Nationaltheater
Mannheim: „Wilhelm Tell“ bei den Schillertagen
Am Anfang blöken Schafe, und am Ende blöken Schafe. Nur, am Anfang sollen die Laute der friedlichen Tiere die Atmosphäre der von Schiller als Idyll vorgesehenen Eingangsszene unterstreichen. Am Ende hingegen verdrängen die Laute der als dumm verschrienen Herdentiere immer leiser verklingende Freiheitsrufe, bis der Ruf der Menge „Heil dem Retter von uns allen!“ in hemmungsloses Blöken übergeht. In Jan Neumanns Inszenierung des „Wilhelm Tell“ ist nicht nur die Erfahrung der Hitler-Diktatur eingeflossen, sondern auch die jüngste Erfahrung mit der Trump-Hysterie in den USA. Überall bröckelt es im Haus der Demokratie, überall zeigen sich Risse im Schutzpanzer der Menschenrechte. Schillers Zukunftsoptimismus ist Ernüchterung gewichen.
Der Freiheitsheld taugt nicht mehr als Vorbild
Jan Neumanns Inszenierung des Nationaldramas der Deutschen mit Gesang und Alphornmusik, aber ohne jeglichen volkstümelnden Kitsch und vor dem nüchternen Bühnenbild Oliver Helfs war Anfang Februar 2019 vorgesehen als Beitrag zu den Jubiläumsfeierlichkeiten „Hundert Jahre Weimarer Nationalversammlung“, und Neumann gehörte als Regisseur der Inszenierung zu den drei Nominierten des für herausragende Aufführungen verliehenen Theaterpreises „Der Faust“. Das Mannheimer Nationaltheater hat nun zum Abschluss der Schillertage eine eigentlich nur für den Hausgebrauch bestimmte Aufzeichnung – die Produktion wird in Weimar nach der Pandemie erst wieder im September gespielt – als Stream gezeigt. Die starre Kameraeinstellung, der Minibildschirm und vor allem die schlechte Tonqualität führte zu manchen erbosten Kommentaren im Chatroom. Doch vielleicht war die Kleinheit selbst solch überragender Freiheitshelden wie Wilhelm Tell und die schlechte Verständlichkeit der von Schillerschem Pathos gesättigten Verse ja symptomatisch für die Wandlung, die das Stück im Laufe der Zeit durchgemacht hat.
Dass der Hausregisseur des Weimarer Nationaltheaters nicht gewillt ist, eine unreflektierte Adaption des Klassikerstoffs vorzulegen, macht er gleich mit einem dem Stück vorgeschalteten eigenen Prolog klar. Da albern zwei als Äpfel kostümierte Schauspieler auf Schwyzerdütsch über Apfelsorten, über die Herkunft der Frucht aus Asien und den Ursprung der Demokratie im alten Griechenland, um schließlich eine Flut von Sprichwörtern herauszusprudeln: „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“ , „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, „Früh übt sich, was ein Meister werden will“, um nur einige wenige zu nennen.
Wenn zwei Äpfel miteinander plaudern
Aus keinem anderen Schauspiel als dem um den legendären Schweizer Nationalhelden, der mit einem Schuss aus seiner Armbrust einen Apfel vom Kopf seines kleinen Sohnes schießt und bald darauf seinen Peiniger, den Landvogt Gessler, damit niederstreckt („Durch diese hohle Gasse muss er kommen“), haben sich die Deutschen so sehr für ihren Sprichwortschatz bedient. Vom berühmten Rütli-Schwur „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern“ distanziert sich die Inszenierung ironisch, indem sie Pfadfindergesetz und NVA-Eid mit ihm vermengt. Der Gessler-Hut, den zu grüßen die Untertanen Gehorsam lehren soll, ist bei Neumann eine knallrote Trump-Kappe, und der Tyrann Gessler ist nicht nur eine Person, sondern eins, zwei, drei, ganz viele, erkennbar an den roten Kappen.
Unterdrückung und Demokratiegefährdung gehen eben nicht (mehr) von einem Einzelnen aus. Schon die antiken Weisen wussten ja, dass Volksherrschaft zu Pöbelherrschaft entartet, um in despotische Alleinherrschaft zu münden. Auch vereint der Regisseur zum Schluss den Tyrannenmörder Tell und den Kaisermörder Johannes Parricida, an deren säuberlicher Trennung Schiller gelegen war, um hehre idealistische Motive gegen niedere egoistische abzugrenzen, in einer Person. So zeugen beide, Schillers Stück von 1804 und seine jüngste Bearbeitung, von einer Zeit des Umbruchs: „Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte,/Das Würd’ge scheidet, andre Zeiten kommen.“