Kultur Literarisches Sextett
, Einfamilienhäuser-Gegend, Muster-Vorgärten, alteingesessene Nachkriegs-Bürgerlichkeit. Irmtrud Dorweiler empfängt ihren Gast pfälzisch herzlich. Ihr Mann grüßt kurz und geht seiner Wege, die ihn zunächst eine Treppe hoch führen. Damenabend. Die anderen kommen gleich. Alle zwischen 71 und 89 Jahre alt. Die Frauen des Lesekreises „Die Literatten“ treffen sich alle sechs Wochen reihum, um über Bücher zu reden. Heute im Hause Dorweiler eben. Sie gehören zur die Kultur tragenden Schicht. Es ist doch so, schaut man sich mal um, egal wo, ob im Theater, beim Klassik-Konzert, in Ausstellungen, bei den meisten Lesungen, das Publikum besteht in der Mehrzahl aus, na ja, Frauen mindestens 50 plus. Die Männer: oft Anhängsel. Der jüngere Rest bleibt fern und online. Irmtrud Dorweiler hat den Tisch im Ess- und Wohnzimmer zur Feier des Tages beinahe festlich gedeckt. Der Blick fällt auf eine Lesecke für zwei. Frau Dorweiler war früher Religionslehrerin. Immer noch führt sie Touristen durch Speyer. Sie hält Vorträge. Sie pflegt mit Herzblut ihren Dialekt. Geboren ist sie kriegsbedingt 1942 in Halle an der Saale. Es klingelt. Die anderen treffen ein. Anita Blohm, der erwachsenen Kinder wegen aus Hamburg zugezogen, hanseatisch gebliebene Pfälzerin. Elke Hensen kam 1975 aus Nordrhein-Westfalen, war erst Bankkauffrau, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete dann „im Büro“, wie sie sagt. Auch Brunhild Steyer, früher Sozialpädagogin, hat eine innerdeutsche Wanderungsbewegung hinter sich. Dito Ute Markert, Ex-Technische Zeichnerin, ihr Mann ist Chemiker gewesen. Tatsächlich hat bei fünf von sechs Teilnehmerinnen der Zuzug in die Pfalz einen BASF-Hintergrund. Inge Beckmann aus Kühlungsborn in Mecklenburg-Vorpommern, mit 89 die Seniorin der Runde, ist ihren bei dem Unternehmen beschäftigten Kindern hinterhergezogen. So trifft sich seit vielen Jahren hier ganz Deutschland zum literarischen Sextett. Alle sagen, bei ihnen stimme die Chemie. Alle erzählen von ihrer frühkindlich begonnen Leserinnenkarrieren. Alkoholfreier Rosé-Sekt wird ausgeschenkt. Es gibt Häppchen. Die Damen kramen pflichtbewusst ihre Stoff-Handpuppen hervor. Alle die gleichen. Irmtrud Dorweiler hat das Modell bei einem Besuch in London entdeckt. Eine Ratte mit weißem Schwanz. Wer sie vergisst, muss Strafe zahlen. Die Kasse steht auf dem Tisch. So oder ähnlich wie jetzt hier geht es wohl überall in Lesekreisen zu. Sie stellen so etwas wie ein bodenständiges Mittelding dar. Sind die Vorläufer des sogenannten Shared Readings, das gerade so en vogue ist, und bei dem man sich trifft, um angeleitet von einem Moderator anhand der Literatur über sich zu sprechen – wie in einer Art sanften Therapiesitzung. Sie stehen in der guten alten deutschen Tradition des literarischen Salons. So luden in Berlin um 1800 Damen, die berühmteste Rahel Levin, später verheiratete Varnhagen von Ense, regelmäßig zu Tee und Schnittchen, um das geistige und kulturelle Leben zu pflegen. Die gemeinschaftliche Bildung ist damals so etwas wie das neue Ideal gewesen. 1792 definierte der Philosoph und Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt: „Der wahre Zweck des Menschen ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Dies könne nur im Wechselspiel mit der Umwelt erreicht werden. Jeder Einzelne müsse sich immerfort und zum Guten von Gesellschaft und Nation „den Reichtum des anderen“ zu Eigen machen. In Schifferstadt erzählt Anita Blohm von ihrer Freundin aus Israel, wo das erste Buch auf der Agenda der Literatten spielt. Die Autorin Susan Abulhawa ist in Kuwait geboren, das Kind palästinensischer Flüchtlinge. Sie wuchs in Jordanien und Jerusalem auf, bevor sie als Teenager in die USA ging. In „Während die Welt schlief“ schreibt sie von Amal, im Flüchtlingslager in Jenin im Westjordanland geboren, die Nachfahrin von Olivenbauern aus En Hod. Amal erlebt Kriege, Gewalt und Verlust. Aber auch Gemeinschaft und Liebe unter den Vertriebenen. Die Heimat ihrer Vorväter lernt sie nie kennen. Susan Abulhawa führt Amals Familienschicksal und das von Israel und Palästina eng. Die Literatten rücken auf ihre Stuhlkanten. Sie scheinen von dem Bestseller ernsthaft mitgenommen, der auf Deutsch 2012 erschienen ist. „Ich konnte fast nicht weiterlesen“, heißt es. Inge Beckmann sagt: „Danach konnte ich nicht schlafen.“ Sie habe sich nur noch morgens über das Buch gebeugt. Schnell ist Israel ein Thema, als Fehlkonstruktion. All der Hass dort. Das Schicksal der Juden. Das Schicksal der Palästinenser. Und wie alles zusammenhängt. Letztlich auch mit einem selbst. Und plötzlich herrscht für einen Moment Übersicht, eine Stimmung wie im Salon, dann fühlt man sich in eine Shared-Reading-Sitzung versetzt. Anita Blohm schildert die Lebensumstände ihrer unglücklichen israelischen Freundin. „Ich bin anderer Meinung“, sagt jemand, als die These aufkommt, gemeine palästinensische Kriminelle schürten den Konflikt. „Es reißt einem hin und her bei dem Thema“, der Satz ist so etwas wie der Refrain der Diskussion. Schließlich sind sich wieder alle einig, wie gut das Buch geschrieben ist, das sie gelesen haben. „Fantastisch“, das Wort fällt. „Bereichernd.“ Sie hätten eine Menge über die unterschiedlichen Mentalitäten gelernt, sagen sie sich einander freien Herzens. Dann bittet Irmtrud Dorweiler, bei den Canapés zuzugreifen. Der Gast derweil hat Fragen. Wie zum Beispiel wählen sie die zu besprechenden Bücher aus? Abwechselnd wird vorgeschlagen. Fast gleichzeitig kramen Irmtrud Dorweiler und Anita Blohm ihre Ordner heraus. Sorgsam, mit Datum und Kommentar, ist ihre Lektüre dort aufgelistet. Die Liste geht zurück bis ins Jahr 2006. Am 27. November, Ute gab den Hinweis, wurde über Orhan Pamuks „Schnee“ diskutiert. Am 18. Mai 2010 hat Inge Pamuks Liternaturnobelpreisträgerkollege Jean-Marie Gustave Le Clézio und seinen Roman „Fliehender Stern“ ins Spiel gebracht. Am 1. September 2015 war Arno Geigers Vaterbuch „Der alte König in seinem Exil“ auf Wunsch von Brunhild auf dem Tapet. Querbeet geht die Auswahl, von Tschingis Aitmatow (Elke), über Erich Kästner bis hin zu Sachbüchern über Indonesien und den Schifferstadter Autor Ernst Johann (Irmtrud). Zwischendurch sind gemeinsame Ausflüge vermerkt. Auf den Spuren von Hans Trapp nach Niederschlettenbach zum Beispiel. Immer an Weihnachten lädt Irmtrud Dorweiler zum Adventskaffee ein. Jetzt ist allerdings noch über das zweite Buch zu reden: „Die Erfindung der Flügel“ von Sue Monk Kidd. Aber vorher erzählt Brunhild Steyer kurz, wie der Auftritt der RotenRaben in Limburgerhof war. Inge Beckmann, die 89-Jährige, muss bald einen Vortrag vorbereiten, den sie bei der Saliergesellschaft in Speyer hält. Kidds Roman übrigens erzählt die Geschichte von Vorkämpferinnen gegen die Sklaverei Anfang des 19. Jahrhunderts in den USA.