Journalismus RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Nicola Kuhrt über unabhängigen Medizinjournalismus

Seit Beginn der Corona-Pandemie – hier ein Mundschutz am Rückspiegel eines im Regen parkenden Autos – steigt das Interesse an Me
Seit Beginn der Corona-Pandemie – hier ein Mundschutz am Rückspiegel eines im Regen parkenden Autos – steigt das Interesse an Medizinjournalismus.

Seit Covid-19 sind medizinische Expertisen, Statistiken und Studien allgegenwärtig. Dabei gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen, weiß die Medizinjournalistin Nicola Kuhrt. Mit ihrem Online-Magazin „MedWatch“ will Kuhrt einen Beitrag zum seriösen, unabhängigen Medizinjournalismus leisten, der Menschen aufklärt. MedWatch entzaubert beispielsweise Wundermittel-Versprechen aus dem Internet.

Frau Kuhrt, bei Medizinjournalismus denkt man an „Deutsches Ärzteblatt“, „Medical Tribune“ oder „Deutsche Apothekerzeitung“, bei deren Online-Ausgabe Sie Chefredakteurin waren. Darüber hinaus gibt es Gratisblätter wie „Apotheken-Umschau“. Wie weit reicht das qualitative Spektrum zwischen seriösem und Pharmazie-nahem Medizinjournalismus?
Es gibt sehr guten Medizinjournalismus in Deutschland, etwa im Wissenschaftsressort von „Zeit“ und „Zeit online“, dem „Stern“, bei „Spektrum.de“ oder der „Süddeutschen Zeitung“. Dann gibt es viel seichte und leider unglaublich unkritische Berichterstattung, etwa über unnötige Nahrungsergänzungsmittel in vielen Frauenmagazinen oder Fernsehzeitschriften. Und es gibt gesundheitsgefährliche Empfehlungen auf Internetseiten unwissenschaftlicher Unternehmen, die esoterische Schwurbelprodukte anbieten. Die Bandbreite ist in der Tat groß!

Wie wichtig ist Medizinjournalismus in Ihren Augen?
Medizinjournalismus schafft durch seine unabhängige, evidenzbasierte Beobachtung die Basis, damit Leser zum Beispiel eine neue Therapie oder ein Arzneimittel überhaupt realistisch einschätzen können. Ich finde Medizinjournalismus aus diesem Grund unerlässlich. Wichtige Kriterien, mit denen jeder Einzelne gute und schlechte Gesundheitsinformationen erkennen kann, sollten in den Medien häufiger thematisiert werden – tatsächlich wird nur selten darauf hingewiesen.

Seit der Covid-19-Pandemie boomen medizinische Themen. Wie beurteilen Sie die fachliche Corona-Berichterstattung zwischen Trumps Tiraden und den amtlich anmutenden Apellen des Robert Koch-Instituts?
Es gibt etwa in den von mir genannten Qualitätsmedien eine sehr gute Berichterstattung rund um Corona, und beide Seiten – Journalisten und Leser – haben von Beginn der Pandemie an viel dazu gelernt. Dennoch mussten viele Behörden und wissenschaftliche Institute besonders zu Beginn des Lockdowns stark nachbessern, da diese nicht oder nur schlecht erreichbar waren und Wissenschaftsjournalisten eine fundierte Berichterstattung erschwert haben – etwa weil kein Experte telefonisch kontaktiert werden konnte oder das Robert Koch-Institut nur wenige Fragen aus Pressekonferenzen zugelassen und zeitlich verzögert beantwortet hat. Das hat sich stark gebessert. Und dann gibt es leider Medien wie die „Bild“-Zeitung, die selbst jetzt, wo weltweit Menschen durch Corona sterben, in ihren Titelgeschichten darauf setzen, Zweifel zu säen und Menschen, die Corona verharmlosen, bestärken – etwa in ihrer Verweigerung, in der Öffentlichkeit Masken zu tragen.

Welche weiteren Falschmeldungen oder Unsauberkeiten in der Berichterstattung über Covid-19 beobachten Sie?
Berichte über Zahlen des Robert Koch-Instituts zum Beispiel, etwa wie viele Menschen sich mit Corona infiziert haben, heute und in der Vergangenheit, enthalten immer wieder einmal unmögliche Schlussfolgerungen. So hängen die von den Gesundheitsämtern ans Robert Koch-Institut gemeldeten Angaben von unzähligen Dingen ab, die alle mitgedacht werden müssen. Also etwa vom Wochentag – am Wochenende ist in vielen Behörden Pause, hier werden meist keine Fälle erfasst und ans RKI gemeldet – oder der Anzahl der durchgeführten Tests oder der jeweils genutzten Teststrategie. Gut finde ich aber, dass eigentlich überall transparent berichtet wird, die Redaktionen die Quelle ihrer Daten nennen und auch beschreiben, wie die jeweiligen Grafiken entstehen.

Die Expertin Ursel Heudorf, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen, beobachtet eine Fokussierung auf positive Testergebnisse und Todesfälle, ohne dass Hintergrundinformationen geliefert werden. Machen Nachrichten, Brennpunkte und Talkshows einen guten Corona-Job?
Die Diskussion um positive Testergebnisse ist zu einer teils verquer geführten Debatte geworden. Die Corona-Pandemie sei eigentlich total übertrieben und viele der positiven Corona-Tests sowieso falsch. Menschen, die Corona anzweifeln, reichern diese Aussagen dann gern noch mit vermeintlich weiteren Studien und Zahlen an, die aber meist gar nicht damit zusammenhängen. Mein Kollege Hinnerk Feldwisch-Drentrup hat sich in unserem „Corona-Spezial“ dieser Frage angenommen und ausführlich berichtet, wie Corona-Tests funktionieren, also auch, was die Parameter Spezifität und Sensitivität bedeuten. Das Fazit ist übrigens, dass PCR-Tests äußerst zuverlässig eine Infektion detektieren, auch wenn das Virus nur in geringen Mengen – also zu Beginn einer Infektion – vorliegt. Und dass falsch-positive Ergebnisse äußerst selten sind. Für diese Geschichte braucht es aber einigen Platz in einem Medium – und auch die Bereitschaft der Leser, sich mit diesem Thema in der Tiefe vertraut zu machen. Beides fehlt leider manches Mal.

Corona dominiert unseren Alltag. Was können wir mehr tun, als die um regelmäßiges Lüften erweiterten AHA-Regeln zu beachten und geschlossene Räume, Gruppen und Gedränge sowie Gespräche zu vermeiden?
Wenn sich die Menschen weiter an die erweiterten AHA-Regeln halten und die „Drei Gs“ vermeiden, ist schon sehr viel gewonnen. Auch wenn es schwerfällt, sollte weiter versucht werden, – wenn irgendwie möglich – auch mit den sogenannten Corona-Kritikern ins Gespräch zu kommen. Ich habe Kinder und sehe jeden Tag, dass sie die Regeln spielend umsetzen. So schwer ist es nicht.

Mit Ihrem 2018 gegründeten, kostenlosen Online-Magazin „MedWatch“ wollen Sie ein umfassendes Bild von medizinischen Therapien, Behandlungsalternativen, Produkten oder Tests liefern. Wie recherchieren Sie?
Eine typische Recherche war sicher „Wie ,Online-Kongresse’ Geld mit fragwürdigen Inhalten machen“ – es gab Hinweise seitens unserer Leser, ich habe die Online-Kongresse dann über Monate beobachtet und zu den Machern und Sprechern dort recherchiert. Zudem habe ich offizielle Stellen wie die Deutsche Ärzteschaft, die Verbraucherzentrale oder das Bundesgesundheitsministerium um eine Einschätzung gebeten. Es geht in solchen Recherchen auch darum, Lücken in den Strukturen des Gesundheitssystems offenzulegen, durch die gesundheitsgefährliche Informationen ihren Weg finden.

Geplant ist, per Crowdfunding ein unabhängiges, medizinisches Online-Magazin zu installieren. Kann Medizinjournalismus unabhängig von politischen Akteuren oder Pharmazieunternehmen überhaupt existieren?
Klar! Per Cowdfunding stellen wir unsere Unabhängigkeit sicher: MedWatch wird zu einem Großteil durch seine Leser finanziert. Hin und wieder erhalten wir auch eine Spende durch unsere LeserInnen und zum Glück haben wir auch schon den ein oder anderen Preis gewonnen, so dass wir zum Beispiel unseren Blog zum funktionierenden Online-Magazin ausbauen konnten. Große Sprünge können wir vielleicht nicht machen, aber wir sind gemeinnützig und wachsen nachhaltig.

Für das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ haben Sie die heimlichen Geschäfte westlicher Pharmakonzerne in der ehemaligen DDR enthüllt. Was haben Sie herausgefunden?
Gemeinsam mit meinem Kollegen Peter Wensierski habe ich viele Monate Akten aus Privatarchiven von Ärzten, aus Beständen des DDR-Gesundheitsministeriums und der Stasi sowie aus dem Institut für Arzneimittelwesen der DDR gesichtet. Wir haben mit unzähligen Zeugen und Medizinern gesprochen. Nach unseren Recherchen waren wohl mindestens 50.000 Menschen in der DDR Testpatienten für Pharmakonzerne aus dem Westen – oft, ohne es zu wissen. Medikamentenhersteller vor allem aus der Bundesrepublik, der Schweiz und den Vereinigten Staaten haben an ostdeutschen Kliniken über 600 Arzneimittelversuche in Auftrag gegeben.

Als „Wissenschaftsjournalistin des Jahres 2015“ und Vorstandsmitglied der Wissenschafts-Pressekonferenz – wie unabhängig von Pharmazie und Politik und wie objektiv werden Ihrer Beobachtung nach Medizinthemen in deutschen Medien behandelt? Wie können Mediennutzer die Spreu vom Weizen trennen?
Eine unabhängige Berichterstattung ist meiner Einschätzung nach überall möglich. Kritisch sehe ich eher, dass manches Mal nicht ausreichend recherchiert wird oder aus unterschiedlichen Gründen werden kann – und dann berichtet wird. Etwa, wenn in großen Überschriften suggeriert wird, dass „schon eine halbe Stunde weniger sitzen“, „länger schlafen“, „mehr dunkle Schokolade“ oder „ein Glas Rotwein“ das Leben verlängern können – dabei dies in dieser absoluten Form gar nicht zutrifft. Oder das nicht auf Interessenkonflikte hingewiesen wird, eine Studie etwa von einem Brausegetränke-Hersteller oder der Zigaretten-Industrie gefördert wurde. Oder dass etwas als neu und Sensation dargestellt wird, aber in Wahrheit schon vor zwei Jahren in einem kleinen Journal publiziert wurde.

Zur Person

Nicola Kuhrt, 46, stammt aus dem Rheinland. Sie studierte in Wuppertal Germanistik, Soziologie und Neue Literaturgeschichte. Bei der „Westdeutschen Zeitung“ volontierte sie und baute dort das Wissenschaftsressort auf. Ab 2008 schrieb sie als freie Wissenschaftsjournalistin über gesundheitspolitische Themen. Als „Wissenschaftsjournalistin des Jahres 2015“ war sie stellvertretende Leiterin des Wissenschaftsressorts bei „Spiegel Online“ und Chefredakteurin der „Deutschen Apotheker Zeitung“ online. 2017 gründete sie mit ihrem Journalistenkollegen Hinnerk Feldwisch-Drentrup das Online-Magazin „MedWatch“, um sich kritisch mit pseudomedizinischen Themen und unseriösen Heilsversprechen auseinandersetzten zu können. Kuhrt ist Vorsitzende der Jury des Memento Medienpreises, der unter anderem von Ärzte ohne Grenzen und Brot für die Welt vergeben wird. Er richtet sich an Journalisten, die über die Bekämpfung vernachlässigter Krankheiten (wie Tuberkulose) in strukturschwachen Regionen berichten. swf

Nicola Kuhrt rät dazu, weiter zu versuchen, mit „Corona-Kritikern“ ins Gespräch zu kommen.
Nicola Kuhrt rät dazu, weiter zu versuchen, mit »Corona-Kritikern« ins Gespräch zu kommen.
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