Kultur
Medienforscher: „Wo kein Geld, da keine tiefen Recherchen“
Interview: Mit der „Initiative Nachrichtenaufklärung“ ist der Kölner Medienforscher Hektor Haarkötter den blinden Flecken der Berichterstattung auf der Spur. Ein Gespräch über die „Lückenpresse“, redaktionelle Glaubensbekenntnisse und was der Lokaljournalismus Google noch voraushat.
Herr Haarkötter, es gibt ja nicht nur den Begriff der „Lügenpresse“, sondern auch den Ausdruck „Lückenpresse“. Medien würden über wichtige Themen nicht berichten, heißt es dann. Mit Ihrer Arbeit bei der Initiative Nachrichtenaufklärung bestätigen Sie diesen Vorwurf regelmäßig. Ein Grund zur Sorge?
Zunächst einmal: Dass man nicht alles bringen kann, gehört zur DNA von Journalismus. Schließlich bedeutet Journalismus immer auch auswählen und gewichten. Fachjournalisten haben ganz andere Interessen als Lokalredakteure, Reportage-Magazine wiederum andere als etwa die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das alles ist völlig normal – aber eben auch nicht der Punkt unserer Initiative. Denn wir sagen: Es gibt Lücken an Stellen, an denen keine Lücken sein sollten, weil es sich um gesamtgesellschaftlich relevante Nachrichten handeln. Also um Dinge, die einen Großteil der Bevölkerung betreffen, über die Medien aber unisono nicht berichten.
Was sind das denn für Themen?
An der ersten Stelle unserer aktuellen Top Ten der vergessenen Nachrichten steht JEFTA, das Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit Japan. Es ist am 1. Februar in Kraft getreten, aber Sie werden davon so gut wie nichts mitbekommen haben, obwohl sich dabei zwei der größten Wirtschaftsräume der Welt zusammenschließen. Bestenfalls kamen klassische Meldungen mit fünf Zeilen, aber keine kritischen Nachfragen oder Hintergrundanalysen. Wenn man das mit der Berichterstattung über die Freihandelsabkommen TTIP und CETA vergleicht, herrscht eine krasse Diskrepanz.
Viele Leser werfen Journalisten ja vor, auf einem bestimmten politischen Auge blind zu sein. Ist das wirklich der Hauptgrund für diese Lücken?
Die Gewichtung der jeweiligen Gründe lässt sich schlecht messen oder vergleichen. Natürlich können die Gründe für solche blinden Flecken aber auch politische Natur sein. Das hat damit zu tun, dass Verlage Tendenzbetriebe sind ...
...also wie Gewerkschaften oder Verbände?
Ja, und deswegen haben sie sogar das Recht, bestimmte Themen zu verhindern oder hervorzuheben. Ein Beispiel: Wir haben hier in Köln zwei Tageszeitungen, den „Kölner Stadtanzeiger“ und die „Kölnische Rundschau“. Der „Anzeiger“ gilt als die liberalere der beiden, die „Rundschau“ als das konservativere Blatt. Über Veranstaltungen der Partei Die Linke wird bei der „Rundschau“ deshalb aus Prinzip nicht berichtet. Ein anderes Beispiel ist der Springer-Verlag, der sich unterschreiben lässt, woran seine Redakteure zu glauben haben.
Da geht es aber um recht allgemeine Dinge wie den Glauben an Freiheit, ein vereinigtes Europa oder das Existenzrecht Israels. Ist das Problem also vielleicht eher, dass der Journalismus nicht transparent genug mit diesen eigentlich ganz legitimen Tendenzen umgeht und stattdessen immer behauptet, man sei komplett neutral und objektiv?
Na ja, diese Transparenz gibt es ja. Die Redaktionsstatute von Springer und anderen Medien können Sie problemlos im Netz nachlesen. Und im Ernst: Der Käufer einer „Taz“ weiß doch auch, was er da liest – der erwartet doch kein wirtschaftsnahes konservatives Blatt. Ich glaube also schon, dass dem halbwegs informierten Nutzer das alles klar ist. Allerdings reden wir jetzt über nationale Leuchttürme. Etwas anders ist das auf den Regionalmärkten. Da weiß ich nicht, ob die Leser wirklich wissen, welche Linie ihre Heimatzeitung fährt. Oft ist das ja eher ein wirtschaftsliberaler Kurs, was meist an den mittelständischen Besitzstrukturen solcher Verlage liegt.
Man gerät bei diesem Thema aber auch schnell in einen verschwörungstheoretischen Diskurs hinein. Tatsächlich sind die Gründe für blinde Flecken im Arbeitsalltag von Redakteuren doch viel banaler: Zeitdruck, Angst vor Fehlern, Herdentrieb.
Natürlich. Ich will auch gar nicht sagen, dass immer ein bewusster Wille dahintersteht. Es liegt schon eher an Strukturen und systemischen Gründen. Die meisten Redaktionen kommen einfach mit der Fülle an Informationen nicht mehr klar. Heute haben Sie in den Agenturen 4000 bis 5000 Meldungen am Tag, dazu kommen noch Regionalmeldungen. Wenn da mal eine Falschinformation durchrutscht, heißt es dann immer gleich „Lügenpresse“. Aber prüfen sie das alles erst einmal an einem Arbeitstag. Das ist ein riesiger Aufwand in einer Zeit, in der sie gleichzeitig eine erhebliche Arbeitsverdichtung in den Medienhäusern haben. Da bleibt oft einfach nicht mehr die Zeit, um eine weitere Quelle selbst zu recherchieren oder die zitierte Studie im Originaltext zu lesen.
Welche Gründe gibt es noch?
Es gibt ein starkes journalistisches Rudelverhalten. Dieser Effekt wird noch verstärkt, weil alle Verlagshäuser die gleichen Agenturen abonniert und die meisten Redakteure die gleichen Kriterien zur Bestimmung des Nachrichtenwerts gelernt haben. Diese Standardkriterien sind aber oft die Falschen. Man setzt auf große Namen, Elitenationen, Partnernationen, lokale Nähe, Prominenz, Konflikt, Negativität. Da kommt ein ganz bestimmter Typ von Journalismus raus, und andere mögliche Typen haben gar keine Chance.
„Constructive Journalism“ steht ja seit einiger Zeit für so einen anderen Typ von Journalismus. Grob gesagt sollen dabei positive oder lösungsorientierte Nachrichten in den Fokus rücken.
Ich mag solche Schlagwörter zwar nicht, aber das wäre ein Beispiel. Müssen wir denn immer berichten, wie viele Tote es bei einem Unfall gab? Gibt es nicht einen ganz anderen Aspekt, der bei Unfällen viel wichtiger wäre? Wieso gibt es denn überhaupt so viele Staus, auf deren Enden die LKW dann auffahren?
Aber solche Geschichten gibt es doch. Nur vielleicht nicht in einer reinen Nachrichtensendung wie der „Tagesschau“, sondern eher in einem hintergründigen Magazin.
Wir versuchen bei der Initiative Nachrichtenaufklärung ziemlich transparent darzustellen, was unsere Kriterien sind. Und eines davon ist eben, dass eine Mehrheit der Bevölkerung Zugang zu diesen Informationen haben sollte. Das schließt dann natürlich Magazine aus, die man nur in der Bahnhofsbuchshandlung der nächsten Großstadt bekommen würde. Wir sagen: Wenn es Mainstreamthemen sind, dann müssen die auch in den großen Mainstreammedien zu finden sein.
Sehen sie ihre Arbeit eigentlich als reines Informationsangebot oder steckt dahinter auch ein Urteil über die deutsche Medienlandschaft?
Wir formulieren ja klare Handlungsanweisungen und sagen, ihr solltet weniger hierüber berichten, sondern mehr darüber. Das ist dann natürlich auch ein klarer Beitrag zum Qualitätsdiskurs.
Steckt der Journalismus also Ihrer Meinung in der vielbeschworenen Krise?
Naja, wir haben oft ein verengtes Blickfeld und durch den Zeitdruck und die Arbeitsverdichtung auch viele Fälle des sogenannten „Copy/Paste-Journalismus“, wo Informationen ungeprüft von anderen Medien übernommen werden. Aber andererseits gibt es Leuchttürme wie die „Süddeutsche Zeitung“, den Deutschlandfunk oder manches Programm der öffentlich-rechtlichen Sender. Im Endeffekt hängt das aber alles einfach mit der Finanzierung von Journalismus zusammen: Wo kein Geld, da keine tiefen Recherchen, und wo keine Recherchen, da keinen originellen und hintergründigen Geschichten.
Aber warum sollte unser Finanzierungsproblem den Leser interessieren? Gibt es da vielleicht nicht einfach auch ein Selbsterklärungsdefizit des Journalismus?
Ja, das gibt es. Dazu kommt noch fehlende Transparenz. Wir reden deshalb auch weniger von Medienkompetenz, sondern von Nachrichtenkompetenz, weil die Leute eben nicht genau wissen, wie Nachrichten entstehen. Also welcher große Aufwand und was für Kosten dahinterstecken, wenn man selbst recherchiert oder eigene Korrespondenten unterhält. Das kann man den Leuten nicht vorwerfen, die wollen natürlich einfach das stimmige Endprodukt konsumieren. Für einen aufgeklärten Zeitgenossen wäre dieses Wissen allerdings nicht ganz unwichtig. Nur so hat man die Möglichkeit zu erkennen, was gute Nachrichten und was Fake News sind.
Das ist ja auch so ein extrem schwammiger Begriff. Manche „Fake News“ sind ja beispielsweise schlicht menschliche Fehler, wenn etwa eine Statistik falsch interpretiert wurde.
Richtig. Und ganz viele Dinge, die als Fake News bezeichnet werden, sind letztlich einfach nur News, die einem politisch nicht passen. Aber zurück zum Erklärungsdefizit: Ich glaube, dass viele Leute eine ganz ungenaue Vorstellung haben, was hinter dem Begriff Journalismus eigentlich steckt. Nur weil „Spiegel“ draufsteht, hat der Inhalt von „Spiegel Online“ ja noch gar nichts mit dem gedruckten Nachrichtenmagazin zu tun. Allein dieser Unterschied ist vielen Leuten gar nicht klar.
Was wünschen Sie sich also für einen guten Journalismus der Zukunft?
Erstens: Macht eigenen Geschichten, recherchiert selbst! Ich will wissen, dass jemand da rausgefahren ist, mit zig Leuten gesprochen, Originaldokumente eingesehen und daraus dann auch noch einen originellen Bericht oder eine Reportage gemacht hat. Reine Nachrichten kriege ich doch mittlerweile immer und überall. Weil das aber viel kostet, richtet sich mein zweiter Aufruf nicht an die Branche, sondern an die Nutzer: Gebt Geld für Journalismus aus! Was nichts kostet, ist auch nichts wert, sagt mein schwäbischer Schwiegervater immer. Mein dritter Wunsch lautet: Macht den Lokaljournalismus stark! Wir wissen das eigentlich schon seit Jahren: Die Leute lesen zuerst den Lokalteil, denn zu Hause spielen die Geschichten. Und es ist einer der letzten Bereiche, wo Journalismus noch Informationen anbieten könnte, die Google einem nicht sowieso schon liefert.
Interview: Alexander Graf