Reiss-Engelhorn-Museen
Lauter Replikate: Tutanchamun und seine Grabschätze in Mannheim
Howard Carter hatte schon fast aufgegeben. Fünf Jahre lang hatte er sich die Zähne an der Suche nach Tutanchamuns Grab ausgebissen. 100 Arbeiter hatten in seinem Auftrag jede Stelle im Tal der Könige systematisch abgesucht, bis zum Fels gegraben. Nun drohte Carters Financier Lord Carnarvon mit dem Ende der Expedition, mit der Einstellung der Zahlungen und damit der Grabungen. Carter hatte nur noch eine letzte Chance. Und er nutzte sie. Am 4. November 1922 erzielten der britische Ägyptologe und sein Team den Durchbruch: Unter dem Schutt früherer Ausgrabungen fanden sie das Grab des Tutanchamun. Und zwar fast unversehrt. Eine Weltsensation.
Mensch und Mythos
Der altägyptische König Tutanchamun, der im 14. Jahrhundert vor Christus etwa zehn Jahre lang regiert hatte und schon mit 18 Jahren gestorben war, wurde mit einem Schlag weltbekannt. Der Fund seines Grabes und der sagenhaften Schätze darin machten den Kindkönig umgehend zum Mythos. Mit nur etwa 18 Jahren starb er an den Folgen einer schweren Knieverletzung. Kinder hinterließ der Pharao nicht – aber in seinem Grab fanden sich zwei mumifizierte Säuglinge, nach neueren Forschungsergebnissen wahrscheinlich seine früh verstorbenen Töchter. Da man viel mehr über seinen Tod als über sein Leben weiß, ranken sich viele Legenden um Tutanchamun. Und auch um seinen Entdecker Howard Carter, der seinen Ruhm noch knapp 17 Jahre lang genießen konnte – mehr oder weniger genießen. Er starb 1939. Wolfgang Wettengel weiß viele Geschichten über den Autodidakten zu berichten, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, das Grab zu finden und fast gescheitert war. Wettengel ist Ägyptologe und neben dem langjährigen Leiter des Kunsthistorischen Museums Wien, Wilfried Seipel, einer der Kuratoren der Ausstellung „Tutanchamun: Sein Grab und die Schätze“, die nun in Mannheim zu sehen ist. Es ist ihre erste deutsche Station nach fünfjähriger Tournee durch die USA. Die Reiss-Engelhorn-Museen (REM) fungieren als Gastgeber; Veranstalter der Ausstellung ist die Semmel Concerts Entertainment GmbH.
Über 1000 Nachbildungen
Und Entertainment – ja, das ist es, was den Besuchern geboten wird. Oder „wissenschaftlich fundiertes Edutainment“, wie der Veranstalter es lieber nennt. Man sei mit hoher fachlicher Expertise ans Werk gegangen, wurde gestern bei der Pressekonferenz betont. Das Grab sei in seiner originalen Fundsituation zu besichtigen, die Grabbeigaben von ägyptischen Kunsthandwerkern in Abstimmung mit den wissenschaftlichen Leitern der Ausstellung detailgetreu nachgebildet worden. Über 1000 Repliken sind es. Original, das muss man wissen, ist in dieser Ausstellung nichts. Die Objekte seien zu fragil und würden nicht verliehen. Die echte Totenmaske zum Beispiel, die wahrscheinlich berühmteste Maske der Welt, befindet sich im Ägyptischen Museum in Kairo.
Die Tutanchamun-Ausstellung erzählt keine neuen Fakten und präsentiert keine originalen Funde. Es geht ihr um etwas anderes. Darum, die Besucher mitzunehmen, möglichst nah heranzulassen: ins Tal der Könige, ins Jahr 1922, in die altägyptische Kultur, fast bis ins Grab. Niedrigschwellig ist gar kein Ausdruck für den Zugang, den die Ausstellung bietet. Im begleitenden, sehr kurzweilig geschriebenen Katalog, bietet eine reich bebilderte Doppelseite einen Einstieg für Eilige an: „Die Geschichte des alten Ägyptens im Überblick – 5000 Jahre kurz gefasst“.
Der Tod des Kanarienvogels
Die Ausstellung selbst erzählt zum Warmwerden auf ein paar Schautafeln von Carters Expedition, von seinem Gönner Lord Carnarvon, der Ägypten liebte und nach mehreren Autounfällen die Winter dort verbrachte, um sich zu erholen. In Kairo starb er schon ein halbes Jahr nach dem Sensationsfund, im April 1923. Nach einem Kurzfilm, der unterhaltsam ins Thema einführt, steht man plötzlich und unerwartet in der rekonstruierten Vorkammer und schaut auf goldene Tierköpfe, einen goldenen Thron, alles ist eigentlich golden hier, prunkvoll, prächtig. Das Pharaonengrab, und das macht diese Ausstellung vor allem deutlich, ist von gigantischen Ausmaßen. Die drei Schreine, drei Särge, die Goldmaske, der Sarkophag, all die Möbel, der zusammengebaute Streitwagen, die Schiffsmodelle, all die anderen Gegenstände – es passt im Zeughaus-Museum nicht einmal auf ein Stockwerk. Auf 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist das Grab in all seiner Pracht so gut wie möglich nachgebildet. Ein Anblick, den man bisher nicht kannte, weil es vom Fund 1922 nur Schwarz-Weiß-Fotos gab.
Und, zum Glück, detaillierte Aufzeichnungen und Tagebucheinträge von Howard Carter. Dessen Begeisterung für die Suche nach dem Pharaonengrab übrigens nicht jeder Zeitgenosse teilte. Manch einer fand, man solle die Totenruhe nicht stören. Die Skeptiker fanden sich bestätigt, als Carters Kanarienvogel von einer Kobra getötet wurde, das Wort vom „Fluch der Pharaonen“ entstand.
Für die Ausstellungsmacher gibt es diesen Fluch nicht. Für sie ist Tutanchamun ein Segen. Seit dem Start der Ausstellung im Frühjahr 2008 in Zürich haben sie schon 6,5 Millionen Besucher gesehen. Für Kurator Wilfried Seipel bietet sie nicht nur einen Einblick in die Religion, Kunst, Kultur und „große Menschlichkeit“ des alten Ägyptens. Sie zeigt auch, dass die Menschheit sich zu allen Zeiten mit Fragen beschäftigte, die uns heute umtreiben: Wie gehen wir mit Fremden um? Wie schaffen wir ein sozial gerechtes Gesellschaftswesen? Und wie halten wir es eigentlich mit dem Glauben an Gott?
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Tutanchamun: Sein Grab und die Schätze“ ist bis 27. Februar im Museum Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen. Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Eintrittskarten werden für