Kultur
Kein Aufatmen nach dem vorläufigen Ende des Verfahrens gegen Regisseur Kirill Serebrennikow
In Moskau wurde das Betrugsverfahren gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow und vier Mitangeklagte ausgesetzt. Aber es drohen neue Repressalien gegen Kulturschaffende und Oppositionelle.
Russlands Justiz ist um eine Absurdität ärmer. Ein Moskauer Gericht hat den Prozess gegen den Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow und vier weitere Angeklagte eingestellt. Die Richterin Irina Akkuratow gab den Fall zu weiteren Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft zurück. Die Anklage sei widersprüchlich, sie unterstelle den Beschuldigten, diese hätten Gelder des Kulturministeriums unterschlagen, ohne zu konkretisieren, durch welche Handlungen das geschehen sei.
Mit der Entscheidung wurden auch alle Freiheitseinschränkungen gegen die Angeklagten aufgehoben, die sich von Mai 2017 bis April 2019 zum Teil in Haft, zum Teil unter Hausarrest befunden hatten, danach noch unter Reiseverbot. „Wenn Sie diese Lösung sehen, soll es so sein“, erklärte Serebrennikow noch während der Verhandlung gegenüber der Richterin. „Wir alle haben gesehen, dass dieser Fall in sich zusammengebrochen ist.“
Der Regisseur konnte die Vorwürfe widerlegen
Serebrennikow, in Europa mehrfach preisgekrönt, wagte sich als Theater- und Filmemacher immer wieder an russische Tabuthemen wie Homosexualität oder Kirchenschelte. Die Staatsanwaltschaft warf ihm und seinem „Siebten Studio“ vor, von 214 Millionen Rubel (nach heutigen Kurs etwa 7 Millionen Euro) Staatssubventionen für das Theaterprojekt „Platforma“ insgesamt 133 Millionen Rubel unterschlagen zu haben. Aber dann fanden sich zahlreiche Augenzeugen und Videos von Aufführungen im Rahmen von „Platforma“, die laut Anklage nie stattgefunden hatten. Und ein Gutachten belegte, dass das Programm „Platforma“ sogar 260 Millionen Rubel gekostet hatte und von nichtstaatlichen Sponsoren mitfinanziert worden war. „Einschließlich Steuern sind das 300 Millionen Rubel“, erklärte Serebrennikows Verteidiger Dmitri Charitanow vor Journalisten. Die Angeklagten hätten also nichts gestohlen, sondern über 80 Millionen Rubel für den Staat eingespart.
Wladimir Tolstoi, Kulturberater des russischen Präsidenten, kommentierte „diese prachtvolle Nachricht“ laut der Zeitung Kommersant euphorisch: „Sehr gut, dass ein schöpferischer Mensch wieder arbeiten kann.“
Kein neues Tauwetter in Sicht
Aber in der Moskauer Szene herrscht nur gedämpfte Freude: „Kirill und seine Kameraden haben unter Hausarrest oder hinter Gitter zwei Jahre ihres schöpferischen Lebens verloren“, sagt die Schriftstellerin Lisa Alexandrowa-Sorina unserer Zeitung. Und der Kunstkurator Andrei Jerofejew, der 2010 wegen einer angeblich antichristlichen Ausstellung zu einer Geldbuße von umgerechnet 4500 Euro verurteilt worden war, glaubt nicht, dass der Richterspruch das Signal für ein neues Tauwetter ist. „Gegen uns oder gegen die Protestband Pussy Riot 2012 hat die Staatsmacht noch christliche Fanatiker aufgehetzt.“ Seit einiger Zeit aber setze die Justiz auch gerne finanzielle Strafverfahren als neues Format der Unterdrückung ein. „Nicht nur gegen Kulturschaffende, sondern auch gegen politische Oppositionelle.“ Vergangene Woche erst durchsuchten Polizisten 40 Regionalstäbe des liberalen Politikers Alexei Nawalny wegen mutmaßlicher Geldwäsche in seiner „Stiftung zum Kampf gegen die Korruption“.
Die Verteidiger im Fall Serebrennikow indes befürchten, die Staatsanwaltschaft werde eine Wiederaufnahme des Prozesses anstreben. Tatsächlich kündigte diese an, sie wolle den Gerichtsspruch in höherer Instanz anfechten. „Repressalien heute“, kommentiert Jerofejew, „bedeuten auch die Angst vor Repressalien“.