Roman
In Träume tauchen: Jochen Schimmangs „Laborschläfer“
Er ist Privatgelehrter und Soziologe sowie – für den gleichnamigen Roman am wichtigsten – Laborschläfer: Rainer Roloff, 1950 geboren und damit ein Jahre jünger als die westdeutsche Bundesrepublik sowie zwei Jahre jünger als sein Autor Jochen Schimmang, als dessen Ich-Erzähler und mehr oder weniger entferntes Alter Ego diese Romanfigur fungiert.
Roloff ist noch viel mehr, im Roman „Laborschläfer“ erfährt man es sukzessive: Einzelgänger mit Kommunikationsausbrüchen, präziser Beobachter und deshalb von unstillbarer Neugierde, mit einem Elefantengedächtnis gesegnet oder belastet. Und auch ein unheilbarer Melancholiker scheint er zu sein. Mit seinem schnellen Denkvermögen und seinen guten Abwehrreflexen kann er die böse Schwester der schönen Traurigkeit, die Depression nämlich, bestens abwehren.
Der Urgrund des Unbehagens
So gesehen ist Roloff wie geschaffen für das Schlaflabor des Somnologen Meissner, dem er in der Phase zwischen Erwachen und Wachsein von seinen Assoziationen und Erinnerungen erzählen soll. Meissner nennt sich offen einen „Tiefseetaucher“ und hat bei seinen Forschungen nicht viel im Sinn mit Freud und dessen psychoanalytischen Artgenossen. Roloff aber scheint ganz zufrieden mit dem Verfahren. Für seinen Nebenjob fährt er drei Mal in der Woche von seiner Heimatstadt Köln in die Landeshauptstadt Düsseldorf, um dort im immer demselben Raum bei wechselnder Bettwäsche von zwei sich abwechselnden Medizinerinnen verkabelt zu werden. Sobald er das Schlaflabor betritt, empfindet er so etwas wie Heimat.
Er sei ein guter Schläfer, wird ihm jedenfalls attestiert, seine speziellen, nach dem Aufwachen geäußerten Gedanken seien von unschätzbarem Wert und trügen zum Gesamtbild des deutschen Kollektiv-Gedächtnisses bei. Weil die ihn behandelnden Ärzte zwischen zehn und 20 Jahren jünger sind als er, wird Roloff für sie (und auch für die Leserschaft) nachgerade zum Repräsentanten des Landes, das er unaufhörlich durchforstet. Und zwar nicht nur, weil er seinen Betreuern „historisch“ überlegen ist, sondern weil er als Kind in den Trümmern der zerstörten Stadt Köln gespielt hat, und somit – nicht nur metaphorisch – mit dem Urgrund des deutschen Unbehagens in Berührung kam.
Die Suche nach einem kollektiven Gedächtnis
Gewiss ist es aber auch kein Zufall, dass sich ausgerechnet in der prekären Zeitspanne zwischen Erwachen und Wachsein ein gewisser Dokumentarfilm aus der Schulzeit („Mein Kampf“ des deutsch-schwedischen Regisseurs Erwin Leiser) in sein Bewusstsein drängt, in welchem Lehrer, von denen nicht wenige Nazis oder Kriegsheimkehrer gewesen waren, ihren kaum zehnjährigen Schülern die Leichenberge der Konzentrationslager zeigten. Erklärt wurde bei dieser Gelegenheit wenig, das kollektive Gedächtnis des wacheren Teils dieser Nachkriegsgeneration aber wohl nachhaltig geprägt und mit einer traumatischen Erfahrung versetzt.
Schimmang liebt es, Anspielungen in seinen Text zu streuen, der- oder diejenigen, die damit etwas anzufangen wissen, haben es ein bisschen leichter, seinem mäandernden Gedankenfluss zu folgen. Häufig sind es popkulturelle Zitate, die da „aufhorchen“ lassen. Vor allem die Taxifahrten zwischen Bahnhof und Schlaflabor geben ständig Anlass, sich zu erinnern: Der Song „I Can’t Wait“ von den Talking Heads beispielsweise, worin die Zeile „There’s a party in my mind“ den mentalen Zustand des Probanden Roloff hervorragend charakterisiert. Und irgendwo im Buch fällt auch der Satz von der lebenslangen Zeitgenossenschaft mit den Beatles, woraus folgt: „Unter der Sonne der größten und erfolgreichsten Band aller Zeiten ließ es sich bis heute selbst mit gebrochener Erwerbsbiografie bestens leben. Da ist es nur konsequent, dass ich erst mit dem letzten der „fab four“ abtreten möchte.„
Auch ein wenig Therapie
Schimmang ist ein politisch denkender Autor, der ohne die Widerspiegelung der großen Geschichte in den individuellen Geschichten seiner Romane nicht auskommen mag. Wobei Meissner, der Chef des Schlaflabors, in seinen Evaluationen einen ähnlichen Weg geht: Er will aus Roloffs Erinnerungen vor allem die Quersumme dessen herausdestillieren, was ihm zur wissenschaftlichen Etablierung des kollektiven Gedächtnisses taugt.
Dass sich die neutrale Studie allmählich in eine Therapie für den Probanden verwandelt, ist für die Leser spannend zu beobachten. Gerät Roloff doch immer tiefer hinein in sein eigenes Leben, enträtselt das, was ihn geprägt und wohl auch traurig gemacht hat, seine Eltern (Vater Postbeamter, Mutter Hausfrau), die jüngere Schwester (erfolgreiche Medizinerin), seine zahlreichen, kaum je ernsthaft werdenden Kneipenbekanntschaften, seine kürzeren und längeren Frauen-Beziehungen: mit der jungen Vivian, die ihn bei einer Reise in die Provence begleitet, mit Bärbel, die – als Künstlerin frustriert vom bürgerlichen Rheinland – ins wilde Westberlin flieht.
Proust und Pirmasens
Marcel Prousts Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ darf natürlich nicht fehlen in diesem Roman, in dem es immer wieder um Erinnerungen an Düfte, Räume und Landschaften geht. Aber es ist auch von Rolf-Dieter Brinkmann, dem Kultautor der Siebziger, die Rede, oder von Rainer Wieczorek, der seine Novelle „Pirmasens“ mit der Besichtigung einer stillgelegten Schuhfabrik eröffnet. Die Literatur ist nie fern, einschließlich eines Katers, der – nach Herman Melvilles Erzählung – Bartleby heißt und das kunstvolle Zögern sozusagen in seinem Namen trägt.
Dass Dr. Meissner am Ende des Romans an seinem Forschungsansatz zweifelt und die Orientierung verliert, spricht nicht für seine These vom kollektiven Gedächtnis. Aber auch das Private obsiegt nicht wirklich. Die schwierige Mischung macht’s. Roloff wird nachsichtiger und weniger sarkastisch: gegenüber sich selbst und den Gestalten, die sein Gedächtnis bevölkern. Corona ist zwar schon existent im „Laborschläfer“. Von Putins Überfall auf die Ukraine aber musste der willige Proband weder wissen noch träumen.
Lesezeichen
Jochen Schimmang: „Laborschläfer“; Roman: Edition Nautilus; 327 Seiten; 24 Euro.