Literaturnobelpreis RHEINPFALZ Plus Artikel In Deutschland noch zu entdecken: die US-Dichterin Louise Glück

„Ich war am glücklichsten, wenn ich gelesen habe“, sagt Louise Glück über ihr Aufwachsen. Die 77-Jährige lehrt noch heute Litera
»Ich war am glücklichsten, wenn ich gelesen habe«, sagt Louise Glück über ihr Aufwachsen. Die 77-Jährige lehrt noch heute Literatur in Yale.

Das ist mehr als eine Überraschung: Der Literaturnobelpreis geht an die US-Dichterin Louise Glück. Das Werk der 77-Jährigen ist noch nicht einmal eingefleischten Lyrikprofis hierzulande bekannt. Die beiden einzigen von ihr ins Deutsche übersetzten Gedichtbände sind derzeit vergriffen. Ihr Verlag Luchterhand bemühte sich gestern um die Verlängerung der Druckrechte.

Für „ihre unverkennbare poetische Stimme“, mit der sie „mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell“ mache, zeichne die Schwedische Akademie Louise Glück mit dem Literaturnobelpreis aus, sagte am Donnerstagmittag der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm. Und löste bei vielen Zuhörern der auch live gestreamten Nobelpreisverkündung Verwunderung aus. Louise Glück? Nie gehört ...

Doch es lohnt sich, die Gedichte der neuen Literaturnobelpreisträgerin, die sich selbst laut Mats Malm überrascht und glücklich von der Auszeichnung gezeigt hat, nun zu entdecken. Sie handeln von Gefühlen und Gedanken, haben immer etwas Privates und Intimes. Glück, die ungern im Scheinwerferlicht steht, aber in den USA bereits vielfach ausgezeichnet wurde, ist 1943 in New York zur Welt gekommen und wuchs in Long Island auf. Ihr Debüt „Firstborn“, das sie selbstkritisch inzwischen als „dünn und uninformiert“ beschreibt, erschien bereits 1968, elf weitere Gedichtbände folgten, dazu Essays über Poesie. Glück ist Literaturprofessorin und lehrt an der Elite-Uni Yale in New Haven (Connecticut) Englisch.

Hinter Büchern versteckt

Lediglich zwei ihrer Gedichtsammlungen sind ins Deutsche übertragen worden: „Averno“ (2007), in der sie sich dem Zusammenspiel von Mythologie und Mensch nähert, und „Wilde Iris“ (2008) über den Kreislauf von Natur und menschlichem Dasein, das als ihr bestes Werk gilt. Beide Bände sind derzeit nicht lieferbar. Die Rechte sind ausgelaufen. Karsten Rösel vom Verlag Luchterhand klang gestern am Telefon daher etwas angespannt. Sein Team bemühte sich, die Rechte zu verlängern, „um dann gleich die Druckmaschinen anwerfen zu können“, sagte er auf RHEINPFALZ-Anfrage. Übertragen hat die Gedichte Ulrike Draesner, selbst Luchterhand-Autorin, „in eine kunstvolle deutsche Sprache“, freut sich Rösel auch für die renommierte Schriftstellerin seines Verlags.

Schon als junges Mädchen hat sich Louise Glück gerne hinter Büchern versteckt. „Ich war ein einsames Kind“, sagte sie einmal in einem ihrer seltenen Interviews. „Meine Interaktionen mit der Welt als soziales Geschöpf waren unnatürlich, gezwungen, und ich war am glücklichsten, wenn ich gelesen habe.“ Besonders bei Gedichten habe es sich angefühlt, als ob die Autoren direkt zur ihr sprächen. „Mein frühes Schreiben war dann ein Versuch, mit diesen Autoren zu kommunizieren, ihnen zu antworten.“

„Musik der Gedanken“

Auch als erwachsene Autorin zieht Louise Glück weiterhin Bücher scheinbar Menschen vor. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Art von Person bin, nach der sie jemals suchen würden“, sagte die Autorin, nachdem sie Anfang der 2000er Jahre zur offiziellen Dichterin der Kongressbibliothek in Washington gekürt worden war. „Denn ich habe sehr geringes Interesse an öffentlichem Leben auf die Art, wie sie es verstehen.“

Die öffentlichen Auszeichnungen häuften sich für die Lyrikerin trotz ihrer Ablehnung des Scheinwerferlichts: Sie bekam unter anderem Guggenheim-Stipendien, den Pulitzer-Preis und den National Book Award. Glücks Spezialität sei es, „die ganz spezielle Musik der Gedanken zu imitieren“, würdigte die „New York Times“ die Dichterin einmal.

„Benutzt sich selbst als Labor“

In Glücks Texten geht es um Themen wie Einsamkeit, Familienbeziehungen, Liebe, Verzweiflung, Scheidungen und Tod – oft durchwirkt mit klassischen antiken Mythen und Sagen. „Das ist die normale menschliche Erfahrung“, sagt Glück. „Man benutzt also sich selbst als Labor, um darin die für einen selbst zentralen menschlichen Dilemmas zu üben und zu meistern.“

Die Lyrikerin wuchs als Tochter eines Unternehmers und einer Hausfrau in New York auf und litt als Kind unter Essstörungen. Studiert hat sie am Sarah Lawrence College und an der Columbia University in New York.

Pfälzer Vorfahren?

Ein Nachname wie Glück indes klingt nach deutschen Vorfahren, vielleicht sogar Westpfälzern, wo der Nachname, etwa in Hütschenhausen und Matzenbach , heute noch geläufig ist. Doch Recherchen des Historikers Roland Paul ergaben: Louise Glücks Familie väterlicherseits hat ihre Wurzeln in Ungarn. Ihr Großvater, der jüdische Zigarrenmacher Henry Glück, wanderte im 19. Jahrhundert von dort nach New York aus, wo die Glücks seither leben.

Sie schreibe auf zwei ganz unterschiedliche Arten, sagt Glück. Entweder ganz langsam oder ganz schnell. „Es gibt die Gedichte, die immer und immer wieder neu bearbeitet werden, auseinandergenommen werden, aber in sehr komprimierter Zeit. Und dann gibt es Gedichte mit widerspenstigen Wörtern, Phrasen, Dinge, von denen ich denke, dass sie besser sein könnten.“ Wichtig sei aber die stetige Veränderung: „Sobald ich mich selbst fassen und beschreiben kann, will ich sofort das Gegenteil tun.“

Die Nobelpreise sind in diesem Jahr mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 950.000 Euro) pro Kategorie und damit einer Million Kronen mehr als im Vorjahr dotiert. Vergeben werden sie am 10. Dezember im Rathaus in Stockholm. Die Preisträger sollen der Zeremonie aus ihren Heimatländern zugeschaltet werden.

Zwölf Bände mit Gedichten hat Glück veröffentlicht, die beiden auf Deutsch erschienenen sind vergriffen.
Zwölf Bände mit Gedichten hat Glück veröffentlicht, die beiden auf Deutsch erschienenen sind vergriffen.
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