Kultur Jenseits der Fassade
Sie sind in den besten Jahren, dennoch schon verwitwet und vor allem von Existenznöten bedrängt: drei Frauen in Chicago, USA. Der für „12 Years A Slave“ mit Oscar-Ehren bedachte britische Regisseur Steve McQueen blättert ihre Geschichte in „Widows – Tödliche Witwen“ als Psychodrama, Krimi und Gesellschaftsporträt auf – und das äußerst vielschichtig.
Das Leben von Veronica (Viola Davis) steht Kopf. Ihr Mann Henry (Liam Neeson) ist bei einem Raubüberfall ums Leben gekommen. Als Täter. Zum Schock über den Verlust kommt der, dass Veronica erst jetzt erfährt, was Henry wirklich tat. Schmerzlich wird ihr klar: Sie kannte ihn nicht. Was den von Henry geprellten Jamal Manning (Brian Tyree Henry), einen korrupten Lokalpolitiker, nicht die Bohne interessiert. Der fordert zwei Millionen US-Dollar von Veronica. Um jeden Preis. Was im Klartext heißt: Die Witwe schwebt in Lebensgefahr. Sie muss sich etwas einfallen lassen. Der Ausgangspunkt der von Regisseur Steve McQueen nach einer britischen TV-Serie aus den 1980ern mitverfassten Erzählung deutet auf einen spannenden Thriller. Man denkt zunächst, dass der deutsche Verleih den Titelzusatz „Tödliche Witwen“ zu Recht gewählt habe. Doch der führt in die Irre, zielt er doch zu vordergründig auf spektakuläre Unterhaltung. Die wird zwar durchaus auch geboten. Doch der Originaltitel „Widows“, „Witwen“, kommt dem Eigentlichen näher: McQueen geht es um ein Gesellschaftsporträt. Tatsächlich agieren hier coole Powerfrauen als Hauptfiguren einer raffiniert gebauten Geschichte um einen großen Coup. Sie planen ihn im Vorfeld der anstehenden Stadtratswahlen. Die werden von der erbitterten Konkurrenz des Weißen Jack Mulligan (Colin Farrell) und des Afroamerikaners Jamal Manning geprägt. Hintergrund sind Rassismus, Gewalt, Armut, Korruption und Zukunftslosigkeit, die weite Teile der Industriemetropole Chicago prägen. Dies gibt Steve McQueen reichlich Gelegenheit für sozialkritische Kommentare. sie drängen sich aber nie in den Vordergrund. Die im Vorjahr für ihre Darstellung im Drama „Fences“ als beste Nebendarstellerin mit einem Oscar ausgezeichnete Viola Davis ist das Kraftzentrum des komplexen, visuell brillant gestalteten Films. Sie zeichnet Veronica zunächst als feingeistige Lady. Doch wenn sie überleben will, muss sie Gefühle hintanstellen, darf nicht zimperlich sein, muss sich unabhängig von den die bürgerliche Gesellschaft nach wie vor beherrschenden männlichen Versorgungsmustern beweisen. Das geht sie mit erstaunlicher Energie und zunächst zwei weiteren Frauen an. Linda (Michelle Rodriguez) und Alice (Elizabeth Debicki) haben eine vergleichbare Vorgeschichte. Auch sie sind Witwen in existenzieller Not. Mit Hilfe der zur Steuerung des Fluchtwagens angeheuerten Friseurin Belle (Cynthia Erivo) will das Trio daher fünf Millionen US-Dollar klauen, um sich darauf neue Existenzen aufzubauen. Steve McQueen zeigt ihren Weg mit Verve und erzählerischer Eleganz. Das Unterhaltungsbedürfnis wird prächtig bedient. Aber er bietet dazu das gewisse Extra: eine kritische Sicht auf tradierte Geschlechterrollen und festgefahrene Gesellschaftsmodelle. Mitreißend gelingt es, über etwas nachzudenken, was wohl jede und jeden beschäftigt: Wie schafft es ein Mensch, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen? Die Antwort, die der Film gibt, ist so simpel wie verblüffend und künstlerisch höchst originell verpackt.