Kultur „Malen heißt Schmerz fressen“
Geht das? Herzbrecherei mit Bildern, nichts darauf als Streifen, Rechtecke, Quadrate. An den Rändern blitzt es und glimmt durchscheinend. Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt das Werk des irisch-US-amerikanischen Minimalismus-Berserkers Sean Scully. Ein Kunst-Weltstar, der feinsinnige Bücher schreibt und unter anderem im oberbayerischen Moosreurach lebt. Blick-infizierende abstrakte Kunst für gefühlvolle Emphatiker ist zu sehen. Aufgeladene Gemälde hängen, die nur einigermaßen Ordnung halten – und melancholisch glühen. „Vita Duplex“ ist die Schau überschrieben.
Im Film von Hans A. Guttner, der in Karlsruhe läuft, tigert Sean Scully durchs Atelier. Plackt kurz mit einem breiten Anstreicherutensil etwas auf die übermannshohe Leinwand, die gekippt an der Wand hängt. Er kratzt auf ihr herum. Dann treibt es ihn in die Distanz. Er schaut auf sein Werk, duckt sich, glotzt, biegt und beugt sich. Dann sinniert er. Ein fast zwei Meter großer Kerl mit Glatze und Gangstergesicht in Jeans und fleckigem Unterhemd, der malt, als würde er in einem Bergwerk arbeiten. Und zwischendurch geistert er, ein filmischer Trick, als Karatekämpfer durchs Bild. Er trägt den schwarzen Gürtel. Im Hintergrund läuft ständig Musik von Scullys Freund Bono, von U2. „Kunst muss sein“, ist, frei übersetzt, Guttners Film übertitelt. Ist so, wenn man ein Herz hat. Vor Sean Scullys mehr oder weniger vergitterten Bildern stehen, insbesondere den sechs, sieben Quadratmeter großen, heißt: irritiert sein. Unter anderem von dem Paradox, dass sie übersichtlich aussehen und vieldeutig strahlen. Die Farben, leicht schmutzig wirkendes Rot, Braun, Ocker, Grau und Schwarz meist, hemdsärmelig aufgetragen, scheinen Wärme abzugeben. Rechtecke glimmen höchstpersönlich und ganz erfüllt. Streifen tanzen, Blöcke haben den Blues. Und Furchen. Dann wieder sind Bahnen spiegelglatt. Mehrere Schichten schimmern diaphan an den unsauber gemalten Rändern durch. Scheinbar aus einer anderen Welt. Was für Archäo- und Theologen. Scully Bilder jedenfalls sind unmöglich. Abstrakt. Und nicht. In manche Gemälde sind auch kleinere Bilder in handfest aus der Leinwand geschnittene Felder eingeblockt. Sie treten wie Figuren auf. Rund 140 Arbeiten aus den Jahren 1964 bis 2017 zeigt die von der kunsthistorisch-literaturkritisch doppelbegabten Kuratorin Claudia Voigt eingerichtete Karlsruher Schau: Gemälde (Acryl und Öl auf Leinwand oder Alu), Pastelle, Zeichnungen, Skizzenbücher, Druckgrafiken auf Papier. Dazu Fotos auf Alu-Dibond, die abgeblätterte Hauswände zeigen. Oder Mauern aus geschichteten Steinen. Offensichtliche Herkunftsorte von Scully Kunst. Ein hochinfektiöses Werk für diejenigen ist hier zu sehen, die es näher an sich heranlassen. Lediglich live richtig zu erleben. Eigenwilliger Typ, dieser Sean Scully, bäriger Feingeist aus Dublin, im Londoner Arbeitermilieu groß geworden, Jahrgang 1945, sein Vater hausierender Friseur, er, Sean, mit Kleinkriminellenhintergrund. Druckerlehre, erst nur Absagen, dann Studium am Croydon College und der Uni in Newcastle. Erleuchtet von einem Trip nach Marokko, 1969. Das Licht dort, das Leben. Seither plündert der tatenlos gescheiterte Bankräuber das unerschöpfliche Repertoire, das die Kombination aus Streifen, Rechtecken und Quadraten anzubieten hat. 1975 wechselte er nach New York, ein Künstler der sich mit Bauarbeiterjobs durchschlug. Seit 1983 ist er US-Bürger. Im gleichen Jahr starb sein Sohn bei einem Verkehrsunfall. Seiner großen Liebe, der Malerin Catherine Lee, widmete er Bild um Bild. Später Scheidung. Neu verliebt in die Schweizerin Liliane Tomasko, eine ehemaligen Studentin. Mit ihr hat er einen kleinen Sohn. Warum ist das alles so wichtig? Sein schmerzerfülltes glückliches Leben voller Kummer und Liebe. Wieso spielt es eine Rolle. dass seine sprechend betitelten Schlachtengemälde geometrisch gezügelter großer Gefühle über eine Million Euro kosten? Und er flucht wie ein Dockarbeiter und gleichzeitig einfühlsam wie kaum jemand sonst, über Mark Rothko und fernöstliche Philosophie schreibt? Dass Boxen und Malen sich für ihn gleichen. Dass er Ateliers hat unter anderem in Barcelona, Oberbayern, im Berliner Stadtbezirk Reinickendorf, New York und dort in der Nähe. Außerdem Van Goghs verzweifelte Leidenschaft mag, die Graustufen Manets, die Würde von Velazquez, den Rhythmus von Matisse. Zudem deutschen und den Abstrakten Expressionismus, Mondrian, Morandi und Pollock. Zu viel Information? Er sagt es selbst, Gemälde sind für ihn „Verkörperungen menschlichen Handelns, Fühlens und Denkens“. Ein Zwischending aus Instinkt und Intention, Erfahrung und Expressivität, von Da-Sein durchflossen, nass auf nass gemalt, gemacht mit einem wuchtigen Körper, nicht nur ausgedacht. Und das merkt man halt. „Malen heißt Schmerz fressen“, hieß es bei ihm früher einmal. Und ein Werk wie „Durango“ aus dem Jahr ist ganz davon erfüllt. Und von der unwiderstehlichen Melancholie, die Scully so wichtig ist. Ein Klopper ist das Bild, 2,90 mal 4,60 Meter groß, darauf vertikal und horizontal ineinander verschränkte Blöcke aus schmalen, rechteckigen Flecken in Schwarz und einem Weiß mit Violettstich. Bei dem wildbewegten Scully haben Farben und Werk Atem, innere Bewegung, Leben, eine Stimmung, die beim Auftürmen immer neuer Schichten entsteht, beim Addieren und Revidieren. Eine Spannung, durch Rhythmus getriggert, Nähe und Ferne, hell und dunkel, Symmetrie und Asymmetrie, Wiederholung und Abweichung, Trance und Ekstase, Augenblick und Ewigkeit. „Vita Duplex“, damit sind Scullys Leben als pathetischer Minimalist beschrieben und all seine Ambivalenzen beschrieben. Das gleichnamige Bild aus dem Jahr 1993 ist eine: gemalte Erlebniswelt aus horizontal/vertikal übereinander gestaffelten schwarzen und weißen schmalen Feldern. Eine Säule aus ocker- und kühlblaufarbenen Quadraten als Störfaktor und Scharnier. Eine vielfältige Dialektik bestimme das Werk schrieb Armin Zweite, der frühere Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen einmal über eine Arbeit von Scully. Sie sei ein Signum unentfremdeten Daseins im urbanen Milieu einer durchrationalisierten Welt. Vielleicht auch Widerstand. Sie sehen, vor Scullys Schaubühnen der Emotionen geraten Betrachter/innen leicht ins Schwärmen. Aber fühlen Sie es doch selbst.