Ausstellung
„Leben vor der Tür“: Architektur-Ideen gegen Obdachlosigkeit
Kinder bauen sich gerne ein Schachtelhaus. Mit der Schere sind schnell zwei, drei Fenster ausgeschnitten, und lustig bemalen lässt es sich auch. In Japan können dagegen gerade Pappdomizile für ein bitteres Schicksal stehen, etwa in der U-Bahn von Tokio. Meistens bedecken sie dann nicht einmal den Körper, sondern nur den Kopf oder besser: das Gesicht. Voller Scham tauchen Obdachlose in die Anonymität ab.
Auf der Straße zu leben, ist in Japan mit dem Verlust der Würde verbunden. Doch man sollte sich nichts vormachen, Wohnungslose sind überall unten durch. Das zeigt schon das Vokabular, das man für „solche“ Menschen parat hat, der „Penner“ mag da noch zum Freundlichsten gehören. Und nun hat die Pandemie eine längst nicht mehr schleichende Entwicklung noch einmal deutlich angekurbelt. Insofern kommt die neue Ausstellung des Architekturmuseums der TU München zum richtigen Zeitpunkt, zumal sich die Frage „Who’s next?“ – wer ist der Nächste? – auch nicht mehr vornehmlich an den äußeren Rand der Gesellschaft richtet.
Wohnen ist Grundrecht
Im geschäftigen London zum Beispiel hat sich die Zahl der „Homeless people“ während der vergangenen zehn Jahre verdoppelt; allein zwischen 2018 und 2019 gab es einen Zuwachs um fast 20 Prozent. In New York, wo die Mieten ebenfalls irrwitzig hoch sind, haben im Vorjahr rund 120.000 Menschen in städtischen Hilfsunterkünften übernachtet. Darunter viele Kinder. Im brasilianischen São Paulo, der größten und reichsten Stadt Südamerikas, wurden vor 20 Jahren nahezu 9000 „sem-tetos“ gezählt, 2011 schon fast 15.000 und 2019 schließlich um die 25.000 „Menschen ohne Dach“, bei 12 Millionen Einwohnern.
Wenn man nun ins reiche Deutschland blickt, das ein Sozialstaat sein will, sind die geschätzten 41.000 Obdachlosen wahrlich kein Ruhmesblatt. Und vor lauter Klimawandel, Brexit und anderer Unbill wurde wohl ein Beschluss des Europäische Parlaments glatt übersehen: nämlich, dass sich die Mitgliedsstaaten verpflichtet haben, bis 2030 Maßnahmen zur Abschaffung der Obdachlosigkeit zu ergreifen. Wohnen ist ein Grundrecht, also etwas Fundamentales. Doch womöglich sind noch zu wenige betroffen.
Die Misere kommt schnell
Seine Heimstatt zu verlieren, kann allerdings schneller gehen, als man meint. Eine unglückliche Scheidung, ein Krankheitsfall, Arbeitslosigkeit bei Schulden und nicht weiter gewährten Krediten – das alles ist auch in der Welt des Wohlstands nicht fern. Und wer in Lohn und Brot steht, hat deshalb noch keine bezahlbare Bleibe. Die Misere weitet sich längst bis in die „gut funktionierenden“ Bereiche der Gesellschaft hinein.
Dabei geht es bei vielen schon lange nicht mehr um ein „Schöner Wohnen“. Wenngleich das bei einem klugen Einsatz der Mittel obendrein sogar möglich wäre. Das demonstriert diese erhellende Ausstellung in der Pinakothek der Moderne mit einer erstaunlichen Reihe von Entwürfen engagierter Architekten.
Mitten in Wien
Da wäre zum Beispiel das „Vinzi-Rast-mittendrin“, der zweite Teil des Namens sagt gleich etwas über die Lage: nicht am Stadtrand, sondern mitten in Wien zwischen Volksoper und Schottentor. Zehn Wohnungen auf drei Stockwerken bieten Raum für 30 Personen. Zusätzlich gibt es genug Platz für Gemeinschaftliches, vom Studienraum bis zu Werkstätten, in denen man ein Rad reparieren kann, und selbst einem öffentlichen Restaurant, das mittlerweile auch bei Anrainern und Touristen gefragt ist. Das denkmalgeschützte Biedermeierhaus konnte vor zehn Jahren dank einer privaten Stiftung renoviert werden, die Räume sind hell und sympathisch, die Zusammensetzung aus Obdachlosen und Studierenden ist für beide Seiten ein Gewinn. Etwa an Lebenserfahrung.
Oder die Holme Road Studios im Londoner Stadtviertel Camden. Das fantasievolle Backsteinensemble mit seinen bunten Türen und runden Fenstern ist absolut einladend. Architekt Peter Barber hat großen Wert darauf gelegt, dass sich Obdachlose, ehemalige Drogensüchtige oder psychisch Kranke hier sofort wohlfühlen. Im eigenen Garten werden Gemüse und Obst angebaut.
Zufluchtsort Bücherburg
Anbindung ans Grün spielt auch beim Projekt „Lebensraum 016“ eine Rolle. Der Komplex mit 78 Wohnungen liegt am Frankfurter Ostpark und ersetzt eine ehemalige Zeltstadt, die stark in die Kritik geraten war. Eine blau-violett leuchtende Stahlschindel-Fassade umschließt die Anlage, in der vor allem Holz dominiert. Dabei sind die Eingangstüren nicht verschlossen, erst ab den 10-Quadratmeter großen Zimmern wird’s privat. Für Langzeitaufenthalte ist das wenig, als Zwischenlösung aber durchaus ansprechend.
Für die ganz schnelle Hilfe hat man sich in Ulm ein „Nest“ einfallen lassen. Das ist eine Schlafkapsel, die Obdachlosen eine unkomplizierte Notunterkunft bietet – um sie vor Kälte und überhaupt bedrohlichem Wetter zu schützen. Die testweise aufgestellten Mini-Behausungen sind gut angenommen worden, und das gerade von Menschen, die größere Institutionen scheuen. Ob die Kapseln wie geplant in der ganzen Stadt verteilt werden, ist noch nicht entschieden.
Im amerikanischen Seattle mit den meisten Wohnungslosen im Land – 13.000 Menschen leben hier auf der Straße – bastelt man wiederum an integrativen Lösungen. Wobei die Public Library, also die öffentliche Bibliothek, ein besonders überzeugendes Modell darstellt. Die verschachtelte Bücherburg, entworfen von Rem Koolhaas und Kollegen, wurde von Anfang an mit inklusivem Anspruch konzipiert. In den Lese- und Loungebereichen finden Obdachlose einen Zufluchtsort, es gibt WLAN, Computerzugänge und Hilfs- und Beratungsangebote.
Behauste und Heim(at)lose
Vergleichbares könnte man auch bei der Sanierung des Münchner Kulturzentrums Gasteig andenken. Dessen Geschäftsführer Max Wagner spricht in einer Filmeinspielung von der großen Anziehungskraft gerade der Bibliothek, und die Beobachtungen dürften sich in anderen Städten kaum unterscheiden. Das zeigt, dass es nicht ausschließlich nur um Wohn- und Schlafplätze geht, sondern genauso um Treffpunkte und Wohlfühlorte, denn wer ständig „on the road“ ist, braucht Ruhe und Rückzug. Mehr als alle anderen. Aber dieses Aufeinandertreffen der beiden Seiten, der Behausten und Heim(at)losen, ist vielleicht sogar die größte Schwierigkeit. Auch wenn das natürlich keiner zugibt. Dabei müsste man noch nicht einmal das Tor zur eigenen behaglichen Ritterburg öffnen.
Die Ausstellung
„Who’s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt“, bis 6. Februar in der Pinakothek der Moderne München, dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, Katalog 38 Euro.