Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel KI und Überwältigung: Das erste eigene Projekt von Alistair Hudson im ZKM

International gefragt: Anne Duk Hee Jordan hat einen Pfalzhintergrund.
International gefragt: Anne Duk Hee Jordan hat einen Pfalzhintergrund.

Mit seinem ersten eigenen Projekt am ZKM zeigt der neue Chef Alistair Hudson, was er sich in Zukunft vorstellt: Das Museum mutiert zum interaktiven Lernort, Ausstellungen sind Etappen auf dem immerwährenden Weg zur Erkenntnis. Es geht um Künstliche Intelligenz. Das Werk von Anne Duk Hee Jordan dazu ist einfach überwältigend. Inzwischen ist die in Herxheim aufgewachsene Künstlerin ein internationaler Star.

Industrieroboter der Firma Kuka spucken im Lichthof Schrift aus blauem Granulat auf zwei 20 Meter lange Fließbänder. Zerhacktes Material aus gebrauchten Wasserfässern, das später wiederverwendet wird – zur Wasserfassproduktion. Auch was die Roboter in dem Werk „AEIOU“ des Karlsruher Kollektivs robotlab schreiben, kreist um sie selbst: von KI generierte Sätze aus der Robotik-Theorie der vergangenen Jahrzehnte, die durch Schwarmintelligenz schlauer und schlauer werden – vielleicht. Kommt darauf an, was die Besuchenden auf zugehörige Displays tippen. Dort ploppen Fragen zu den Texten auf dem Fließband auf: „Lustig? Wie viele Sterne geben Sie?“. Die Antworten werden dann in die Algorithmen eingespeist, die die Granulat-Sätze auf den Fließbändern entsprechend verändern. Die Späne kippen zur sofortigen Wiederverwendung in ein Auffangbecken. Und immer so fort.

Schlaue Texte aus dem Roboter: Werk von robotlab.
Schlaue Texte aus dem Roboter: Werk von robotlab.

Hat Schauwert, klingt aber kompliziert? Wenn es nach Alistair Hudson, dem seit April 2023 amtierenden, wissenschaftlich-künstlerischen Direktor des ZKM geht, sollen wir, er inklusive, in der ersten von ihm selbst verantworteten Schau etwas lernen: über Künstliche Intelligenz, uns, die Welt. Kurator Philip Ziegler nennt die Präsentation ganz im dem Sinn „sogenannte Ausstellung“. Der Brite Hudson will lieber von der „Etappe“ einer fortdauernden „Erkundung“ sprechen, einer interaktiven „Plattform für aktives Lernen für uns alle“ und einer Form des Ausstellungsmachens, die „offene, anpassungsfähige Systeme schafft, die in Echtzeit mit der Welt um uns herum kommunizieren“.

Der Chef als Exempel

Die Kunstschau als fluider Prozess, der mit der fluiden Welt Kontakt hält, Hudson zeigt mit der „(A)I Tell You, You tell Me“ programmatisch betitelten Momentaufnahme gleich mal, wo es in Karlsruhe nach der Ära des 2023 verstorbenen Originalgenie-Direktors Peter Weibel lang gehen soll. AI, das zur Erklärung, steht im Englischen für KI, die ihrerseits „I Tell You, You tell Me“ als „Ich sage es dir, du sagst es mir“ ins Deutsche transferiert. Auffällig ist, dass Hudson sich bei der Pressekonferenz eher am Rand aufhält, als sei er ein maßgeblich Beteiligter und nicht der Chef. Das Smartphone mit der Deutsch-Englisch-Simultanübersetzungs-App hält er sicherheitshalber beständig in der Hand. Wie zum Live-Beweis seiner These, dass Künstliche Intelligenz unmerklich jetzt schon unser Dasein unterströmt.

„KI arbeitet so gut, dass wir es nicht mehr merken“, sagt er dazu. Und: „Wir müssen das Thema in die Öffentlichkeit bringen, es verstehen und ethisch bewerten lernen.“ Im zweiten Raum von Hudsons Weiterbildungsparcours indes lehrt das ZKM Hertzlab erst einmal Skepsis. Sollte KI demnächst die Interpretation von musealen Bildwerken übernehmen, es wäre geeignet, das Vertrauen in die Institution Museum nachhaltig zu erschüttern.

Sogenannt ausgestellt, ist Flachware aus der Sammlung des auf Avancierteres abonnierten Hauses. Darunter etwa „Blonden anderer Stelle“, ein Bild von Georg Baselitz’, Martin Kippenbergers Gag-Gemälde „Deutscher Eierknaller“ oder auch eine der „Meta Matic“-Zeichnungen, die Jean Tinguely mithilfe von selbst entwickelten Zeichenmaschinen hergestellt hat – simplen Robotern wenn man so will. Tatsächlich aber geht es um die mehr oder weniger personalisierten Erklär-Tafeln, die die Software erstellt.

Unsinn über Flachware

Man erhält einen RFID-Chip, einen personalisierten Schlüssel, programmiert ihn an einem Terminal durch die Beantwortung persönlicher Fragen – „Lieben Sie Nudeln?“ –, und hält ihn an das jeweilige Werk. Bei den dabei herauskommenden Bildtexten stimmen noch nicht einmal die Titel.

Werner Büttners Gemälde „Der romantische Imperativ“ - es zeigt eine Currywurst auf einem Papierteller vor dem Hintergrund eines dunklen Walds – wird dem Urheber Galatea Synalida zugeschrieben und heißt angeblich: „Die Laune der Technik. Ein Hot Dog im Wald.“ Das Bild lasse „Betrachter über die seltsame Allianz zwischen Natur und Innovation nachdenken“, steht im Text - schon klar, bei einer Currywurst.

Spaßig auch, was die KI aus Sigmar Polkes Gouache „ohne Titel“ herausliest. Zu sehen sind die typischen Rasterpunkte, die über die kindliche Darstellung einer Reiterin gelegt sind, ein Mädchen mutmaßlich. Die künstlichen Interpreten beschreiben aber auf der zugehörigen Werktafel partout eine Tennisspielerin.

„Wenn wir den Menschen als Autor:in nicht mehr voraussetzen können, wird das in Zukunft unser Verhältnis zu medialisierter Kommunikation an sich verändern“, lautet das Statement der Künstlergruppe Hertzlab dazu warnend. Wie Direktor Hudson sagt, soll die Truppe um die ehemalige Chaos-Computer-Club-Aktivistin Tina Lorenz die zentrale Zukunftsabteilung des ZKM werden. Dagegen ist die in Korea geborene, in Herxheim aufgewachsene Anne Duk Hee Jordan bis auf Weiteres die Künstlerin der Stunde.

Große Naturoper mit künstlicher Intelligenz: Ansicht von Anne Duk Hee Jordans Werk „Electrify Me Baby“.
Große Naturoper mit künstlicher Intelligenz: Ansicht von Anne Duk Hee Jordans Werk »Electrify Me Baby«.

Atmosphärisches Rauschen

Die Berlinerin, sie bewirtschaftet in Mitte im Hinterhof eine Art Dschungel, hat einen abenteuerlichen Weg hinter sich (RHEINPFALZ-Porträt vom 22. Juli 2023). Jetzt wird sie für ihr spielerisches, ernstes, unterhaltsames, schwer zu fassendes Werk, das im Dienst der Aufmerksamkeitsentfaltung für Fragen der Ökologie und des Menschseins steht, international gefeiert.

Sie lässt Seegurken durch die Luft fliegen, bringt Steine zum Singen, entfacht Wirbelstürme aus Zucker und pupsende Wolken. Dann wieder lädt sie zum Dinner an essbaren Tischen, auf denen Gräser, Blumen, Kräuter, eingewanderte und alteingesessene Pflanzen sprießen. Ein Gesamtkunstwerk, das zwischen Bastelei und Hightech, Jean Tinguely und Hito Steyerl oszilliert und gerade unter anderem im Bass Museum in Miami in einer Riesenschau von ihr gezeigt wird.

In New York und im Kunsthaus Wien sind noch in diesem Jahr große Einzelausstellungen vorgesehen. In Karlsruhe indes hat die seit vergangenem Jahr Professorin für die Kunst Digitaler Medien an der Hochschule für Gestaltung dort, ein den Riesen-Lichthof füllendes Heimspiel. Ihr Werk „Electrify Me Baby“ ist eine einzige Überwältigung, ein immersives Bühnenbild für eine Naturoper. Man ist umgeben vom Sound der britischen Musikerin Sasha Perera, dahinziehenden Wolken, glühender Lava, Gesteinsschichten, atmosphärischem Rauschen. Virtuelle Jakobsmuscheln verfolgen einem, ohne nass zu werden, watet man im Meer.

Dumme Intelligenz

Das Rohmaterial für die Arbeit, erzählt Anne Duk Hee Jordan, habe sie von ihrem jüngsten Arbeitstrip auf die Kapverden. Derweil gehören die Staubsauger-großen Maschinen, die ziellos durch die die Installation irren, schon lange zu ihrem Repertoire. Minderbemittelte Roboter, sogenannte „Critter“, die den Müll aufsammeln, nur um ihn gleich wieder loszuwerden, oder untaugliche Krabben, die im Wasser dümpeln, sind ihr Spezialgebiet. Metaphern für freidrehende Technologien, die nicht losgelöst von ihrem Nutzen oder Schaden betrachtet werden können. Anne Duk Hee Jordan selbst spricht lieber von „Künstlicher Dummheit“. Sie plädiert augenzwinkernd und unbedingt dafür. Schließlich lässt sich von ihr einiges lernen.

Die Ausstellung

„(A)I Tell You, You Tell Me. Drei Begegnungen für Menschen/Maschinen“, bis 24.11. im ZKM. Info: zkm.de

Anne Duk Hee Jordans Installation „Electrify Me Baby“ bei der Eröffnung der ZKM-Schau .
Anne Duk Hee Jordans Installation »Electrify Me Baby« bei der Eröffnung der ZKM-Schau .
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