Wien RHEINPFALZ Plus Artikel Max Slevogt: Der Maler und der Bühnenstar

Tilla Durieux als Shakespeare-Heroine Kleopatra, 1907 vom Max Slevogt auf Leinwand festgehalten.
Tilla Durieux als Shakespeare-Heroine Kleopatra, 1907 vom Max Slevogt auf Leinwand festgehalten.

Die Schauspielerin Tilla Durieux war eine der am meisten porträtierten Frauen ihrer Epoche. Dieser Tatsache trägt das Wiener Leopold-Museum zurzeit mit einer umfangreichen Ausstellung Rechnung. Einer, der sie sogar mehrfach malte, war Max Slevogt.

Sie war ein gefeierter Theater- und Filmstar der 1920er-Jahre, eine starke, moderne Frau und politisch engagierte Zeitgenossin. Das Leopold-Museum in Wien präsentiert nun in 233 Kunstwerken, Gemälden, grafischen Arbeiten, Skulpturen und Fotografien diese schillernde Persönlichkeit, die sowohl als Schauspielerin als auch als Repräsentantin des gesellschaftlichen Lebens eine große Faszination nicht nur auf ihre künstlerisch tätigen Zeitgenossen ausübte.

Selten zu sehen: Slevogts erstes Durieux-Porträt zeigt die Schauspielerin als 1907 als Salome in Oscar Wildes Skandal-Drama.
Selten zu sehen: Slevogts erstes Durieux-Porträt zeigt die Schauspielerin als 1907 als Salome in Oscar Wildes Skandal-Drama.

Die Liste der Kunstschaffenden, denen Tilla Durieux – der Überlieferung nach angeblich eher ungern – Modell saß, reicht von Auguste Renoir, Franz von Stuck, Max Liebermann, Lovis Corinth, Emil Orlik, Ernst Barlach, Oskar Kokoschka, Max Oppenheimer, Olaf Gulbransson bis hin zu den Fotografinnen Lotte Jacobi und Frieda Riess. Auch der lange auf seinem Landgut in Neukastel in der Pfalz ansässige Maler Max Slevogt, der zusammen mit Liebermann und Corinth das berühmte Dreigestirn impressionistischer Malerei in Deutschland bildet, rückte Tilla Durieux mehrmals mit Ölfarbe oder Zeichenstift zu Leibe. Gehörte er doch zum näheren Umfeld der Mimin, die ab 1910 in zweiter Ehe mit dem legendären Galeristen und Kunsthändler Paul Cassirer verheiratet war, der wiederum den Künstler in der deutschen Hauptstadt vertrat.

Zuflucht in Zagreb

So war auch Slevogt mit den beiden freundschaftlich verbunden und besuchte die großen Abendgesellschaften, die das wohlhabende Paar in seiner Villa im Tiergartenviertel gab. Berühmte Kulturschaffende wie etwa der Theaterautor Frank Wedekind und seine Frau, die Schauspielerin Tilly Wedekind, die Dichterin Else Lasker-Schüler, der Schriftsteller Heinrich Mann, der Sammler und umtriebige Chronist Harry Graf Kessler oder der Kritiker Alfred Kerr nahmen ebenfalls regelmäßig teil. Auch im Ferienhaus Cassirers an der holländischen Küste war Slevogt zur Sommerfrische zu Gast und schuf dort seine wenigen Seebilder.

Eine stattliche Anzahl von Beispielen Slevogts künstlerischer Auseinandersetzung mit seinem Modell Tilla Durieux, die er beim Posieren in Theaterrollen auf Leinwand und Papier brachte, kann in der Wiener Schau in Augenschein genommen werden.

 Slevogt-Gemälde aus Mainz: Tilla Durieux als Potiphars Weib (1921, Ausschnitt).
Slevogt-Gemälde aus Mainz: Tilla Durieux als Potiphars Weib (1921, Ausschnitt).

Erstmals porträtierte er sie 1907 mit seinem „Porträtkopf Tilla Durieux“, einem Kopfstück, das sie als „Salome“ zeigt, jener Rolle, mit der die in Wien geborene, über Olmütz und Breslau 1903 zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater gekommene Aktrice ihren künstlerischen Durchbruch schaffte. Bei Reinhardt hatte sie zunächst kleinere Engagements erhalten, bis sie für den gefeierten Star Gertrud Eysoldt einsprang und in Oscar Wildes Stück in der Hauptrolle brillierte. Es war die Geburtsstunde der legendären Bühnenfigur Tilla Durieux, die danach über Jahrzehnte hinweg an allen wichtigen Häusern Europas spielte. Aus dem Stadtmuseum in Zagreb, wohin die Schauspielerin vor Hitler ins Exil geflohen war und wo sich heute ein Teil ihres Nachlasses befindet, fand dieses Gemälde seinen Weg in die Wiener Ausstellung.

Leihgabe aus Mainz

Aus einer Privatsammlung kommt Slevogts großformatiges Bild „Die Schauspielerin Tilla Durieux als Kleopatra“, das ebenfalls 1907 entstand und Durieux’ Verkörperung der Kleopatra vorwegnimmt, denn in dieser Rolle glänzte sie in Shakespeares Stück „Antonius und Cleopatra“ erst 1913. Slevogt wählte für seine Darstellung ein berühmtes Motiv der Kunstgeschichte und zeigt die Schlussszene des Dramas, in der sich die auf einem Divan liegende ägyptische Herrscherin durch Schlangengift selbst tötet.

Auch aus Rheinland-Pfalz reisten Slevogt-Werke in die Wiener Schau: Aus dem Mainzer Landesmuseum sind sowohl das Gemälde „Tilla Durieux als Potiphars Weib“ aus dem Jahr 1921 als auch die zehn Jahre später erschienene, durch Zeichnungen im Theater entstandene 14-teilige Lithografienserie „Theaterskizzen. Tilla Durieux als Weib des Potiphar“ zu sehen. Das Gemälde entstand als Geschenk für den Freund Paul Cassirer zum 50. Geburtstag, an dem Durieux in dieser Rolle im Ballett „Josephslegende“ auftrat. Es lehnt sich eng an das von Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal verfasste Libretto zur Musik von Richard Strauss an. Haube und Kleid stimmen mit dem Bühnenkostüm überein, der dunkle Hintergrund entspricht der „nächtlichen Szene“ und die Figur hält sogar eine Öllampe vor sich in der Hand. Mit schnellen, kurzen Pinselstrichen skizzierte Slevogt die Darstellung.

Tragik abseits der Bühne

Tragisch, als wäre es ein Bühnendrama, verlief am Ende die Beziehung des von Slevogt mit diesem Bild beschenkten Galeristen und der gefeierten, in so vielen verhängnisvollen Frauenrollen auftretenden Schauspielerin, der diese hervorragend aufbereitete Wiener Ausstellung ein Denkmal in Kunstwerken setzt. Als sich Tilla Durieux 1926 von Paul Cassirer trennen wollte, erschoss dieser sich beim Scheidungstermin.

Die Ausstellung

„Tilla Durieux. Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“, im Leopold-Museum Wien, bis 27. Februar 2023. Im Georg Kolbe Museum in Berlin wird die Schau ab Mai 2023 zu sehen sein. Ein umfangreicher Begleitband zur Ausstellung ist erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König.

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