Kultur
Lola sprengt!
Helena sitzt im ärmellosen schwarzen Glitzerkleid in der heimischen Küche in Berlin-Friedrichshain und schreit vor Freude. Sie bekommt den Preis als beste Hauptdarstellerin. Der Stuhl neben ihr ist frei, das macht die Leere deutlich, die immer wieder den ganzen Abend zu spüren ist, wenn per Videoschalte die Nominierten und Preisträger in den Fokus rücken.
Dass die elfjährige Helena Zengel den Preis bekommt, ahnte Edin Hasanovic schon vorher. Der Schauspieler moderierte die Zweieinhalb-Stunden-Nichtgala und flachste über „Systemsprenger“ von 2019, als bester Film nominiert: „Die Geschichte eines Mädchens, das in die Zukunft sehen kann: Ein kleines Mädchen, das um jeden Preis zu Hause bleiben will, viel Abstand zu Fremden einhält und sofort losbrüllt, wenn ihr einer ins Gesicht fasst.“
Die Regisseurin des Films, Nora Fingscheidt – aus Vancouver zugeschaltet mit grauen Hochhäusern im Fenster hinter ihr und einem Strauß roter Sonnenblumen vor ihr – strahlte einsam, aber glücklich, als sie erst den Drehbuchpreis und später den Regiepreis bekam. Sogar länger als gewollt, erst brach der Ton weg, dann fror das Bild ein – zum einzigen Mal bei dieser Verleihung, die man frei nach Werner Herzog zusammenfassen könnte als „Jeder für sich und Corona gegen alle“.
105-mal wurden eingeblendet: die Nominierten, die Preisträger, die Laudatoren. Fünf große Leinwände standen im 15-Meter-Radius um Hasanovic, der sich durch ein ziemlich leeres Studio in Berlin-Adlershof tanzte statt wie üblich vor 3000 Gästen im Palais am Funkturm. Keine Umarmungen, kein Applaus.
Edgar Reitz ist Profi – sogar im Homeoffice
Edgar Reitz (87) bekam den Ehrenpreis. Ein absoluter Profi, auch hier: Er saß zu Hause in München, vor blauem Hintergrund, perfekt ausgeleuchtet, mit Blumenstrauß und Sektflasche links im Hintergrund. Er lächelte sogar, und als er seine Frau Salome Kammer (die Clarissa aus „Heimat“) umarmte und mit ihr anstieß auf das Kino, war das ein bisschen so, als würde er mit uns allen anstoßen.
Auch wenn weniger Etablierte nominiert waren als sonst: Es war ein Rennen zwischen der ins Heute katapultierten dreistündigen Literaturverfilmung „Berlin Alexanderplatz“, die bei der Berlinale lief, aber wegen Corona noch nicht im Kino, und eben „Systemsprenger“ mit dem Mädchen, das wirklich alles sprengt. „Alexanderplatz“ bekam nur fünf Preise, darunter die Lola in Silber als zweitbester Film. Das Bindeglied war Albrecht Schuh, der die Lola für den besten Nebendarsteller in „Alexanderplatz“ und den besten Hauptdarsteller im „Systemspringer“ erhielt.
Preisverleihung mit Telefonzelle
Doch am spannendsten war diesmal die ungewöhnliche Inszenierung der Preisverleihung selbst (meisterhaft wie Hasanovic: Regisseurin Sherry Hormann). Außer einer alten gelben Telefonzelle, einem gelben Doppelbriefkasten (da waren die Umschläge mit den Preisträgernamen drin), einem Tisch mit den Lolas und dem Pult des DJs, der das übliche Orchester ersetzte, sah man wenig. Einige Laudatoren waren dann doch im Studio: so Roland Zehrfeld, der auf dem Motorrad einfuhr. Langeweile kam nicht auf, Hasanovic agierte souverän zwischen Ernst und Unterhaltung. „Gerade in Zeiten des Abstandhaltens und Zu-Hause-Bleiben-Müssens holen uns Filme heraus aus der Enge unserer Wohnung und bringen uns in Fühlung mit anderen Menschen“, lobte Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Sie verkündete im Studio die Hauptpreise, zusammen mit Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes, der es auf den Punkt brachte: „Vergesst die Kultur nicht, die Künste sind auch Lebensmittel.“ So war die Verleihung trotz öfter scheppernden Tons auch Kunst. Schade: Noch (?) wurde sie nicht in die ARD-Mediathek gestellt.
Lola-Lieblinge im Überblick
„Systemsprenger“: Bester Film (Gold), Regie (Nora Fingscheidt), Drehbuch (Fingscheidt), Hauptdarstellerin (Helena Zengel), Hauptdarsteller (Albrecht Schuch), Nebendarstellerin (Gabriela Maria Scheide), Schnitt (Stephan Bechinger, Julia Kovalenko), Ton (Corinna Zink, Jonathan Schorr, Dominik Leute, Oscar Stiebitz, Gregor Bonse).
„Berlin Alexanderplatz“: Bester Film (Silber), Nebendarsteller (Albrecht Schuch), Kamera (Yoshi Heimrath), Musik (Dascha Dauenhauer), Szenenbild (Silke Buhr).
Und sonst: Bester Spielfilm: „Es gilt das gesprochene Wort (Bronze), Kinderfilm: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, Dokumentarfilm: „Born in Evin“, besucherstärkster Film „Das perfekte Geheimnis“, Kostüm: „Lindenberg! Mach Dein Ding!“, Maske: „Lindenberg! Mach Dein Ding!“, Visuelle Effekte: „Die Känguru-Chroniken“, Ehrenpreis: Edgar Reitz.
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