Trost, sondern auch eine Möglichkeit, sich weiterhin mit ihm verbunden zu fühlen – so hatte sie es mir im Vorfeld erzählt. Ihre sehr einfühlsame und warmherzige Reaktion darauf berührte bei der Veröffentlichung des Interviews viele unserer Leser sehr. Deshalb dachte ich, ich sollte Sie das wissen lassen, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.
Vielen Dank, dass Sie mir das erzählen. Falls Sie die Möglichkeit haben, grüßen Sie die Dame bitte von mir. Es ist immer wieder erstaunlich, was die Musik alles vermag. Darum fühle ich mich so geehrt, diesen Beruf zu haben.
Das Album
Katie Melua: „Acoustic Album No. 8“, erschienen bei Wea