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Interview: Publizistikprofessor Winfried Schulz über die Zukunft von Zeitungen
Herr Professor Schulz, Journalisten sind nicht nur in Hongkong in der Schusslinie. Wie steht es um die freie Zeitungslandschaft in Deutschland?
Im weltweiten Vergleich ist die Vielfalt des Zeitungsangebots in Deutschland noch immer einzigartig, und auch um die Freiheit des Journalismus ist es vergleichsweise gut bestellt, auch wenn wir in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ nur Platz 11 von 180 einnehmen.
Bedroht wird die Pressefreiheit vor allem von extremistischen Gruppen und Aktivisten, insbesondere aus dem rechten politischen Spektrum durch Einschüchterung wie den „Lügenpresse“-Vorwurf, Schmähungen und die Androhung von Gewalt gegen Journalisten. Auf der anderen Seite könnten auch die Gegenmaßnahmen, nämlich neue rechtliche Regelungen zur Verfolgung von Hasskriminalität, Rechtsextremismus und Antisemitismus im Web die Freiheit der Presse bedrohen, indem sie den Datenschutz und den Informantenschutz der Medien einschränken. Das hängt wesentlich davon ab, wie die Strafverfolgungsbehörden mit dem neuen Gesetz gegen Hasskriminalität umgehen werden.
Die „New York Times“ hat erstmals mehr Erlöse mit dem Digitalgeschäft als mit originären Printprodukten erwirtschaftet. Welche Strategien empfehlen Sie vor diesem Hintergrund deutschen Zeitungen?
Die „New York Times“ nimmt in der Zeitungswelt eine extreme Sonderstellung ein, und zwar aus mehreren Gründen: Sie hat ein großes internationales Renommee, ist eine wichtige Quelle für Informationen über die Weltmacht USA und erscheint in Englisch, einer Sprache, die weltweit viele Menschen beherrschen. Sie hat daher viele Nutzer ihres vor allem digitalen Angebots in allen Regionen des Landes und im Ausland.
Diese Voraussetzungen erfüllen teilweise bei uns einige Qualitätszeitungen, die meisten Zeitungen aber nicht oder allenfalls stark eingeschränkt. Und daher können sie digital längst nicht so viele Leser erreichen wie die „New York Times“. Aber à la longue hilft den meisten Zeitungen nur eine Digitalstrategie, wenn sie überleben wollen.
Was sehen Sie hier als Aufgabe für die Zukunft von Zeitungen?
Für die Druckausgabe von Zeitungen sieht die Zukunft nicht besonders rosig aus. Das lässt sich aus der Entwicklung des Mediennutzungsverhaltens ableiten. Den Umgang mit einer gedruckten Zeitung „lernt“ man im allgemeinen als Kind und Jugendlicher in der Familie. Da Zeitungsabonnements in immer weniger Familien zum Haushalt und Informationsverhalten der Eltern gehören, fällt der Lerneffekt für die nachwachsende Generation weg. Zugleich wächst die jüngere Generation mit den digitalen Medien auf und nutzt diese ganz selbstverständlich auch für Nachrichten. Daraus folgt, dass Zeitungen am ehesten mit ihrem digitalen Angebot eine Zukunft haben. Die besondere Herausforderung liegt darin, nicht nur attraktive digitale Inhalte zu konzipieren, sondern zugleich als digitales Werbemedium erfolgreich zu sein. Und das geht durchaus, wie unzählige Apps und vor allem die Giganten des Silicon Valley vormachen.
Sie haben auch den Inhalt von Zeitungen untersucht – was unterscheidet die redaktionelle Auswahl bei Printprodukten von Nachrichtenangeboten von Suchmaschinen im Netz, die auf Algorithmen zurückgreifen?
Das wesentliche Merkmal der redaktionellen Auswahl ist, dass sie sich an journalistischen Standards orientiert. Das gilt für Abonnementzeitungen, weniger für die sogenannte Boulevardpresse, auch für Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen. Zu den journalistischen Standards gehört in erster Linie die gesellschaftliche und politische Relevanz, das heißt, die Bedeutsamkeit und Wichtigkeit von Ereignissen und Themen. Diese bemisst sich in erster Linie an den Folgen für die Gesellschaft, insbesondere an möglichen negativen Folgen, zweitens an der Betroffenheit – von vielen –, drittens an der – geographischen, auch politisch-ideologischen – Nähe des Geschehens.
Zu den Standards gehört ferner die „objektive“, das heißt sachgerechte und unparteiliche Darstellung des berichteten Geschehens. Schließlich gehört zu den Standards die Trennung von Nachricht und Meinung beziehungsweise Kommentar. Das heißt, dass für den Leser, Hörer oder Zuschauer klar erkennbar sein muss, was Berichterstattung ist und was Meinungsäußerung des Journalisten beziehungsweise der Redaktion.
Und wie funktioniert die Auswahl bei Suchmaschinen?
Im Unterschied dazu filtern die algorithmisch personalisierten Nachrichtenkanäle und News-Aggregatoren wie Facebook, Google News oder Upday ihr Angebot nach den individuellen Interessen und Vorlieben ihrer Nutzer. Die Nutzer können die Filterung teils selbst bestimmen, teils werden ihre Interessen von den Algorithmen aus dem Nutzungsverhalten erschlossen. Folglich erhalten die Nutzer ein Nachrichtenmenü, das vorrangig ihre subjektiven Interessen widerspiegelt und nicht unbedingt Kriterien der Relevanz. Eine vielfach diskutierte Folge davon ist, dass die Nutzer zunehmend in einer Art „Filterblase“ leben, also sehr einseitig informiert werden, und dass dadurch Tendenzen der politischen Polarisierung gefördert werden.
Nachrichtenwerte entscheiden, welche Inhalte es in Zeitungen schaffen. Verlieren Zeitungen da an Boden gegenüber spektakulären News von Social-Media-Kanälen, Blogs oder Google?
Nach meinem Eindruck betrifft der Wandel im Zeitungsjournalismus weniger die Auswahl von Nachrichten, als vielmehr deren Darstellung. Der nüchterne, berichtende Nachrichtenstil ist zunehmend einem interpretierenden, teils auch wertenden Stil gewichen. Das macht insofern Sinn, als die Zeitungsleser die aktuellen Fakten oft schon aus Radio und Fernsehen oder digitalen Medien kennen, wenn sie die Zeitung in die Hände bekommen. Die Zeitung kann sich dann auf die Einordnung und Deutung des Geschehens konzentrieren, auf Hintergründe und Zusammenhänge. Damit erfüllt sie durchaus ein Bedürfnis der Leser.
Es ist also gar nicht sinnvoll, sich am „Rattenrennen“ um die schnellsten und spektakulärsten News zu beteiligen. Das können Zeitungen nur gelegentlich durch sehr aufwendige Recherche gewinnen, die sich allerdings die wenigsten Zeitungen leisten können, und die auch oft nur in Kooperation untereinander oder mit spezialisierten Rechercheteams.
Interview: Wolfgang Scheidt
Zur Person
Winfried Schulz studierte Sozialwissenschaften an den Universität München und FU Berlin, promovierte und habilitierte sich für Publizistik an der Universität Mainz bei Elisabeth Noelle-Neumann. Er war zunächst Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster, ab 1983 Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikations- und Politikwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg und nach seiner Emeritierung 2004 Lehrbeauftragter für digitale Medien des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der FAU. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören Arbeiten über politische Kommunikation, Medienwirkungen und die Qualität von Fernsehprogrammen.