Pop aus der Westpfalz
Mark Forster über „Sing meinen Song“ und Musikpläne
Mark, du bist zum ersten Mal seit deiner Gastgeberrolle 2018 nun wieder bei „Sing meinen Song“ dabei. Wie hast du die Zeit in Südafrika empfunden?
Ein bisschen habe ich mich gefühlt wie in einer Zeitkapsel. Dort ist alles noch so, wie es immer war, die Couch sieht noch genauso aus, Südafrika ist noch genauso schön, und die allermeisten Leute, die dort gearbeitet haben, waren vor acht und vor neun Jahren schon da. Trotzdem habe ich dieses Mal komplett anders empfunden.
Inwiefern anders?
Natürlich habe zunächst einmal ich mich in diesem knappen Jahrzehnt relativ stark verändert. Der andere Aspekt ist der, dass eine solche Sendung wie „Sing meinen Song“ inzwischen völlig anders rezipiert wird. Früher haben die Leute den Fernseher angemacht und sich das angeschaut, fertig. Jetzt macht das nur noch ein deutlich kleinerer Teil so. Die anderen schauen sich Ausschnitte auf Social Media an oder gucken es im Stream. Ich habe gemerkt, mir ist nun egaler, wie es wirkt und wichtiger, wie es ist.
Möchtest du das näher erläutern?
Natürlich habe ich mir wieder die allergrößte Mühe gegeben, dass meine Versionen geil sind. Aber vor zehn Jahren wollte ich, dass nach der Show mein Album hoch in die Charts geht. Und jetzt habe ich überhaupt kein neues Album mehr. Dort hinzufahren und in dieser nach wie vor verrücktesten und schönsten Musikshow der Welt zu sitzen und eine besondere Zeit zu haben, fühlte sich nun mehr so an wie ein privates Erlebnis. Und kaum noch wie ein geschäftlicher Schachzug.
Gibt es jemanden aus der Show, mit der oder dem du dich besonders verbunden gefühlt hast?
Mit dem Grafen. Ich habe den wahnsinnig ins Herz geschlossen, diesen unfassbar geilen Typen. Der Graf ist ein Mensch, der dir die simplen, aber auch größten Fragen des Lebens stellt: Was macht mich glücklich? Wo gehöre ich hin? Diese Fragen stelle ich mir auch. Und suche noch nach den Antworten. Der Graf aber, der hat die Antworten schon.
Hättest du sie auch gern?
Schwierig. Vielleicht besteht der Sinn des Lebens wenigstens zum Teil auch daraus, dass man immer weiter nach ihm sucht. Ich gehöre sicher nicht zu den unglücklichsten Menschen auf der Erde. Dennoch hinterfrage ich mich ständig selbst.
Im Song „Zeitmaschine“ wendest du dich an dein zukünftiges Ich und hoffst zum Beispiel, dass deine Mutter 120 wird und deine Ehe für immer hält. Würdest du tatsächlich gern in einer Zeitmaschine reisen?
Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich schon gerne einen Blick in die Zukunft riskieren. Aber ob es gut wäre, dann auch einzugreifen? Aus „Zurück in die Zukunft“ wissen wir ja, dass das keine so gute Idee ist.
Momentan reisen die Leute ja gern zurück, insbesondere ins Jahr 2016: Für dich war 2016 mit Hits wie „Chöre“ und „Wir sind groß“ ein beruflich sehr erfolgreiches Jahr. Erlaubst du dir einen Hauch von Nostalgie?
Eigentlich blickt man ja eher 20 Jahre zurück. Dieser Trend, von dem du sprichst, kommt glaube ich daher, dass in den vergangenen zehn Jahren auf der Welt einfach so irrwitzig viel los war, dass man gern innehalten möchte. 2016 war für mich tatsächlich das Jahr, in dem alles geklappt hat. Ein sehr positiv besetztes Jahr und, wenn man so will, war das genau meine Zeit. Ich nenne sie immer die Jogi-Löw-Angela-Merkel-Zeit. So vom Gefühl her gehören Menschen wie Helene Fischer oder wie ich da auch mit rein.
„Wir sind groß“ war seinerzeit ein offizieller EM-Song. Jetzt steht die nächste WM vor der Tür. Hast du schon eine Haltung zu diesem Turnier entwickelt?
Meine Liebe zum Fußball ist ein wenig abgekühlt. Ich spüre, dass es weniger juckt. Einen großen Knacks hat bei mir auf jeden Fall die letzte WM in Katar herbeigeführt. Auch jetzt bei der WM bekomme ich schon wieder leichte Katar-Gefühle. Dieses ganze Drumherum, die Fifa-Funktionäre, der pure Drang zum Geldscheffeln – das ist mir alles zu offensichtlich böse. Beim Fußball geht es darum, Spaß zu haben. Und diesen Spaß habe ich gerade nicht.
„Gib mir drei Minuten/ Und ich geb dir bisschen Hoffnung mit“, singst du in deiner aktuellen Single „Ein Lied“. Ist das dein Berufsbild, in einem Satz zusammengefasst?
Deine Aussage ist unvollständig, aber von mir unterschreibbar. Ich glaube schon, dass mein Talent darin liegt, das Fähnchen der Zuversicht hochzuhalten. Ich bin ganz gut darin, Optimismus in Texte und Musik zu packen – zumal das meinem Wesen nahe ist. Ich laufe nicht daueroptimistisch durchs Leben, aber ich habe diese Seite an mir, und die kriege ich ganz gut vertont.
Deine neuen Stücke handeln von Zuversicht, von der Zweisamkeit als Festung gegen alle Stürme wie in „Beste“ oder davon, dass alles gut ist, so lange man zusammen ist („Wenn du mich rufst“). Versuchst du in deiner Musik sozusagen den Halt im Kleinen zu finden, während die Außenwelt immer verrückter zu spielen scheint?
Die Korrelation zwischen Pop-Songs und Nachrichten ist für mich keine unmittelbare. So kalkuliert gehe ich beim Musikmachen auch nicht vor. Ich schreibe einfach über die Dinge, die mich beschäftigen. Da kann auch mal ein Lied über den Ukraine-Krieg dabei herauskommen wie „März“ von meinem Album „Supervision“. Aber die meisten meiner Songs haben eben keine direkte politische Botschaft. Sie sind aber auch nicht grundsätzlich unpolitisch. Das Politische findet sich bei mir oft in Mikrobeobachtungen oder kurzen Nebensätzen.
Vor zehn Jahren hatten Musiker wie du, Tim Bendzko, Andreas Bourani, Max Giesinger gewissermaßen die Weltherrschaft. Mittlerweile läuft deutsche Popmusik deutlich weniger im Radio. Wie erklärst du dir das?
Die Weltherrschaft haben jetzt diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die auf Englisch singen. Die Radiostationen sagen, deutsche Songs kämen beim Publikum nicht so gut an. Also die rufen bei Leuten an und fragen zum Beispiel „Willst du ,Tau mich auf’ von Zartmann hören?“, die Leute sagen „nö“, und dann spielen sie das im Radio halt nicht. Mir ist unklar, warum das so ist. Eine Zeit lang habe ich auch bewusst keine Lieder mehr fürs Radio gemacht, sondern eher etwas coolere Produktionen fürs Internet. Erst bei „Ein Lied“ habe ich mich hingesetzt und überlegt, was denn 2026 im Radio laufen könnte. Und irgendwie läuft der Song gerade tatsächlich richtig gut.
Wie hast du selbst dich verändert? Was machst du mit 43, was du mit 33 niemals getan hättest?
Das ganze Gesundheitsthema ist etwas, das wichtig in meinem Leben geworden ist. Ich trinke keinen Alkohol mehr. Ich finde es geil, vor 22 Uhr im Bett zu sein. Auch Lesen wird für mich immer wichtiger.
Was liest du?
Ich liebe Sachbücher. Gerade bin ich sehr im Thema Glauben und Bibel drin. Ich habe ein Wahnsinnsinteresse für diese Fragen entwickelt, die ich – mit meiner katholischen Erziehung – früher im Leben immer heftig abgelehnt hatte.
Wie kommt das?
Ich habe gelesen, dass Spiritualität gesund ist. Und da ich eben sehr auf die Gesundheit achte, die körperliche wie die geistige, dachte ich, dann beschäftigte ich mich mit dem Glauben. Ganz egal auch, mit welchen. Ist ja auch wirklich egal, ob man Christ, Moslem, Jude, Buddhist oder sonst was ist, Hauptsache man hat irgendwas, woran man sich festhalten kann. Und jetzt lese ich mich da eben gründlich ein.
Du liegst also abends um 9 im Bett und liest in der Bibel?
So ist es. Wobei ich eher Bücher über die Bibel lese. Oder über christliche Legenden wie den Heiligen Franziskus. Das ist ehrlich gesagt ein richtiges Hobby geworden. Das ist beides: entspannend und anregend.
Was hast du bei deinen Recherchen über ein gesundes Leben sonst noch rausgefunden?
Zwei Dinge sind ganz einfach zu erreichen: Keinen Alkohol trinken und auf genügend Schlaf achten. Wenn du das beherzigst, bist du schon auf einem sehr guten Weg.
Wir haben schon kurz angesprochen, dass du im Moment kein Album planst, sondern lieber einen Song nach dem anderen rausbringst. Ist das Album als Kunstform ein Fall für die Geschichtsbücher?
Das will und kann ich noch nicht beantworten. Zumindest mir geht es aber so, dass ich beim Streaming praktisch gar kein Album mehr komplett durchhöre. Erst recht kein Neues. Bewusst eine Vinylplatte aufzulegen und anzuhören, das mache ich eher mit den Platten, die ich eh schon lange habe, Platten wie „Rumours“ von Fleetwood Mac. Und daher fände ich es gerade nicht richtig, selbst ein Album rauszubringen.
Aber wenigstens deine Konzerte spielst du noch auf die traditionelle Art und Weise.
Und wie! Ich habe eine fantastische Band, und alles, was man hört, spielen wir live ohne Zuspieler. Mittlerweile habe ich sogar zwei Professoren in meiner Band. Also, die spielen da schon immer, aber jetzt sind sie eben auch Professoren. Ich kann nur sagen: Die Shows werden groß. Wir alle haben wahnsinnig viel Bock drauf.
Zur Person
Mark Forster wurde als Mark Ćwiertnia vor 43 Jahren in Kaiserslautern geboren, aufgewachsen ist er in Winnweiler. Seine Hits heißen „Chöre“, „Übermorgen“ oder „Sowieso“, Diese Woche lief die neue Staffel „Sing meinen Song“ (Vox) mit ihm an. Forster lebt heute mit Frau – Kollegin Lena Meyer-Landrut – und Sohn in Berlin. Seine Konzerte von 23. bis 25. April im Irish House sind ausverkauft. Karten gibt es noch für die Konzerte am 25. Juli in Dillingen/Saar beim Lokschuppen-Open Air und 4. September in Koblenz am Deutschen Eck.