Kultur Maestro im besten Sinne des Wortes
Im ersten Sinfoniekonzert der laufenden Saison im Ludwigshafener Feierabendhaus begegneten sich auf dem Podium die Protagonisten der Künstlerporträt-Programme der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und der BASF. Beide – der englische Dirigent Michael Francis, den die Staatsphilharmonie in 15 Konzerten vorstellt, und der gebürtige Münchner Andreas Martin Hofmeir, Tubavirtuose, Kabarettist und Entertainer, Titelheld des BASF-Projekts – wussten unverwechselbare Akzente zu setzen.
Zunächst zum wesentlich durch spektakuläre Wirkungen bestimmten ersten Teil des Abends. Den Auftakt gab Janáceks Rhapsodie für Orchester „Taras Bulba“ nach einer Novelle von Nikolaj Gogol, gefolgt von Andreas Martin Hofmeirs äußerst bravourösem Virtuosenauftritt mit Concerto Nr. 1 für Tuba und Orchester des Münchner Komponisten und Kirchenmusikers Jörg Duda. Janáceks während des Ersten Weltkriegs entstandene Orchesterrhapsodie, die tönende Umsetzung von Nikolaj Gogols gleichnamiger Novelle über den Kampf und den Tod des Kosakenhauptmanns Taras Bulba und seiner drei Söhne im Unabhängigkeitskrieg gegen die polnischen Besatzer, stellt ein flammendes Bekenntnis zum Slawentum dar. In seiner patriotischen Begeisterung mobilisierte Janácek sämtliche großorchestralen Mittel. Das (massiv) klingende Ergebnis bildet ein, wenn man will, fraglos imponierendes, aber vordergründig plakatives Effektstück mit gigantischen Toneruptionen. Mit Sicherheit lässt sich die große Bedeutung des Komponisten Janácek kaum hoch genug einschätzen. Zur Demonstration dieser unbestreitbaren Tatsache eignen sich allerdings zahlreiche andere Stücke aus seinem Œuvre besser als „Taras Bulba“. Immerhin erfuhr aber die Rhapsodie kompakte, eindrucksvolle Darstellung durch die Staatsphilharmonie unter Francis` anregender Leitung. Anschließend gab es Instrumentalakrobatik in Reinkultur zu erleben. Hofmeir, ein Magier der Tuba, hat das Instrument aus der brummenden Bassregion des Sinfonieorchesters befreit, ihm mit absolut verblüffender Bravour ganz unerwartete spielerische Möglichkeiten erschlossen und seine Klangpalette durch sanglich geschmeidige Töne bereichert. Nach Jörg Dudas für Hofmeir geschriebenem, moderne Stilmittel konsequent meidendem Konzert erklangen als Zugabe ein Stück für Tuba, Kammerorchester und Jazzpiano des ungarischen Tubisten Roland Szentpáli und ein weiterer, improvisatorisch anmutender Beitrag Hofmeirs. Nicht zu vergessen schließlich dessen humorvolle, stellenweise ausgesprochen geistreichen, das Publikum bei bester Laune haltenden Wortbeiträge. Seine Entertainerqualitäten sind fraglos bemerkenswert. Auf die Gefahr hin, dass es konservativ klingt, sei behauptet, dass der Höhepunkt des Konzerts im zweiten Teil folgte, nachdem zuvor die Sphäre der unterhaltenden Gattung leicht gestreift worden war. Die Aufführung von Dvoráks neunter Sinfonie (e-Moll, „Aus der neuen Welt“) stand im Zeichen außergewöhnlich hoher künstlerischer Maßstäbe. Michael Francis profilierte sich dabei als Maestro im besten Sinne des Wortes, mit großem Überblick über die Abläufe und Strukturen, höchst ausgeprägter gestalterischer Fantasie und feinem Detailgespür. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit, jedes noch so kleines Detail erhielt sein eigenes Profil. Die Musik, sprach, atmete und sang. Die Zuhörer waren gebannt durch die Intensität der Klangrede, die aufregenden Steigerungen, die grandiosen Höhepunkte, die anrührenden Lyrismen (zweiter Satz!) und auch die Akribie und die vielen Feinheiten der Darstellung. Die Staatsphilharmonie spielte wie entfesselt, gleichsam im Rausch, beeindruckte zudem durch kostbare Solobeiträge und feierte zum Schluss enthusiastisch den Dirigenten. Darf von einer Sternstunde die Rede sein?