Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Literaturfest „lesen.hören“: So war die Eröffnung

Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe.
Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe.

„Im Schock hilft immer – immer! – die Literatur“, schrieb Nils Minkmar gestern in der „Süddeutschen Zeitung“ flehentlich. Das Aufwachen am Donnerstag in einer anderen Welt. Putins Überfall auf die Ukraine. Der Liveticker taktet den Tag. Am Abend dann wurde das Mannheimer Literaturfest lesen.hören mit Felicitas Hoppes Neuschreibung eines europäischen Untergangsszenarios in der Alten Feuerwache eröffnet.

„Von weinen und vom klagen/ von küener recken striten muget ir nu wunder hoeren / sagen“: Das Nibelungenlied ist ein toxischer Stoff aus dem 13. Jahrhundert. Insa Wilke, Mannheims Berliner Programmleiterin auf der Bühne, war sichtlich zerrissen. Zwischen stiller Freude, jetzt ein 18-tägiges Fest zu feiern, endlich. Und sie anfassenden Gedanken über den Krieg und uns Menschen und was kommt. Trotzdem lachen? Wilke zitierte Nadia Nashir, die Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins, die demnächst in die Alte Feuerwache kommt, mit dem Gedanken, dass bloßes Mitfühlen auch lähmen kann.

Die Büchnerpreisträgerin und die Nibelungen

Sie trug einen Hosenanzug im Blau der ukrainischen Flagge und zitierte Ossip Mandelstams Rat, die Angst einfach „an die Hand“ zu nehmen. Dann ging es um einen Goldschatz, um Gewalt, Mord und Tod, die Treue zur Sippe, Gefolgschaft. Einen nationalistischen Sehnsuchtstraum, der immer wieder vereinnahmt worden ist. „Feld- und Zeltpoesie“, mit der man „Armeen aus dem Boden stampfen“ kann, „wenn es den Verwüstern des Reichs, den gallischen Mordbrennern, der römischen Anmaßung zu wehren gilt“, wie schon Karl Simmrock wusste, der das Nibelungenlied 1827 aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt hat. In Mannheim spielte Matthias Bergmann, der Solocellist des Pfalztheaterorchesters, jetzt Bachs Suite Nr. 4 Es-Dur für Violoncello solo. Birgitta Assheuer, Sprecherin beim Rundfunk und laut Insa Wilke mit einem „Fledermausgehör für Zwischentöne“ begabt, las Passagen des Nibelungentexts im mittelhochdeutschen Original tatsächlich wunderschön. An fing’s mit der „vil edel magedin“ in „Burgonden“: Kriemhild, bei Felicitas Hoppe ist sie 1996 in Klagenfurt geboren „und langfristig in Trauer“ gefangen. Die 2012 ausgezeichnete Büchnerpreisträgerin hat den Helden-Mythos mit dem Furor der Sprach- und Verständniskünstlerin gesprengt und zu einem bewegt-beweglichen Sprachkunst- und Ideenfeuerwerk umgeschrieben.

Lieber Hagen als Putin

Das Epos, ein Grundgerüst; in der wuchernden Handlung wird eine ausgedachte Aufführung der Wormser Nibelungen-Festspiele geschildert. In den Pausen finden Befragungen der Schauspieler statt. Kein Ort ist zeitlich, räumlich oder erzählerisch begrenzt. Die kurzen Anreißer in einem schwarzen Kasten, wenn eine neue Szene beginnt, sind eine Referenz an die Filmgeschichte und Fritz Lang. „Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm“ heißt Hoppes Roman im Ganzen. Wie Hoppe in ihrem Abspann schreibt, hat sie außerdem Quentin Tarantino („Kill Bill“) die Dramaturgie ihres Textes zu verdanken. Die Nibelungen erscheinen im neuen Licht. Im Gespräch der beiden gescheiten Frauen Hoppe und Wilke darüber ging’s fortan um Glück und Geld, starke, lächerliche Helden, Geständnisse. Um Zorn, eine Figur, die Felicitas Hoppe sehr wichtig ist. Um Angst, um Trauer. Einen Laiendarsteller, der den Tod spielt. Vor allem um Hagen ging’s, den Siegfried-Mörder, bei Hoppe Bestatter von Beruf und ein Mann „wie ein Pfosten“. Wilke gestand, sie sei als Kind in seine Kinderbuchversion verliebt gewesen, und fragte dann beinahe unvermeidlich, ob es Parallelen gäbe, zwischen ihm und Putin. Wie ein rosa Elefant stand der schreckliche Mann in der Alten Feuerwache. Und Hoppe sprach: „Hagen ist mir 1000 Mal sympathischer“. Sie sagte den erstaunlichen, bedenkenswerten Satz: „Jeder Schriftsteller ist ein Kriegsgewinnler.“

Warten auf ukrainische Volkshelden

Dann wurde noch beredet, was die Literatur kann, laut Hoppe ein „Vorhof“ des Lebens, der dieses selbstredend nicht ersetzen kann. „Die Literatur weiß, wie komplex das Leben ist“, hieß es. Zum Beweis sollten alle, sagte Wilke – bevor noch einmal Mittelhochdeutsch erklang und die Musik spielte – den Roman „Blauwal der Erinnerung“ der ukrainischen Bachmannpreisträgerin Tanja Maljartschuk lesen, der die Geschichte des vergessenen ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynsky erzählt. Band eins soll er sein einer imaginären ukrainischen Bibliothek, die Wilke am Ende aus den Tipps aller lesen.hören-Beteiligten etablieren will. Wird’s denn helfen? Immer!

Infos

Alles über lesen.hören. Unter www.altefeuerwache.de, Telefon 06212939281.

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