Sommererzählreihe „Wetterleuchten“ „In weiter Ferne ein Ort“: Von Saskia Hennig von Lange

„Was für unsinnige Metaphern für eine Katastrophe, die keine Worte kennt.“
»Was für unsinnige Metaphern für eine Katastrophe, die keine Worte kennt.«

Sommer heißt, dass das Erzählen beginnt. Jetzt im 28. Jahr gibt es die RHEINPFALZ-Serie mit Kurzgeschichten, geschrieben von Autorinnen wie Monika Geier oder Monika Rinck – und Journalisten unserer Zeitung. Heute schreibt Saskia Hennig von Lange.

Wenn ich die Augen schließe, ist es weg. Dann gibt es das gar nicht. So, wie es mich selbst dann auch nicht mehr gibt. Nichts zu sehen, nichts zu spüren. Bloß noch ein Atmen und ein ausgestreckter Arm mit einer Handykamera an seinem Ende. Der Piepton sagt mir, dass ich auch wirklich filme. Irgendwann schaue ich mir das an, jetzt noch nicht. Ich zähle bis hundert und nochmal bis hundert. Immer wieder. Ich zähle und zähle. Verzähle mich, beginne von neuem. Mein Arm wird schwer, aber ich zähle weiter. Ich muss an dich denken, so wie ich immer an dich denke. Ich muss an dich denken und deshalb verzähle ich mich auch. Immer kommst du mir dazwischen, egal, woran ich denke. Egal, was ich tue. Was soll“s. So ist das jetzt. Das ist deine Art, bei mir zu sein. Dich mir zu zeigen.

Vieles im Leben ist unbegreiflich

Ich öffne die Augen und schalte die Kamera aus. Alles ist dunkel, ich habe es verpasst oder es ist vorbei. Ich gehe zurück zum Auto. Ich starte den Motor noch nicht, aber schalte das Radio an. Jemand spricht mit müder Stimme, kein Wunder, es ist mitten in der Nacht. Kündigt irgendein Lied an. Ich habe ihn nicht verstanden, höre gar nicht richtig zu. Da bist nur du und dazwischen ist das leichte Schleppen dieser fremden Stimme. Als wäre der Sprecher krank oder müde. Als hätte ihn jemand mitten in der Nacht geweckt, mit einem Katastrophenalarm, mit irgendeiner Schreckensnachricht und ihn dahin gezerrt, vor sein Mikrofon, damit er sie jetzt verkündet. Aber er ist noch nicht bereit dazu, er zögert. Noch ein einziges Lied, denkt er sich, nur dieses eine noch, bevor ich den Schrecken in die Welt hinausposaune. Doch welches soll er nehmen? Er spricht und spricht immer weiter, kündigt einen Song an, den er selbst noch nicht kennt. Redet und redet und ich höre ihm zu ohne irgendetwas zu begreifen. Aber das stört mich nicht. Vieles im Leben ist unbegreiflich.

Ich könnte hier auch noch ein bisschen schlafen, wenigstens die Augen zu machen. Ich habe nichts mehr zu befürchten, meine Katastrophe ist längst passiert. „Und auch wenn er mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist, dieser Song, ist er nicht nur für eine ganze Generation, sondern auch für mich persönlich Ausdruck eines längst vergangenen Lebensgefühls“, höre ich den Moderator. Mit längst vergangenem Lebensgefühl kenne ich mich gut aus, denke ich, und drehe das Radio wieder aus. Ich schiebe den Fahrersitz zurück, kurbele die Rücklehne soweit es geht nach hinten.

Als wäre es gar nicht ich, die da atmet

Ich könnte mich auch auf die Rückbank legen, aber hier ist es genauso gut. Ich greife nach dem Handy, schalte das Video an, schließe die Augen. Nur mal reinhören. Da ist nur mein eigener Atem. Er geht etwas schneller diesmal, habe ich den Eindruck. Als wäre es gar nicht ich, die da atmet. Ich höre es mir nochmal an. Als wäre es eine andere. Eine, die gerade gerannt und deshalb etwas außer Atem ist. Oder eine, die Angst hat. Die nicht mehr weiter weiß. Die etwas verloren hat, von dem sie weiß, dass sie es niemals mehr wird wiederfinden können. Ich lege eine Hand auf den Bauch und denke an dieses leere Rauschen. Denke an das schwarzweiße Flackern des Bildschirms und wie ich plötzlich deinen Fuß gesehen habe und sofort wusste, dass dies kein lebendiger Fuß ist. Ich höre meinen Schrei, der mir schon in diesem Moment irgendwie unauthentisch, ja, sogar unaufrichtig erschienen war. Als empfände ich diesen Schmerz gar nicht. Als wäre es gar nicht mein Schmerz. Als wäre das nur eine Rolle, die ich außerdem schlecht spielte. An alles andere erinnere ich mich auch noch: die roten Flecken am Hals der Ärztin, ihre hektische Stimme, ihre merkwürdige Frage, ob sie jemanden für mich anrufen soll. Wen, dachte ich, wenn soll man um Himmelswillen anrufen, der das hier wieder in Ordnung bringen kann?

Ich schalte das Video nochmal ein, mein Atmen, das Rauschen der Welt im Hintergrund. Ich habe einen eigenen Ordner für diese Videos angelegt. Ich wollte sie absondern von den anderen Filmen und Fotos. Von den Landschaften und Speisekarten, Abendstimmungen, denn solche Bilder mache ich ja immer noch. Aber die haben nichts zu tun mit diesen Videos hier. Ich höre sie mir alle hintereinander an. Merkwürdig, wie man atmet, denke ich, wenn man nicht auf seinen Atem achtet, wenn man an etwas ganz anderes denkt.

Ich denke an deinen Fuß und daran, dass dieser Fuß einmal da war, dass er einen Raum in der Welt eingenommen hat, auch wenn dieser Raum bloß in mir selbst war. Ich weiß, dass du jetzt nirgendwo mehr bist, auch nicht in dem Grab, zu dem ich nicht mehr gehe. Und dieser Gedanke tut mir weh, aber er beruhigt mich auch. Denn obwohl du nicht mehr da bist, eigentlich niemals dagewesen bist, kann ich ja trotzdem an dich denken und dich vor mir sehen. Ein kleiner Junge, der sich in allem Möglichen zeigt. Der keine Stimme hat und keinen Geruch, aber doch eine Gestalt, eine Kontur wenigstens, die manchmal in meinem Kopf auftaucht. Eine erfundene Erinnerung, an die ich denken kann.

Schwache Umrisse vor einem heller gewordenen Himmel

Ich öffne jetzt doch die Augen, sehe mir alle Filme an. Das Vorhaben ist ungewöhnlich, aber nicht unmöglich: Wenn der Wetterbericht ein nächtliches Gewitter ankündigt, steige ich ins Auto und fahre etwa zwanzig Kilometer in die andere Richtung. Suche mir einen Aussichtspunkt, eine Anhöhe, von der aus ich gut in Richtung des angekündigten Gewitters blicken kann. Und warte mit dem Handy in der Hand. Es war die Trauerbegleiterin, die zu mir sagte: So ein Sternenkind ist manchmal wie ein Wetterleuchten. Schwachsinn, dachte ich, Sternenkind, Wetterleuchten, was für unsinnige Metaphern für eine Katastrophe, die keine Worte kennt. Und für die es auch keine geben sollte. Und trotzdem, irgendwann habe ich begonnen, dem Wetterleuchten hinterherzufahren. Habe das Handy genommen, bin ins Auto gestiegen. Habe nicht hingeschaut, sondern einfach draufgehalten. Es wäre mir falsch vorgekommen, dich habe ich schließlich auch immer nur auf einem Bildschirm gesehen. Aber jetzt schaue ich hin: Nichts zu sehen. Nur eine verwackelte Dunkelheit, hier und da das gelbliche Leuchten einer Stadt, Lichter von Autos oder Straßenlaternen. Ein paar Sterne oder Satelliten. Die Flügelschläge einer Fledermaus. Doch im letzten Video, dem von eben, sehe ich etwas, ein schnelles Leuchten, ein helleres Zucken. Ein Schimmern. Alles sieht plötzlich anders aus. Wie verzaubert. In weiter Ferne ein Ort. Das Land der Feen und Kobolde vielleicht. Der Zauberer. Und da, noch weiter hinten, zwischen den Bäumen, was ist das? Da rennt jemand, schmeißt die Beine in die Luft, tanzt einen kleinen Tanz. Eine winzige Gestalt. Eine größere tritt dazu. Und schon ist es vorbei.

Ich spule zurück, schaue mir die Szene wieder und wieder an. Versuche einen Screenshot zu machen, verpasse den Moment, probiere es nochmal, jetzt ist es gelungen. Ich zoome heran auf dem dunklen Bildschirm. Und wirklich, da ist etwas, zwei schwache Umrisse vor dem heller gewordenen Himmel. Ich lege meine Finger darauf, die beiden verschwinden darunter. Ich war da. Ich werde dort wieder hinkommen.

Zur Autorin

Saskia Hennig von Lange, geboren 1976 lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern als freie Schriftstellerin in Frankfurt. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Für den Roman „Zurück zum Feuer“ wurde sie 2015 mit dem Clemens-Brentano- Preis ausgezeichnet. 2016 bekam sie den George-Konell-Preis. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Hier beginnt der Wald“ (Jung und Jung) und der Vortragsband „Der Baum denkt“ .

Saskia Hennig von Lange
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