Literatur In Roddy Doyles Roman „Love“ trifft ein fast 60-jähriger Mann seinen Jugendschwarm wieder
„Love“. Liebe also. Alles was du liebst. Mit der erklärenden Zeile lockt der deutsche Verlag den Leser auf die falsche Fährte. Denn was „du“ liebst, damit beschäftigt sich der Roman des Booker-Preisträgers nicht wirklich.
Zwei Freunde, ein langer Abend in den Pubs von Dublin, ein Thema und viel, sehr viel Alkohol. Geraume Zeit haben sich Joe und Davy nicht gesehen. Sie treffen sich zunächst zum Abendessen, ziehen dann durch die Kneipen und trinken ungezählte Pints. Da Joe Irland verließ und mit seiner Frau Faye nach England ging, haben sich die zwei fast 60-Jährigen zwangsläufig auseinandergelebt. An diesem Abend gesteht Joe dem alten Weggefährten, dass er seine Ehefrau Trish und die Kinder verlassen hat. Wegen einer Frau, die auch Davy kennt. Beide waren sie mit 21 Jahren in sie verliebt. Sie sahen sie zum ersten Mal in einem Pub. Sie war Musikerin und spielte Cello. Sie gingen sogar zu ihrer Verlobungsparty.
Ein verhängnisvolles Wiedersehen
Zufall? Schicksal? Joe trifft sie 37 Jahre später wieder, während eines Elternsprechtages, auf dem Flur der Schule. Sie ergreift danach forsch die Initiative und ruft ihn an. Die beiden werden ein Paar, er zieht zu ihr. Der alte Kompagnon vermutet schlicht sexuelle Motive hinter dem Techtelmechtel und äußert sich auch dahingehend. Joe weist das energisch von sich. Darum ging es ihm nicht. „Als ich sie gesehen habe. In der Schule, da ist der Damm gebrochen“, erklärt er seinem Freund. Sein Gefühl: Es war wie ankommen. Es macht ihn stark, sich um sie zu kümmern. Paradox: In dem Gespräch betont er, dass er seine Ehefrau Trish immer noch liebt. Er hat fast 40 Jahre keine Lüge gelebt, meint er. Und dennoch: Jessica.
Sein Freund, glücklich verheiratet, versteht das alles nicht. Und so wird das lange Gespräch auch zu einem Disput der zwei Freunde. Es wird schon mal lauter. Des Öfteren nimmt Davy seinen Freund in den Schwitzkasten. Er analysiert ihre Freundschaft, denkt darüber nach, was ihn früher störte. Mehrmals schickt er sich an, aufzustehen und zu gehen. Weil er irritiert ist. Aber er bleibt.
Die Liebes seines Lebens?
Während des Gespräches erinnert er sich, wie er seine Frau kennenlernte, er beschreibt sie, er denkt an seinen Vater, der nicht einverstanden war mit der Liaison, und partout nicht wollte, dass sein Sohn nach England umzieht. Ihm kommt eine Krankheit in den Sinn, und natürlich denkt er auch darüber nach, wie er zu Jessica stand. Sie war auch sein Schwarm …
Jessica, schön und gut. „Love“ ist mehr, „Love“ ist ein Buch, das verschiedene Formen der Liebe aufzeigt. Der Roman handelt von der Freundschaft zweier Männer. Es geht um die Liebe zwischen Vater und Sohn. Es geht um die Liebe von Ehepartnern. Und es geht um die romantische Liebe, wofür Joe und Jessica stehen. Ein wenig Nächstenliebe finden wir auch.
Die unbekannte Schöne
Etwas verwunderlich: Von Jessica erfährt der Leser sehr wenig, mitgeteilt wird lediglich, dass der Star von einst nicht besonders glücklich wurde im Leben. Diese sparsame Schilderung ist unbefriedigend. Man hätte doch gerne mehr gewusst über die hübsche Musikerin.
Am Ende des Romans erhält Davy einen Anruf, und es gibt noch einmal einen neuen Dreh in der Geschichte. Roddy Doyle hat da eine Botschaft für seine Leser, aber sie kommt nicht subtil daher, sondern in großen, dicken Buchstaben. Da unterschätzt der Schriftsteller seine Leser sicherlich ein bisschen.
Lesezeichen
Roddy Doyle: „Love. Alles was du liebst“, Roman, aus dem Englischen von Sabine Längsfeld; Goya; 347 Seiten; 22 Euro.